Magazin | MutMacher
Karin Stelzl (85)

»Zufällig wurde ein kleines Dorf unsere Heimat«

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»Ich gucke nach vorne, nicht nach hinten. Meine zwei Herzinfarkte waren nicht ohne. Doch heute geht es mir wieder besser. Im Moment genieße ich Glücksgefühle, denn spürbar für mich hat sich meine Sehkraft trotz meiner problematischen Makula verbessert.«

Es ist die Geschichte eines Ehepaares, das nach einem intensiven Berufsleben Stuttgart aufgrund einer schweren Erkrankung verlassen und zufällig in einem kleinen Dorf seine Lebensheimat gefunden hat. Karin Stelzl muss seit einem Jahr die Geschichte allein weiter schreiben . . . dazu gehören aber immer ihre Schabenhausener.

»Unser Leben war interessant, und ein Zufall führte uns von Stuttgart nach Schabenhausen. Mein Mann benannte den Ort als seine Heimat, obwohl er von Geburt an Stuttgarter war. Als wir Haus und Garten nicht mehr allein bewältigen konnten, mein Mann war sechs Jahre älter als ich und starb vor einem Jahr, suchten wir uns eine passende Bleibe und fanden sie im KWA Kurstift in Bad Dürrheim. Vor kurzem war ich wieder in unserem Schabenhausen. Als ich den Buckel runterfuhr, mein Auto bei unserer früheren Nachbarin parkte, überkam mich ein unvorstellbar starkes Heimatgefühl. Zu unserem Sen Club habe ich noch immer enge Kontakte. Mein Mann und ich waren bei der Gründung dabei. 13 Jahre lang leitete ich die Sportgruppe der Senioren. Von Anfang an war das kleine Dorf unser Wohlfühlort.

» Unser Schicksal hatte zwei Seiten . . .

Alles begann mit dem schweren Herzinfarkt meines Mannes und seiner Reha in Königsfeld. Dort sollte er für eine schwere OP fit gemacht werden. Dazu kam die Info, dass er anschließend Rentner sein werde. Damals war mein Mann 59 Jahre alt und verzweifelt. Klipp und klar erklärte er mir, dass er sechs Reha-Wochen dortbleiben müsse und das aber bestimmt nicht tut, wenn er allein ist. Entweder ich komme in seine Nähe oder er kommt heim. Ich packte mein Fahrrad aufs Auto und nahm mir in Königsfeld eine Ferienwohnung unmittelbar in seiner Nähe. Nach zwei Wochen machte mein Mann einen Vorschlag. Weil er tagsüber wenig Zeit hatte, sollte ich doch mal nach einem Häuschen Ausschau halten. Ohnehin hatten wir schon länger vor, im Alter aus dem Ballungsgebiet Stuttgart wegzuziehen. Ich inserierte und fand trotzdem nichts Passendes. Dann kam der zweite Vorschlag von meinem Mann: Gucke doch mal nach einem Plätzle. Ich fuhr mit meinem Fahrrad nach Neuhausen. Der damalige Ortsvorsteher gab mir Adressen, die ich erfolglos abklapperte. Keiner wollte verkaufen. Ich fuhr weiter nach Schabenhausen und klingelte im ersten Haus. Dort erfuhr ich, dass der Ort zu Niedereschach gehört und 26 neue Bauplätze im Plan seien. Mein nächstes Ziel war das Rathaus. Ich kämpfte mich bis zum Bürgermeister vor. Der hatte keine Zeit, weil er sich dringend um die Baustelle der Straße von Niedereschach nach Schabenhausen kümmern musste. Seine Sekretärinnen waren unheimlich nett und gaben mir die neuen Baupläne. Ich suchte mir einen Platz an der Straße nach Neuhausen aus, wollte aber vorher wissen, wie laut es da ist. Also legte ich mich in die Wiese und zählte die Autos. Am Abend fuhr ich mit meinem Mann dahin. Er war einverstanden. Am nächsten Tag bin ich wieder aufs Rathaus gegangen. Die Mitarbeiterinnen machten mir Mut und meinten, dass ich hartnäckig bleiben und nicht ohne Zusage weggehen sollte. Bürgermeister Sieber erklärte mir wieder seine Zeitnot. Und weil ich immer, wenn es um die Gesundheit meines Mannes ging, nie zimperlich war, antwortete ich: Doch, die Zeit müssen Sie sich nehmen. Mein Mann ist schwer krank und braucht ein Highlight wegen einer schweren Herz-OP. Sieber gab zu bedenken, dass die Schabenhausener und Niedereschacher Vorrang hätten. Das verstand ich, und sagte ihm, dass ich deswegen schon nicht die besten Plätze ausgesucht habe. Das Eis war gebrochen, er wollte wissen, welcher Platz uns interessiert und stimmte zu.

» . . . und plötzlich war mein Mann happy

Ich ging zur Ärztin, fragte sie, ob es nicht zu stressig werde, denn mein Mann verlangte Millimeterpapier und wollte unser Haus entwerfen. Für die Ärztin war das positiver Stress, der ihm richtig guttun wird. Wir organisierten ein Bauunternehmen und den Architekten.

Der Bau bewegte bei meinem Mann viel. Er wollte leben und stimmte 1993 einer völlig neuen Methode für seine Herz-OP in Stuttgart zu. Sein Vertrauen in die Ärzte war groß und alles hat gut geklappt. Nach vier Tagen kam er nach Hause und nochmal in eine Reha. Im Jahr darauf am 10. April 1994 wurde ausgebaggert und vier Monate später sind wir ins neue Haus eingezogen. Zum 60. Geburtstag meines Mannes haben wir ein großes Garagen- und Einzugsfest mit vielen Nachbarn gefeiert. Wir hatten dort eine wunderschöne Zeit.
Nach dem zweiten Schlaganfall meines Mannes war uns klar, dass wir Haus und Grundstück nicht mehr bewältigen können. Wir schauten uns nach einer passenden Bleibe um, waren häufiger zum Essen und Kaffeetrinken im KWA in Bad Dürrheim, bis wir überzeugt waren, dass wir dort einziehen möchten. Natürlich ist das eine Umstellung. Wir mussten uns stark verkleinern. Unsere neue Wohnung ist so groß wie unser früheres Wohnzimmer. Vieles wurde aussortiert. Teilweise haben wir trotzdem unsere 40 Jahre alten Möbel mitgenommen. Von Anfang an haben wir Angebote des Hauses genutzt und Kontakte mit den anderen Bewohnern gesucht. Wir spielten Canasta, ich ging zum Kegeln und habe einen Handarbeitsnachmittag ins Leben gerufen. Das alles hat zu unserem Wohlbefinden beigetragen. Eins ist für mich komisch. Ein Besuch auf dem Friedhof sagt mir gar nichts. Aber wenn ich hier in meiner kleinen Wohnung bin, dann ist mein Mann immer gegenwärtig. Das ist mir wichtig.

Ewald ist 2024 im November gestorben. Mit ihm hatte ich wirklich großes Glück, 48 Jahre waren wir verheiratet. Wir haben jeder zwei Kinder aus einer früheren Beziehung. Sie alle haben es zu etwas gebracht. Und ich bin meinem Leben dankbar, nach allem, was ich selbst hinter mir habe. Eigentlich haben wir alles richtig gemacht. Nur ein Beispiel, was viele Menschen betrifft: Von Anfang an haben wir alles gemeinsam entschieden. Dazu gehörte auch, dass wir gemeinsam Informationen zu Zahlungen und Rechnungen für Strom, Telefon, Internet, Versicherungen, Bankgeschäfte etc. hatten. Ich war in allen Dingen auf dem gleichen Stand wie mein Mann. Das kommt mir heute zu Gute. In seiner letzten Lebenswoche bat mich mein Mann um unser Album von unserem Beginn in Schabenhausen. Am Ende waren seine Worte: Das ist meine Heimat geworden.«

»Am Ende waren seine Worte: Das ist meine Heimat geworden.

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»In der Corona-Zeit sollte ein Bild von uns Keglern im KWA gemacht werden. Also haben wir für die gewünschten Abstände die Treppe genutzt.«
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»Seidenmalerei war meine Leidenschaft. Nicht nur das, sondern alles, was ich kreativ mit den Händen erreichen konnte. Ich hatte viel Geduld beim Basteln, Nähen und Stricken. In unserer Bastelrunde im KWA entstanden marmorierte Plastikeier für Ostersträuße und Eier-Kränze.«