Magazin | MutMacher
Alex Glatz (63)

„Unglaublich, dass ich heute wieder laufen kann“

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„Ich erinnere mich gut. Es passierte vor acht Jahren in der Nacht zum Vatertag. Der Tag davor war stressig, noch am Abend habe ich Zigaretten geholt, von denen ich keine einzige mehr geraucht habe. Ohne Vorwarnung hat mich ein Schlaganfall getroffen. Nach dem Aufwachen war alles komisch und ich dachte, mein Fuß sei eingeschlafen. Als ich auftreten wollte, stürzte ich und konnte nicht mehr aufstehen. Die Sanitäter wussten, was mir passiert war und brachten mich ruckzuck in die Stroke Unit, damals noch in Schwenningen. Ab da habe ich eine Erinnerungslücke. Erst als ich richtig zu Bewusstsein kam, merkte ich, dass ich in einem Gitterbett lag, meine linke Seite gelähmt war und ich nicht mehr richtig sprechen konnte. Ich war der Meinung, dass ich in zwei Wochen wieder arbeiten kann. Mit der Diagnose Schlaganfall konnte ich damals nichts anfangen. Nach vier Wochen Krankenhaus kam ich im Rollstuhl in die Reha in Gailingen. Dort wurde mir bewusst, was ein Schlaganfall bedeutet. Plötzlich merkte ich, wie schwierig der Alltag mit einer Behinderung wird. Das war eine schreckliche Erfahrung. Ich habe gedacht, mein Leben sei jetzt vorbei. Fußball und Chor, alles hatte ich abgeschrieben. Nach vier Wochen bat ich, meine Reha zu verlängern, weil ich nicht mit dem Rollstuhl die Treppen zu unserer Wohnung hochgekommen wäre. Glücklicherweise war das kein Problem. In Gailingen hatte ich eine sehr gute Therapeutin, die mit mir kräftig gearbeitet hat. Wenn ich resigniert habe und der Meinung war, dass alles nichts bringt, hat sie mich immer wieder aufgebaut und mir gesagt: ‚Du schaffst das, lass dich nicht hängen.‘ Die war super und hatte einfach einen Plan. An den Wochenenden bekam ich von ihr eine Orthese für das linke Bein, damit ich ein bisschen spazieren gehen konnte. Ich war begeistert, denn damit konnte mein gelähmter Fußheber stimuliert werden. Drei Jahre später war ich noch mal in Gailingen. Auch Depressionen waren in der Reha ein Thema. Wir Patienten pushten uns mit guten Erfahrungen gegenseitig hoch. Vor allem meine Frau unterstützte meine Psyche und besuchte mich so oft sie konnte.

„Ich nutze alle Therapien, die angeboten werden“

ch habe erlebt, wie wichtig Therapien und Gemeinschaft sind. Die Reha-Sport-Gruppe unserer Initiative Schlaganfall tut mir unheimlich gut. Nicht nur die Bewegungen, sondern auch der Spaß, den wir alle miteinander haben, sind wichtig. Durch die Logopädie in der Reha wurde meine Sprache deutlicher. Langsam kamen Arm, Daumen und Fuß wieder in Bewegung. Nur mein Fußheber klappte nicht. Noch heute mache ich wöchentliche Therapien, damit sich nichts verschlechtert und manches vielleicht noch besser wird. Mit der Initiative Schlaganfall war ich bei einem Vortrag im Orthopädiezentrum Piro zum Thema Orthesen und meldete mich sofort als Model. Da ich wusste, wie gut mir das Hilfsmittel tut, wollte ich schon lange eine solche elektronische Orthese zum Laufen haben. Ich lernte die Physiotherapeutin Lisa Kohn kennen, die die Orthese für die Vorführung genau meinen Gangwerten anpasste. Sie gab mir den Rat, zuerst einen Antrag zum Austesten für vier Wochen bei meiner Krankenkasse zu stellen. Wenn ich damit zufrieden sei, sollte ich mit meinem Neurologen über ein Rezept für eine dauerhafte elektronische Orthese sprechen. Der Test war super und dann unterstützte mich das Orthopädiezentrum unheimlich. Hier wurden Videoaufnahmen von meinem Gang mit und ohne Orthese gemacht, die die Krankenkasse überzeugten. Den Unterschied sieht und spürt man deutlich. Mit Orthese bleibt der Fuß nicht hängen und ich muss nicht den linken Arm zum Gehen anspannen. Beim Laufen gehen zuerst die Zehen hoch und auf der Ferse komme ich wieder auf. Seither schmerzt auch meine rechte Hüfte nicht mehr. Vor acht Jahren habe ich nicht geglaubt, dass ich wieder laufen kann. Ich kann nur jedem raten, alle Therapien zu nutzen und nie den Kopf hängen zu lassen.“

"Plötzlich merkte ich, wie schwierig der Alltag mit einer Behinderung wird."

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"Da ich wusste, wie gut mir das Hilfsmittel tut, wollte ich schon lange eine solche elektronische Orthese zum Laufen haben."
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