Magazin | MutMacher
Wie schafft man ein vertrauensvolles Zusammenleben?

Erfahrungen im Mehr-Generationen-Haus

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Dr. Henning Scherf, ehemaliger Präsident des Senats und Bürgermeister der Freien Hansestadt Bremen, lebt in einer Hausgemeinschaft in der Bremer Innenstadt – eine Wohnform, die er und seine Frau Luise sich bereits während des aktiven Arbeitslebens ausgewählt und mit entwickelt haben. Unsere Gesellschaft verändert sich sehr auffällig.

 

Unsere Gesellschaft verändert sich

Zwei große Veränderungen stehen an. Die eine ist eine immer älter werdende Gesellschaft und die dramatischere ist die Zunahme von Singlehaushalten. Bereits heute lebt in jeder zweiten Wohnung nur eine Person. Uns liegt eine gesicherte Untersuchung vor, dass es weltweit über 841 Menschen gibt, die älter als 110 Jahre alt sind. Es ist wichtig, für Singles und alte Menschen Wohnformen zu finden, in denen sie nicht vereinsamen müssen. Dabei ist egal, in welchem Teil der Erde sie leben, ob sie auf dem Land oder in der Stadt wohnen, arm oder reich, schlecht oder gut gebildet sind. Es wäre wünschenswert, dass diese Menschen andere Menschen finden, die alltäglich in ihrer Nähe sind, nicht nur wenn es Probleme gibt. Insbesondere gilt das natürlich für alte alleinlebende Menschen. Viele wollen ihre Hände nicht in den Schoß legen, sie wollen noch was zu tun haben, jeder wie und was er kann. In früheren Zeiten lebten die Generationen zusammen, da hatten auch die alten Menschen Aufgaben, waren beteiligt und gefragt. Die haben nicht in der Ecke gesessen und gesagt: Es kommt ja keiner mehr.

Doch über 95 Prozent unserer Häuser und Wohnungen sind nicht für eine solche Gesellschaft gebaut und eingerichtet. Am Anfang ging es um Familie und Arbeit. Treppen oder Badewannen waren kein Problem. Im Alter ist das anders. Man muss auch schauen, wie die Küchen organisiert sind. Kann man im Sitzen hantieren und ist Platz für einen Rollstuhl? Für ein selbstständiges Leben plädiere ich für Umbau, damit auch alte Gebäude nicht vergammeln. Und dann ist die Frage, wie kriegt man das hin, dass ein Leben in Gemeinschaft möglich ist – für die, die das möchten.

Wir haben frühzeitig über unsere Lebensansprüche nachgedacht

Unsere Kinder sind über den Globus verteilt. Als sie allein für sich verantwortlich wurden, hatten wir andere Ansprüche an unser Leben. Meine Frau und ich waren noch jung, erst Anfang 50. Mit Freunden, die sich ein Zusammenleben vorstellen konnten, haben wir uns zusammengesetzt, geplant, miteinander Urlaub gemacht und sind so näher zusammengerückt. Am Ende sind zehn – Paare und Singles – übrig geblieben. Über vier Jahre haben wir ein Modell der gemeinsamen Lebensform entwickelt und durchgerechnet, denn ein größeres Haus musste gekauft und finanziert werden. Drei Familien – wir waren auch dabei – haben das alte Haus von 1829 gekauft und umgebaut. Die anderen, die dafür kein Geld hatten, haben sich an der Tilgung des Kredites beteiligt. Das haben wir sauber geregelt. Jetzt ist es abbezahlt. Da fällt eine große Last von uns. Von den zehn, die mitgemacht haben, sind sechs in meinem Alter. Wir haben immer darauf geachtet, dass wir auch aus der jüngeren Generation Leute im Haus haben. Jeder hat sein eigenes Reich. Jeder kann sich zurückziehen, wenn er Krach hat mit anderen. Ganz wichtig: Kein Zwang, kein kollektiver Druck – alles muss freiwillig passieren, man muss wählen können und Spielraum haben. Alle Mitbewohner können Übernachtungsgäste empfangen, dafür haben wir Räumlichkeiten.

Sich gegenseitig helfen hält zusammen

Wir sechs Rentner und Pensionäre essen gelegentlich am Mittag gemeinsam. Die anderen können dazu kommen, wenn sie Zeit haben. Jeder kann alle einladen, das geht reihum. Auch wir Männer haben Kochen gelernt. Ein festes Ritual ist das gemeinsame Frühstück am Sonnabend. Jeder erfährt am Schwarzen Brett, wie oft im Jahr er mit der Frühstücksvorbereitung dran ist. Für den Einzelnen ist das kein Problem, man muss auch nicht hin und her rechnen. Wir haben auch Singles, die genießen das gemeinsame Frühstück und erleben unser Haus als Familie. Wichtig ist, alle essen mit Appetit und trinken genug. Daran erinnern wir uns gegenseitig. Gemeinsam geht das besser. Da wir mitten in der Stadt wohnen reicht ein Auto für alle. Man spricht sich ab, hilft sich gegenseitig. Ich fahre nicht mehr gern im Dunkeln. In der Gemeinschaft kann man das gut organisieren. Plötzlich hat sich bei uns auch das Radfahren wieder entwickelt. Nachdem wir zwei Jahre im Haus zusammen wohnten, hatten wir eine todkranke Mitbewohnerin mit gerade mal 50 Jahren. Sie hat entschieden, dass sie bei uns bleiben möchte und das war für uns die Maßgabe. Alle waren damals berufstätig. Allein schafft das keiner, aber gemeinsam haben wir geschafft, dass sie niemals, auch nachts nicht, allein war. Nach Ihrem Tod erkrankte ihr Sohn ebenfalls an der tödlichen Krankheit. Auch er wollte zu Hause gepflegt werden. Wir haben uns das versprochen und gemacht. Für uns waren das sieben Jahre. Auch Männer lernen die Pflege. Da geht manches in intime Bereiche, aber das lernt man, das schweißt zusammen und ist Basis eines solchen Projektes. Als Mitbewohner einen Schlaganfall hatten, haben wir sie mitgenommen, motiviert und unterstützt. Wir alle haben eine wunderbare Erfahrung gemacht: Mit Training kann man viel erreichen, manches kommt wieder. Spannungen gehören natürlich auch dazu, Kräche kommen vor. Man muss sich ermutigen, darüber zu reden. Wenn es nicht geht über Dritte. Konfliktbearbeitung kann man üben.

Den Ernstfall durchgespielt und begonnen zu organisieren

Die ersten von uns sind über 80 Jahre alt. Was wird, wenn einige vielleicht dement werden, wir es gemeinsam nicht mehr schaffen, alle ein Pflegefall sind? Das kann auch bei unserem Mehr-Generationen-Konzept passieren, denn die Jüngeren müssen ja täglich arbeiten. Dennoch haben wir vorgesorgt und uns nach einer professionellen ambulanten Pflegebereitschaft umgesehen. Das beginnt mit einem Alarmknopf, mit Putzhilfen oder der Unterstützung beim Einkaufen und Kochen. Wenn wir alle Pflegestufe 3 hätten und die bezahlten Leistungen von der Pflege- und die Krankenversicherung mit einrechnen, kommen wir pro Person auf eine Nettobelastung von 1000.- € pro Monat – für den ungünstigsten aller Fälle. Das könnten nicht alle zahlen, aber wir haben beschlossen, wir ziehen das gemeinsam durch. Wir müssen lediglich eine Wohnung für die Pflegekräfte zur Verfügung stellen. Dazu nehmen wir die Gästewohnung. Das heißt, jeder kann bis zum Lebensende in seinen vier Wänden wohnen bleiben.

Ich spüre, dass wir eine neue Altersgeneration haben

Seit Jahren versuche ich rauszukriegen, wie Demenz-Wohn-Gemeinschaften funktionieren. Dort wohnen Leute, die eine Alternative zum Heim suchen. Man ist geschützt, aber kann machen was man will. Einige Gemeinschaften habe ich kennengelernt, mich dort für Wochen einquartiert. Jeder hatte ein Apartment mit Nasszelle. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mit Menschen, die mobil aber dement sind, gut in einer Gemeinschaft leben kann. Diese Menschen arbeiten mit in der großen Gemeinschaftsküche. Die Leute spüren, da geht doch noch was, ich werde gebraucht, kann Spaß haben und döse nicht vor dem Fernseher vor mich hin.

Den gemeinnützigen Trägern rate ich, den Kampf mit den Privaten nicht über den Preis, sondern über die Qualität zu führen. Wenn sie das Verhältnis ambulant und stationär überdenken, dann sind sie hoch attraktiv.

Wo findet man Gleichgesinnte?

Das ist inzwischen eine große Szene. Von Trägern, die sich um gemeinschaftliches Wohnen bemühen kenne ich ein paar gut: die Caritas in Köln (www.caritas.erzbistum-koeln.de), die Stiftung Liebenau (www.stiftung-liebenau.de), das Johanneswerk in Bielefeld www.johanneswerk.de), das Forum Gemeinschaftliches Wohnen e.V. in Hannover (www.fgw-ev.de), die Bremer Heimstiftung (www.bremer-heimstiftung.de). Die haben 23 Anlaufstellen übers ganze Land verteilt. In Baden-Württemberg kann man sich an das Sozialministerium wenden: Mail: poststelle@sm.bwl.de oder an buergerreferent@sm.bwl.de.

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Henning Scherf hat in unzähligen Büchern beschrieben, wie man den dritten Lebensabschnitt mit Lebensfreude begegnen und bewältigen kann.
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