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Ein Zettel mit Informationen kann Leben retten

Verdacht auf Schlaganfall – jede Minute ist entscheidend

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In Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern der Stroke Unit fuhr in der Vergangenheit mehrfach der rote Bus der Gesundheitsinitiative „Herzenssache Lebenszeit“ vor. Gelegenheit für Interessierte, reichlich Informationen zum Schlaganfall zu bekommen und selbst getestet zu werden. Mit dabei sind Pflegerin Rebecca Schnee und Prof. Dr. Hubert Kimmig.

Pro Jahr erleiden 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Ärzte appellieren, dass bei Verdacht dringend der Rettungsdienst über die 112 gerufen werden sollte. Prof. Dr. med. Hubert Kimmig, macht deutlich, warum der Faktor Zeit kostbar für die Therapie der Patienten ist.

Herr Professor Kimmig, es heißt, jeder Schlaganfall ist ein Notfall … was passiert da in unserem Körper?
Es gibt zwei Ursachen, die beide in der Regel innerhalb von Sekunden meistens schmerzlos auftreten. Beim klassischen Schlaganfall (80 Prozent) tritt eine Verstopfung eines Gefäßes auf, entweder durch Kalk oder durch ein abgeschwemmtes Blutgerinnsel. Seltener reißt ein kleines Gefäß ein und Blut wühlt sich unkontrolliert in das Hirngewebe vor (20 Prozent). Beides verursacht gleiche Symptome. Äußerlich ist nicht erkennbar, ob es sich um eine Blutung oder eine Durchblutungsstörung handelt. Im Notfall dürfen wir daher ohne Diagnostik vor Ort niemals etwas zur Blutverdünnung spritzen. Die erste Maßnahme muss eine Bildgebung zur Unterscheidung dieser beiden Ursachen sein – zum Beispiel eine Computertomografie (CT). Übrigens: Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache, zirka 20 Prozent der Betroffenen sterben. Ein großes Problem sind die behindert Überlebenden.

Bei welchen Symptomen sollten Alarmglocken klingen?
Häufig sind halbseitige Lähmungen oder Gefühlsstörungen. Auch das Gesicht kann mit hängendem Mundwinkel oder tauber Gesichtshälfte betroffen sein. Signifikant sind Sprachstörungen und Wortfindungsprobleme. Skurriler wird es, wenn plötzlich ein Auge erblindet oder Doppelbilder auftreten. Tückisch ist, dass diese Anzeichen mitunter schnell wieder weggehen und viele erst mal abwarten. Das ist die sogenannte TIA (transitorisch ischämische Attacke), die spätestens nach 24 Stunden verschwindet. Diese TIA müssen wir ernst nehmen und abklären. Denn der „große“ Schlaganfall kann schnell hinterherkommen.

Bedeutet das, schnell einen Arzt aufzusuchen?
Niemals, ausschließlich sollte die Rettungsleitstelle 112 angerufen werden. Zeit ist ein wesentlicher Faktor für die Chance auf eine erfolgreiche Akuttherapie.

Beeinflussen genetische Faktoren das individuelle Risiko?
Genetisch bedingt sind zu hohe Cholesterin- oder Blutdruckwerte. Das vermischt sich aber, weil innerhalb der Familie Gewohnheiten weitergegeben werden. Zu den Risikofaktoren gehören: hoher Blutdruck, Rauchen, Cholesterin, Alkohol, Diabetes, bei Frauen die Pille, Essgewohnheiten, Bewegungsmangel. Das alles fragen wir bei Patienten ab. Zum Teil weisen auch Laborwerte auf Ursachen hin.

Was passiert mit Patienten nach Ankunft im Klinikum?
Für die Akuttherapie stehen zwei Maßnahmen zur Verfügung: Erstens die medikamentöse Auflösung des Blutgerinsels, die mit der Lyse innerhalb von viereinhalb Stunden nach Symptombeginn beginnen muss. Zweitens die mechanische Entfernung eines Pfropfens innerhalb von sechs Stunden nach Symptombeginn. Das ist die sogenannte Thrombektomie. Außerhalb dieser Zeitfenster sind die Maßnahmen meistens nur von geringem Nutzen und die Gefahr von Komplikationen steigt enorm. In der Notaufnahme wird der Patient neurologisch untersucht, Blut abgenommen und ein CT-Kopf erstellt. Zudem fragen wir folgende Informationen ab: Zeitpunkt erster Symptome, Medikamenteneinnahme (insbesondere Blutverdünner), Vorerkrankungen, kürzlich erfolgte Operationen, Tumorleiden, Demenz, Kontaktdaten und Ansprechpartner. All das sind wertvolle Informationen, auf die wir uns einstellen müssen. Ein Zettel im Geldbeutel reicht, passwortgeschützte Handys helfen uns nicht.
Zur Labordiagnostik gehören auch sogenannte Point of Care-Tests, das sind Schnelltests direkt beim Patienten. Wir wissen dann nach ein bis zwei Minuten, ob der Patient beispielsweise den Blutverdünner Marcumar nimmt. Befindet sich der Patient im Zeitfenster und sind die Blutung und andere Kontraindikationen ausgeschlossen, wird eine intravenöse Lyse durchgeführt (medikamentöse Auflösung des Pfropfens) – bestenfalls innerhalb von 30 Minuten nach Einlieferung.
Zeigt die CT-Gefäßdarstellung den Verschluss eines großen Hals-/Hirngefäßes, wird direkt die mechanische Thrombektomie angeschlossen. Hierzu benötigen wir die Anästhesie für die Kurznarkose und die Neuroradiologie für den Eingriff selbst – und gegebenenfalls im Anschluss ein freies Intensivbett.

Sind weitere Maßnahmen notwendig?
Während die Patienten auf unserer Schlaganfallstation zur Überwachung liegen, klären wir weitere Risikofaktoren ab. Dazu gehören Dopplersonografie mit Untersuchungen der Hals- und Kopfgefäße, Ultraschall am Herzen, Langzeit-EKG und weitere Laborwerte. Die ersten Tage auf der Überwachungsstation sind wichtig, weil wir Faktoren wie Sauerstoffsättigung im Blut, Körpertemperatur und Blutdruck, die das Risikogewebe im Gehirn noch schädigen können, überwachen und einstellen. Da darf nichts aus dem Ruder laufen. Meistens werden die Patienten etwa drei Tage auf der Stroke Unit – einer Spezialeinheit für Schlaganfälle – überwacht.

Stimmt es, dass eine rechtzeitige Akuttherapie fast an Wunder grenzende Ergebnisse ermöglicht?
Der deutlichste Effekt zeigt sich bei der Thrombektomie, wenn ein großer Pfropfen aus dem Gefäß gezogen wird, der durch eine Lyse allein nicht aufgelöst werden kann. Bestenfalls wird der Patient danach schnell symptomfrei und versteht nach dem Erwachen aus der Narkose die ganze Aufregung nicht. Die meisten realisieren erst nach Tagen, dass sie dem Tod oder einer schweren Behinderung knapp entronnen sind. Während und nach einer Lyse/Thrombektomie schauen wir in kurzen Abstände nach dem Fortschreiten der Bewegung der Patienten. Zwischendurch kontrolliert das Pflegepersonal. In der Frühphase ist das wichtig, um Verschlechterungen sofort zu erkennen.

Information zur Thrombektomie

Herr Prof. Kimmig, die Thrombektomie ist ein noch kein gängiger Begriff. Was kann sich ein Laie darunter vorstellen?
Seit Anfang 2020 verfügt unser Klinikum im Institut für Radiologie und Nuklearmedizin über ein neues hochmodernes Angiografie-System. Die Anlage beinhaltet eine hochwertige Schnittbildgebung und ermöglicht eine dreidimensionale Darstellung sowie eine zeitlich aufgelöste Darstellung der Hirndurchblutung. Mit dem System bieten wir das komplette Leistungsspektrum der Neuroradiologie an, was revolutionäre Behandlungsformen möglich macht: Akute Schlaganfälle, intrakranielle Aneurysmen und weitere Gefäßveränderungen im Bereich des Gehirns können minimalinvasiv versorgt werden. Verschließt zum Beispiel ein großer Pfropfen ein Gefäß, kommen die Neuroradiologen mit einem Schlauchsystem bis kurz vor den Verschluss. Für die weitere Vorgehensweise gibt es zwei Methoden: Eine davon ist ausschließlich eine Absaugung. Für die zweite Variante wird ein Stent Retriever über die Leistenarterie bis in das verschlossene Gehirngefäß und durch den Thrombus (Pfropfen) geschoben. Ein Drahtgeflecht entfaltet sich an der Spitze. Der Thrombus wird gefangen und aus dem Gefäß gezogen. Thrombektomiezentren gibt es in Baden-Württemberg in Freiburg, Ulm, Tübingen, Heidelberg, Mannheim und in großen städtischen Kliniken wie unsere.

Schwarzwald-Baar Klinikum
Klinik für Neurologie
78052 Villingen-Schwenningen
Telefon: (07721) 93-2201
neu@sbk-vs.de
www.sbk-vs.de

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Prof. Dr. med. Hubert Kimmig, Direktor der Klinik für Neurologie, Facharzt für Neurologie, Schwarzwald Baar Klinikum
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Tests und Informationen rund um den Schlaganfall - unter anderem mit der Dopplersonografie für Untersuchungen der Hals- und Kopfgefäße.
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