Magazin | MutMacher
Brigitte und Volker Zeiler (beide 74)

»Schluss mit dem Denken an alltägliche Verpflichtungen«

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Familie Zeiler liebt ihren Balkon mit den vielen Pflanzen, die jeden freien Platz ausfüllen. Besonders der Blick nach hinten auf den Hang bringt ihnen ein großes Stück Natur in ihr Zuhause. Hier ist ein guter Platz, die Seele baumeln zu lassen.

Brigitte und Volker Zeiler hatten ein so intensives Arbeitsleben, dass es für beide sogar zum Hobby wurde. Frühere alltäglichen Verpflichtungen für ein gut funktionierendes Privatleben mussten eng getaktet werden. Wie anderen fiel es auch ihnen nicht leicht, zum letzten Mal durch die eigene Haustür zu gehen. Doch heute genießen sie ihre radikale Entscheidung in ihrem Paradies.

Rückblick von Brigitte Zeiler: »Ich hatte ein spannendes Arbeitsleben, das mir sehr viel Freude gemacht hat. Meine Eltern führten eine Gärtnerei und das Thema Natur und Pflanzen begleitet mich ein Leben lang. Angefangen habe ich mit einer Lehre als Gärtnerin. Mein Plan war, zuerst lernen, wie etwas produziert wird. Danach kam die Stufe der Verarbeitung und zum Schluss habe ich ein Technikstudium angehängt. Mich hat interessiert, wie man gute Gewächshäuser konstruiert und effiziente Bewässerungsanlagen baut. Den Familienbetrieb habe ich nicht übernommen. Ich blieb trotzdem im Fach und war in einem großen Unternehmen im Management tätig. Um mich herum arbeiteten fast nur Männer. Das war mitunter anstrengend, denn Machtspiele blieben nicht aus. Dann wurden in meiner Firma die Weichen neu gestellt und ich folgte meiner Idee für einen Neuanfang. Meiner Linie blieb ich treu und eröffnete in Hechingen einen Blumenladen. Unsere Tochter lebt seit 20 Jahren in Australien und hat dort eine Schule gegründet, deren Thema ebenfalls in meine Fachrichtung geht. Natürlich war ich von der Entfernung nicht begeistert, aber sie hatte ein Angebot bekommen und ich wollte ihr die Chancen nicht verderben. Da musste ich arg über meinen Schatten springen. Mein Mann war im IT-Bereich auch selbstständig und hat für Modehäuser Anwendungsprogramme für komplette Warenwirtschaftssysteme entwickelt und geschrieben. Das war seine Leidenschaft. Uns beiden hat die Arbeit viel Spaß gemacht. Natürlich gab es oft kein Zeitlimit und die Fahrten zur Arbeitsstelle waren lang. Wir entschlossen uns vor 33 Jahren, ein Haus in einem kleinen Ortsteil von Sulz zu bauen.

»Vor drei Jahren entschieden wir uns für einen Radikalschnitt

Wenn wir über Hobbys sprechen, ist uns klar, dass jeder seinen Lebensraum braucht. Für meinen Mann waren sein Geschäft und seine Mitarbeiter Arbeit und Hobby zugleich. Mein Hobby war der große Garten mit Obstbäumen, Gemüse, Kräutern und Blumen. Mein Mann schwang sich lieber auf den Aufsitzmäher. Unser Garten war riesig und wir benötigten die Hilfe eines Gärtners. Vieles musste beschnitten werden. Eines Tages fragten wir uns, für wen wir das hier eigentlich machen und wie wir im Alter wohnen möchten. Die Entscheidung fiel schnell. Uns war klar, es kommt auf die eigene Denke an, man muss Vor- und Nachteile abwägen. Unsere Tochter im fernen Australien hat kein Interesse an unserem Haus und kann sich nicht um uns kümmern. Wie es uns gesundheitlich ergehen wird, war nicht vorauszusehen. Im Rückblick haben wir genau richtig gehandelt, denn inzwischen benötigt mein Mann 24 Stunden am Tag ein Sauerstoffgerät. Seine Kräfte lassen leider nach. Aber er lässt sich nichts anmerken und ist für mich eigentlich ein Vorbild. Jeden Morgen steht er zufrieden auf. Sein Rezept dafür hat er mir verraten: ›Ich wache auf, gucke mich von oben bis unten an und sage mir, alles ist noch da und funktioniert genauso wie gestern. Also ist alles gut und okay.‹ Er kämpft, will kein Mitleid und lässt sich die Lebensfreude nicht nehmen.

»Und jetzt haben wir ein neues Paradies gefunden

Vor zirka drei Jahren wurde zu einer Besichtigung des Neubaus Angelika-Wössner-Stift – unsere heutige neue Bleibe – in Sulz eingeladen. Ich war neugierig und wollte nur wissen, was das wird. Zufällig konnte ich mit dem Geschäftsführer der Einrichtung meine neugierigen Fragen besprechen. Er zeigte mir den Plan mit den Wohnungen. Mein Mann und ich hatten schon lange exakte Vorstellungen, wie wir im Alter wohnen wollten. Wir zwei sind ein Gespann für sich und total unterschiedlich. Voraussetzung für uns waren zwei große Schlafzimmer, in dem jeder seinen Bereich hat. Unsere Gewohnheiten und Hobbys waren so unterschiedlich, dass wir uns gestört hätten. Abends wollten wir wie immer im Wohnbereich beieinandersitzen. Mich interessierten auf dem Plan drei Wohnungen. Ich bat um Zusendung der Unterlagen, damit wir zu Hause gemeinsam und in Ruhe draufschauen konnten. Gefallen hat mir der Neubau sofort. Die Pläne kamen am nächsten Tag und wir beide entschieden uns sofort für eine Wohnung. Nachdem wir die Zusage in den Händen hatten, stand unser Hausverkauf im Vordergrund. Eine junge Familie fiel in unsere engere Wahl. Aber dann kam der Tag, an dem wir zum letzten Mal durch unsere Haustür gingen und ich den Schlüssel übergeben wollte. Ich sagte nur ›Entschuldigung‹, mir liefen die Tränen. Plötzlich war für mich alles so endgültig. Danach hatte ich lange eine Hemmschwelle und wollte nicht an unserem ehemaligen Haus vorbeigehen. Heute ist das Problem erledigt. Wir lieben unsere helle Wohnung, fühlen uns erleichtert und pudelwohl. Speziell genieße ich unseren großen Balkon, den wir über drei Türen erreichen können. Es ist eine Wohltat nicht mehr an alles denken zu müssen, was früher unseren Alltag füllte. Was ich hier im Haus sehr schätze, sind die Menschen, die zu 99 Prozent positiv sind, dazu gehören auch die Pflegekräfte. Jeder grüßt, jeder achtet auf den anderen, es ist eine unheimlich nette Gemeinschaft. Und wenn jemand von uns pflegebedürftig wird, haben wir den Vorrang für das angegliederte Pflegeheim. Für Aktivitäten und Freizeitgestaltung wird hier viel geboten. Da gibt es auch erstaunlich viel Unterstützung von außen.

Natürlich sind wir uns im Klaren, dass hier unsere letzte Station ist. Aber die vielen Vorteile wiegen alles auf. Wir leben sorgenfreier und kümmern uns nur noch um uns selbst. Als Paar sind wir dankbar, dass wir uns noch haben. Irgendwann verändert sich der Mensch und hat gesundheitliche Probleme. Auch dafür muss niemand Mitleid haben. Jeder wird seinen eigenen Weg zu Ende gehen, egal wie. Auf der Welt ist noch keiner geblieben.«

»Natürlich sind wir uns im Klaren, dass hier unsere letzte Station ist.

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An einem markanten Platz im Wohnbereich hängt das Lebensmotto der beiden.