Magazin | MutMacher
Doris Kelter (86)

„Täglich beginnt der Tag mit dem Morgengruß meiner Kinder“

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Wenn ein Problem zum anderen kommt, sich dann noch eine schier unüberwindbare Wand aufbaut, wird die Erschöpfung zum Alltag. So erging es Doris Kelter, deren Körper deutlich signalisierte, dass das alte Leben nicht mehr so weitergehen konnte.

„Mein Mann war lange schwer krank, gestand sich aber nicht ein, dass er ärztliche Hilfe brauchte. Er war auf meine Pflege angewiesen. Durch die Belastung spürte auch ich kranke ‚Baustellen‘ in meinem Körper. Als mein Mann stark abmagerte, stürzte er häufig. Er sträubte sich immer noch, in ein Krankenhaus zu gehen. Ich war völlig am Ende. Als ich für meinen Mann wiedermal den Notruf bemühte, erkannte die Ärztin meinen Zustand und entschied rigoros, dass mein Mann ins Krankenhaus muss. Am nächsten Tag schlief er dort friedlich ein. Doch meine Bugwelle baute sich weiter auf. Das große Haus, der große Garten, das Schwimmbad, all das erdrückte mich. Und da war noch Sissi, unser Hund. Zum Glück fand ich schnell für sie ein schönes Zuhause bei einem Ehepaar. Unsere Sissi war sehr auf Männer fixiert, akzeptierte die beiden und ihr sonst übliche lautstarke Protest gegen Fremde fiel aus. Im Gegenteil, sie setzte sich neben den Mann und sprang letztendlich mühelos in deren Auto. Das erleichterte mir den Abschied. Ein Problem war gelöst. Doch kurz darauf bekam ich prompt eine Gürtelrose im Gesicht mit unerträglich anfallartigen Schmerzen. Nur mit Unterstützung vom Roten Kreuz konnte ich noch daheim leben. Es ging mir wieder besser und dann streikten meine Füße. Sie wurden plötzlich taub, als ich von der Couch aufstehen wollte. Ich fand mich auf dem Fußboden wieder. Mit Müh und Not schleppte ich mich aufs Sofa und rief meine Tochter an. Logischerweise riet sie mir sofort, den Notfallknopf zu drücken. Zehn Minuten später war Hilfe da und die Diagnose: doppelter Beckenbruch. Ich wurde operiert und kam bis zur Reha noch in eine Kurzzeitpflege. Die Vorstellung, nach der Reha in unserem großen Haus und Garten weiter zu leben, war für mich sehr, sehr schlimm. Meine Tochter handelte schnell und leitete den Hausverkauf ein.

„Und plötzlich löste sich der belastende gordische Knoten

Toll war, dass die Käufer bereit waren, selbst alles auszuräumen, was wir stehen lassen. Ich entschied mich nur für ein paar Erinnerungsstücke. Auch meine beiden Kinder und die Enkel hatten nur minimale Wünsche. Mir ist es leicht gefallen, mich von vielem zu trennen. Ich konnte aufatmen und mich auf mein neues wunderschönes Zuhause freuen. Denn noch während meiner Reha in Bad Dürrheim brachte meine Tochter Prospekte vom Kurstift mit und vereinbarte dort einen Besichtigungstermin. Und heute regeln meine beiden Kinder alles. Ich muss mich um nichts mehr kümmern. Alles, was sich vor mir zu einer Wand aufbaute, hat sich aufgelöst und durch viele Mosaiksteine zu einem wunderbaren Leben zusammengefügt. Ich könnte es jetzt nicht schöner haben und bin wieder lebenslustig wie früher.
Mit meinen Kindern verbindet mich jetzt unser Whatsapp-Morgengruß. Sie haben mir ein Tablet geschenkt, und ich freue mich täglich schon beim Aufstehen auf unseren gemeinsamen Morgengruß. Die zwei denken sich immer was Lustiges aus, und jeder gibt wie beim Pingpong seinen ‚Senf‘ dazu. So wissen die beiden, dass es mir gut geht und ich habe dadurch viele lustige Sprüchen und kommuniziere die mit Bekannten.
Hier im Kurstift bin ich gern mit Menschen zusammen. Wichtig ist, gemeinsam zu Lachen. Lachen ist etwas Wesentliches für das Wohlbefinden. Was Glück ist? Glück und Zufriedenheit sind eins für mich. Überraschend für mich war bereits im ersten Jahr die Wahl in den Stiftungsrat. Ich war ganz platt, konnte das nicht glauben. Aber meine Aufgabe passt zu mir. Ich bin zuständig für die Begrüßung der Neuankömmlinge. Wenn ich für mich sein will, mache ich Sudoku, nicht Kreuzworträtsel. Ich habe ein dickes Buch mit 600 Rätseln, das reicht vier Wochen. Angst habe ich nur davor, mal zum Pflegefall zu werden, total abhängig zu sein und das auch noch wahrzunehmen. Das möchte ich weder meinen Kindern noch hier dem Pflegepersonal zumuten.“

"Eine Wand voller Probleme hat sich aufgelöst und durch viele Mosaiksteine zu einem wunderbaren Leben zusammengefügt."

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Doris Kelter hütet einen besonderen Schatz ­– das von ihren Kindern gestaltete Erinnerungsbuch 'Weißt Du noch …?' mit vielen lustigen Erlebnissen aus der Kinderzeit. Ihr Sohn ist heute Pfarrer in Görlitz.
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