Wer nichts probiert, hat schon verloren
Am Telefon klingt in der Stimme der blinden Frau kein bisschen Wehmut. Im Gegenteil, hier scheint die Lebensfreude ein Mitbewohner zu sein. Sie sprüht vor Energie, spult fast schon ihr ganzes Leben ab. Wir verabreden uns bei ihr zu Hause in Sulz. Sie freut sich auf das Gespräch und meint: »Also tschüss, wir sehen uns.« Sabine und ihr Mann Jürgen haben für unser Gespräch alles vorbereitet.
»Ich habe ein Buch geschrieben, der erste Band liegt auf dem Tisch, daneben das Lesezeichen zum Titel ›Mein Leben als Blindfisch‹. Im ersten Buch erzähle ich über mein Leben von Kindheit an. Mein Mann Jürgen hat mir beim Schreiben niemals reingeredet. Ein zweiter Band ist in Arbeit. Obenauf liegt ein Zettel, auf dem ich Infos – ähnlich wie bei leidmedien.de – zusammengestellt habe, damit sich Menschen nicht mit Worten wehtun können. Blind bin ich von Geburt an. Meine vier Geschwister sind nicht blind. Im Vorwort meines Buches erzählt meine Mutter, wie ich in der Rasselbande der Dorfkinder integriert war und selbst vorm Radfahren nicht zurückschreckte. Als Kind wurde ich nicht in Watte gepackt. Dafür bin ich meiner Familie sehr dankbar.
»Das Telefon hat uns zusammengebracht
Nachdem ich meine Lehre abgeschlossen hatte, wollte keiner eine blinde Bürokauffrau einstellen. Ich bekam einen Job bei der Telekom in Düren (NRW) und bei der Arbeit lernte ich meinen Mann kennen, der bei der Telekom in Rottweil arbeitete. Wir haben öfter miteinander telefoniert und uns nach Monaten zum ersten Mal getroffen. Natürlich weiß ich nicht, wie mein Mann aussieht. Meistens passt meine Vorstellung auch nicht zu einer Person. Und deshalb mache ich mir auch kein Bild. Mit dem Zug sind wir oft hin und her gefahren. So kamen wir zusammen und haben 1994 geheiratet. Wie das Leben spielt, zog ich hierher, zuerst nach Rottweil in eine günstige Postwohnung meines Mannes. Die Chancen für einen Arbeitsplatz waren für uns beide überall schlecht. Mit seinem starken Handicap seit seinem 20. Lebensjahr hätte es mein Mann auch in meiner Heimat schwer gehabt, Arbeit zu finden. Jürgen hat aufgrund eines Blutgerinsels eine Spastik und Sprachbehinderungen. Später kamen Epilepsie-Anfälle dazu. Als es Jürgen noch etwas besser ging, zogen wir nach dem Tode seines Vaters in sein Elternhaus in Sulz und pflegten seine Mama zu Hause, bis sie verstarb. Zum Glück haben wir jemanden, der uns in dem wunderschönen Garten viel Arbeit abnimmt. Inzwischen kommt von der Stiftung Heiligenbronn dreimal in der Woche eine Assistenz. Das sind Alltagsbetreuerinnen, die mit uns zum Einkaufen fahren, gemeinsam backen oder Töpfe im Garten bepflanzen. Sie ermöglichen uns ein normales Alltagsleben. Niemals entscheiden sie über unsere Köpfe hinweg. Sie fragen uns, was wir gern machen möchten und helfen dabei. Wir haben zusammen schon viele schöne Stunden verbracht. Bei uns in Sulz gibt es eine Inklusionsgruppe, die sich einmal in der Woche trifft. Jeder ist willkommen, auch Menschen ohne Handicap. Unsere Assistenzen gehen mit, unterstützen uns beim Basteln und Malen.
»Vor acht Jahren überlebten wir eine Katastrophe
Der Übeltäter war ein Wäschetrockner. Wir hatten uns zum Mittagsschlaf hingelegt. Ich wurde schnell wieder wach und ein blödes Gefühl zog mich in den Keller. Als ich die Tür öffnete, hörte ich die knackenden Geräusche eines Feuers. Wir zwei konnten uns rechtzeitig retten und kamen ins Krankenhaus. Die Feuerwehr kam schnell, trotzdem war unser Haus nicht mehr bewohnbar. Die Stadt Sulz stellte uns eine Wohnung als Zwischenlösung zur Verfügung. Wir hatten nur das, was wir am Leib hatten. Spenden haben uns geholfen, Kleidung zu kaufen. Lange stand nicht fest, ob wir in unser Haus zurück können. Die Versicherung prüfte, ob sich eine Sanierung rentiert. Wir standen unter Schock, versuchten aber das Positive zu sehen: Wir leben beide. Bis heute habe ich den Brand nicht überwunden. Ich würde immer noch nicht allein in unserem Haus übernachten. Wenn ich die Feuerwehr höre, muss ich mir heute noch die Ohren zuhalten. Mein Mann ist ein starker Optimist, der verkraftet das besser. Immer wieder grübele ich, warum ich aufwachte und es mich in den Keller zog. Auch wenn viele vielleicht lachen. Meine Antwort ist heute noch, dass meine beste Freundin, die vorher verstarb, uns rechtzeitig geweckt hat.
Wir beide lieben unser altes Haus. Über unseren großen Gewölbekeller erzählte eine Nachbarin, dass sie und andere hier drinnen Schutz gesucht haben, wenn Bomben fielen. Seither haben wir eine Ehrfurcht, wenn wir den Raum betreten. Wir wollen im Haus solange leben, wie wir können und versuchen, mit unseren Assistenzen den Alltag hinzubekommen. Der Umzug in ein Heim ist für uns unvorstellbar. Wir haben auch eine nette Putzfrau, die zweimal in der Woche kommt und sich sehr bemüht.

»Unser Auto heißt Stromerle, weil es an einer Steckdose aufladbar ist. Es macht beim Fahren Geräusche. Ich habe auf der Straße ein großes Problem mit den richtigen E-Autos. Die höre ich nämlich nicht. Für mehr Sicherheit sollten sie Geräusche von sich geben.«
»Freudentränen flossen vor zwei Jahren
Nach einem langen Kampf mit viel Willenskraft, der an die Substanz ging, bekamen wir vom Landratsamt ein Seniorenmobil bewilligt. Mein Mann fährt und lenkt mit der gesunden Hand an einer Einhandkurbel. Seither steht ein kleines knallrotes Auto in der Garage, es kann über eine normale Steckdose geladen werden. Dieses Autole gibt uns viel Freiheit. Es fährt mit 25 Stundenkilometern und hat eine Reichweite von 30 Kilometern. Inzwischen sind wir 4000 km gefahren. Wir fahren gern in Sulz an die Kreissparkasse, gehen im Park ein paar Schritte – Jürgen kann seit einem Sturz ganz schlecht laufen –, dann setzen wir uns auf eine Bank. Leider gibt es unsere kleine Eisdiele in Mühlheim nicht mehr. Die Leute dort waren sehr nett und das Eis lecker. Bei schönem Wetter sind wir zwei immer unterwegs.«
»Wir beide haben Wünsche und Hobbys
Jürgen kommt ins Schwärmen: »Ich bin ein extremer Fan der Wild Wings, auch wenn es ein ruppiges Spiel ist. Die Spiele schauen wir im Fernsehen an. Zweimal haben wir uns eine Reise ins Schwenninger Eisstadion gegönnt. Das Erlebnis einer phantastischen Stimmung war unglaublich. Mittendrin fühlten wir beide uns richtig wohl. In meinen Augen ist das Leben. Lustig und fröhlich sein ist ansteckend und mögen wir beide. Mein geheimer Wunsch ist, mal wieder ein Spiel live zu sehen und vielleicht auch mal mit einem Spieler zu sprechen. Im Stadion waren die Fans zu uns unheimlich hilfsbereit.« Sabine hakt schnell ein: »Mein Jürgen ist auch glücklich, wenn er im Baumarkt ist. Dann kauft er gern mal einen Bohrer und werkelt daheim, was ihm möglich ist. Unsere Wände hat er mit Familienbildern und SERC-Erinnerungen reichlich bestückt.
Mein Part zu Hause ist vor allem die Arbeit an Computer, Handy und Tablet. Da ist mein Mann außen vor. Ich brauche nicht alle Funktionen der Geräte. Was ich benötige, habe ich mir durch Ausprobieren selbst beigebracht. Mein Hobby ist lesen, das geht mit E-Books sehr gut. Mein besonderer Wunsch ist leider unmöglich: Tatsächlich würde ich gern Löwen streicheln. Ansonsten lebe ich mein Leben ganz normal: Ich bestimme es, nicht meine Behinderung.«

»Ich lebe mein Leben ganz normal: Ich bestimme es, nicht meine Behinderung.«