Magazin | MutMacher
Anette und Markus Piro

„Tumor ist wenn man trotzdem lacht“

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Eine Familie mit normalem Alltag. Im Mittelpunkt stehen drei kleine Kinder und die Entwicklung des eigenen Orthopädiezentrums. Bis vor 15 Jahren eine Diagnose ihr Leben radikal änderte. Mit 38 Jahren hörte Anette Piro schonungslos den befürchteten Befund: Brustkrebs. Für Markus Piro, der seine Frau begleitete, noch heute ein schockierendes Gespräch mit dem Arzt: „Um es diplomatisch auszudrücken, war das ziemlich unsensibel.“ Von jetzt auf gleich beherrschte nur noch das Wort Krebs die Gedanken seiner Frau, sachliches Denken war unmöglich: „Mir fiel sofort ein, dass ich keine Winterjacke mehr brauche und unsere kleine Tochter nicht mehr sehe, wenn sie in die Schule kommt. Unfassbar, was in meinem Kopf ablief. Unser Alltag kannte nur das eine Thema. Wir beide haben viel darüber geredet, das tat uns gut.“ Dennoch stauten sich unausgesprochene Gedanken, über die eigene Angst um den anderen. Die Kinder, da waren sich beide einig, müssen einbezogen werden. „Unserem Großen war mit seinen elf Jahren die Dramatik bewusst. Um das zu verarbeiten, brauchte er, und das ist heute noch so, unbedingt Fakten und Untersuchungsergebnisse. Die Jüngste hat sich damals wahrscheinlich ein Krabbeltier vorgestellt, und unsere Mittlere ahnte das Problem und war später froh, wenn sie das Gefühl hatte, dass es der Mama gut geht.“ Für die Familie kam die anstrengendste Zeit ihres Lebens. Die Entscheidung für eine geeignete Behandlung war ein qualvoller Weg. Ein wertvoller Anker waren ihre beiden Eltern und das stabile Umfeld wichtiger Freunde. Erhalten blieb die Motivation, immer weiter nach der besten Lösung zu suchen. Für Anette Piro, die auch ausgebildete Krankenschwester ist, waren weder die vorgeschlagene Chemo noch eine Bestrahlung akzeptabel. „Unsere Kinder brachten aus Schule und Kindergarten alle Infekte mit, da war das keine gute Option. Wir suchten eine Zweitmeinung und hatten Glück. Die gute Aufklärung und Informationen über Behandlungsmöglichkeiten machten uns deutlich, welchen Weg wir gemeinsam gehen wollen. Mit Überzeugung hatten wir das Richtige gefunden und wurden entspannter. Zum Glück haben wir beide kein Problem damit, dass ich nach einer Operation nur noch eine Brust habe. Deshalb bin ich doch nicht weniger wert.“ Danach führte ihr Weg in eine anthroposophische Klinik mit einer ganzheitlichen, auf individuelle Bedürfnisse abgestimmten Behandlung. Hier wurden Körper und Seele gestärkt. „Das war die beste Entscheidung. Es kommt darauf an, dass eine Behandlung zu einem passt. Vom ersten Tag an war unser Vertrauen da.“ Anette Piro hatte auch Glück bei ihrer Suche nach einer Selbsthilfegruppe und einer guten psychologischen Beratung. „Die Gruppe trifft sich regelmäßig und ich ging immer gestärkt wieder nach Hause, weil praktische Erfahrungen weitergegeben werden. Und eines Tages hat auch meine Psychologin zu mir gesagt: ‚Jetzt haben wir genug gejammert, jetzt gehen wir die Dinge auch mal an‘. In mir ist der Löwe erwacht und ich war überzeugt, dass mich der Krebs nicht besiegt.“ Aber dann kam die Zeit der Nachuntersuchungen und damit Tage vorher die Angst in die Familie zurück. „Am schlimmsten war die erste, da ging das Kopfkino wieder los. Wir mussten lernen, auch damit umzugehen. Inzwischen haben die Untersuchungen ihren Stellenwert für uns verloren.“

„Unseren Kindern habe ich versprochen, sehr alt und runzlig zu werden“

Da waren neue Bekanntschaften mit tollen Menschen und Überlegungen, wie die eigenen Erfahrungen sinnvoll in die künftige Struktur einbezogen werden können. „Als die Kinder größer wurden, haben wir überlegt, welche Rolle meine Frau in unserem Unternehmen spielen könnte. Wir entwickelten eine Abteilung mit spezieller Mode und Brustepithesen für Frauen mit Brustkrebserkrankungen“, so Markus Piro über die Eröffnung eines Brustateliers, in dem seine Frau Betroffene aus eigener Erfahrung beraten kann. Für Anette Piro eine Aufgabe mit Leidenschaft. „Oft kommen Frauen zu mir, die wissen wollen, ob sie sich nach einer Totaloperation noch ins Schwimmbad trauen können und wie ihr Äußeres danach wahrgenommen wird. Manche tun sich schwer damit. Wenn Frauen noch vor einer Operation stehen und es wollen, zeige ich gern, wie meine operierte Brust aussieht und wie ich eine Prothese trage. Das hilft ihnen oft, eine Entscheidung zu treffen. Manche wollen nur meine Erfahrungen hören und brauchen Aufmunterung. Ich kann heute wieder lachen, und mein Spruch heißt: Tumor ist, wenn man trotzdem lacht. Unseren Kindern habe ich versprochen, sehr alt und runzlig zu werden. Das habe ich auch vor.“
Inzwischen hat die Familie zusätzlich Verantwortung für den Umgang mit Krebspatienten übernommen. Markus Piro erinnert sich an einen Vortrag von Chefarzt Professor La Rosée: „Der stellte seine Idee zur Gründung einer kostenlosen Krebsberatungsstelle und einem damit notwendigen Förderverein vor. Ich war begeistert und habe ihm gesagt, dass wir uns dafür engagieren möchten. Wenn ich überlege, welches Glück wir innerhalb unserer Familie hatten und zufällig die richtigen Leute getroffen haben, ist es doch phantastisch, wenn Psychologen und Sozialberater Ängste und Nöte nehmen können, schnelle Hilfe anbieten und Wege für den Umgang mit der Erkrankung aufzeigen. Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie schwer es bei der Diagnose fällt, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Mitarbeiter der Beratungsstelle haben eine Lotsenfunktion für Betroffene und Angehörige. Um das kostenlos anbieten zu können, braucht es den Förderverein. Staatliche Unterstützung gibt es momentan nicht, nur eine vage Zusage, die allerdings niemals die Kosten von zirka 100.000 Euro pro Jahr decken kann. Genau das hat meine Frau und mich motiviert, Unterstützung anzubieten und als inzwischen zweiter Vorsitzender des Fördervereins mache ich gern eine kleine Werbung: Wir freuen uns über jedes Fördermitglied, die Jahresgebühr beträgt nur 30 Euro.“ (Kontakt zu Anette Piro: Telefon 07721/99829-0)

"In mir ist der Löwe erwacht und ich war überzeugt, dass mich der Krebs nicht besiegt“.

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