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Erfolgreich gegen Herztod und Lebenseinschränkungen

Wenn Minuten für ein gesundes Herz entscheiden

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Oberarzt Dr. med. Sebastian Jäckle im Beratungsgespräch mit einer Patientin.

Der plötzliche Herztod ist die häufigste Todesursache – in Summe passiert es häufiger als bei allen Krebsarten zusammen. Mit aller Deutlichkeit weist Prof. Dr. med. Werner Jung darauf hin, dass Anzeichen sehr ernst genommen werden müssen, und er vergleicht bildhaft das Ausmaß von zirka jährlich 100.000 Todesfällen mit einem täglich abstürzenden Jumbo.

Herr Prof. Jung, was sind typische Warnsignale, wann sollte der Notarzt gerufen werden?
Vor allem bei Männern sind Brustschmerzen, die über 20 Minuten anhalten und in den linken Arm, den Kiefer oder in den Rücken ausstrahlen, hochgradige Anzeichen. Frauen haben dagegen häufiger versteckte Symptome wie Luftnot und kommen deshalb oft verspätet oder gar nicht zum Arzt. Die dritte Gruppe sind die Diabetiker, die keinen Schmerz spüren. Jeder zweite Zuckerkranke hatte einen Herzinfarkt und weiß nichts davon. Grund ist, dass die Nervenstränge, die den Schmerz auslösen, abgestumpft sind. Typische Anzeichen sind auch, wenn beim Bergaufgehen ein Druck auf der Brust gespürt wird, der beim Stehenbleiben wieder weggeht. Für die Überweisung zum Kardiologen sollte der Hausarzt aufgesucht werden.

Weisen Todeszahlen Unterschiede zwischen Frauen und Männern auf?
Ein klares nein, wenn man auf die Gesamtgruppe schaut. Im jüngeren Lebensalter sind es mehr Männer, später holen die Frauen deutlich auf. Aber Frauen sind immer noch deutlich unterbehandelt, was den Unterschied der Symptome angeht. Das kommt daher, dass Männer klassischerweise Angina pectoris, also die engere Brust haben.

Spielt das Alter eine Rolle?
Wir haben Patienten in den Dreißigern. Das sind häufig Raucher. Klassisch ist die Altersgruppe zwischen 50 und 70.

Risikofaktoren sind wahrscheinlich die üblich Verdächtigen …
Es reicht, wenn einer der Faktoren zutrifft: Rauchen, Zuckerkrankheit, Cholesterinerhöhung – die sogenannte Hypercholesterinämie, Bluthochdruck, Bewegungsmangel, Übergewicht …

Hat man persönlich trotzdem eine Chance, etwas für sich zu „reparieren“, oder gilt: einmal geschädigt, immer geschädigt?
Man kann immer etwas tun. Ein Beispiel: Wer einen Bluthochdruck von 180 hat, adipös ist, 120 Kilogramm wiegt, sich nicht bewegt und noch dazu raucht, erreicht mit der kompletten Umstellung seines Lebensstils mehr, als mit allen notwendigen Medikamenten. Man kann sein Risiko immens senken. Was richtig abgestorben ist, kann allerdings nicht wiederbelebt werden. Erkennt der Patient, dass er durch eine Lebensumstellung sein Risiko einschränkt, dann hat er tatsächlich die Chance, selbst einem ernsten Gesundheitsrisiko gegenzusteuern.

Kann ich als Angehöriger im Notfall Fehler machen?
Ja, wenn sie den Notarzt nicht rufen. Die meisten legen sich hin, Angehörige bringen einen nassen Waschlappen, machen das Fenster auf und so geht wertvolle Zeit verloren. Auch die Idee, am nächsten Tag zum Hausarzt zu gehen, ist bei Symptomen falsch.

Gibt es ein Zeitfenster für den Herzinfarkt, in dem lebenserhaltende Maßnahmen gute Chancen haben?
Selbstverständlich, wenn Patienten innerhalb der ersten drei Stunden kommen, ist das Gefäß komplett zu retten und wir können den Infarkt verhindern. Dauert es länger, geht meistens Herzmuskelgewebe zugrunde.

Woran erkennen Sie schnell einen Herzinfarkt?
Dafür haben wir drei zu prüfende Kriterien: Schmerzen, EKG-Veränderungen und Laborwertbestimmungen aus dem Blut. Wenn zwei von den drei erfüllt sind, dann steht die Diagnose Herzinfarkt.

Was passiert in der Notaufnahme zur Erstdiagnose?
Zuerst wird ein EKG geschrieben und Blut abgenommen. Bei positivem Befund kommt der Patient in die sogenannte Chest-Pain-Unit, der Brustschmerzambulanz. Das ist eine eigene Einheit, die speziell zertifiziert ist und in der Patienten fachmännisch behandelt werden, die kurz vor einem Herzinfarkt sind oder typische Beschwerden, also Brust- und Thoraxschmerzen, haben.

Welche Therapieverfahren kommen dann zur Anwendung?
Hat der Patient einen Herzinfarkt, kommt er unmittelbar vom Notarzt ins Katheterlabor. Dort sind Ärzte und Schwestern bereits alarmiert und warten auf ihn. Dann wird damit begonnen, das Herzkranzgefäß, das in der Regel verschlossen ist, wieder aufzumachen, indem man einen Draht durch den Verschluss legt. Ein Ballon geht auf und wir setzen einen Stent. Das sollte insgesamt innerhalb von 90 Minuten durchgeführt sein. Die Station ist rund um die Uhr besetzt und zum Eingriff einsatzbereit.

Das ist eng …
Ja, aber in der Regel schaffen wir das bei uns in 30 Minuten und das Gefäß ist offen.

Verändert sich das Leben nach einem Infarkt, auch wenn schnell reagiert werden kann?
Nein, dann kann man ganz normal weiterleben, so als wäre nichts gewesen. Nach Therapien innerhalb der ersten Stunde gibt es kein Problem. Das gilt im Allgemeinen auch für Therapien, die binnen drei Stunden nach Beginn der Schmerzsymptome durchgeführt werden.

Stichwort Corona-Impfungen: Als Folgeschäden werden mitunter Herzmuskelentzündungen entdeckt. Was steckt dahinter?
Eine Herzmuskelentzündung ist etwas anderes als der Herzinfarkt. Das gibt es in der Tat, vor allem bei jüngeren Männern nach mRNA-Impfungen, die aber in fast allen Fällen von allein wieder weggehen. Das gibt es bei einem normalen Virus auch. Man bekommt eine Virusinfektion und eine Herzmuskelentzündung. Die heilt in der Regel von allein aus.

Das eingespielte Team (v. links) mit Dr. Sebastian Jäckle, Prof. Dr. Werner Jung und Bajram Hajredini nimmt jährlich etwa 100 kathetergestützte Reparaturen der Mitralklappen vor.

Mit dem Mitra-Clip an die Herzklappe – auch Älteren kann jetzt geholfen werden

Herr Prof. Jung, in Ihrer Klinik gibt es seit wenigen Jahren eine schonende Operation für Ältere, die danach ein großes Stück Lebensqualität zurückbekommen. Was verbirgt sich dahinter?

Bei Älteren war das Risiko der Behandlung einer Mitralklappeninsuffizienz zu groß. Auswirkungen der Erkrankung sind Wassereinlagerungen in den Beinen oder in der Lunge und Kurzatmigkeit. Die Herzklappe zwischen der linken Herzkammer und dem linken Vorhof schließt nicht mehr richtig, sie ist sozusagen undicht. Deshalb kommt es zum Rückfluss von Blut aus der linken Kammer in den linken Vorhof und in die Lunge. Seit wenigen Jahren können wir bei uns ein alternatives, weniger belastendes Verfahren anwenden, das sogenannte Mitraclipping. Dabei handelt es sich um ein kathetergestütztes minimalinvasives Verfahren. Unter Vollnarkose wird der sogenannte Mitra-Clip mithilfe eines Katheters über eine Leistenvene zum Herzen vorgeschoben. Um ein optimales Ergebnis zu erzielen, arbeiten wir unter ständiger Ultraschallkontrolle. Unser Team nimmt jährlich etwa 100 Mitralklappenreparaturen durch Kathetertechnik vor. Nach dem Eingriff werden die Patienten auf der Intensivstation überwacht und können meistens fünf Tage später das Krankenhaus verlassen. Im Anschluss sind die Patienten in der Lage, sich selbst zu versorgen und können selbstbestimmt leben. Durch den schonenden Eingriff wird die Lebensqualität der älteren Patienten um ein Vielfaches verbessert. Nur spezialisierte Krankenhäuser mit strukturellen Voraussetzungen können diese Methode vornehmen, das sind in der Regel Unikliniken oder größere kommunale Krankenhäuser.

Schwarzwald-Baar Klinikum
Kardiologie und Intensivmedizin
78052 Villingen-Schwenningen
Telefon: (07721) 93-3001
imk@sbk-vs,de
www.sbk-vs.de

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Prof. Dr. med. Werner Jung, Direktor der Klinik für Innere Medizin III, Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin, Hypertensiologe, Schwarzwald-Baar Klinikum
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