Prüfen – Rufen – Drücken
Es kann zu jeder Zeit passieren – auf der Straße, im Haus nebenan oder in der eigenen Wohnung. Menschen geraten in Lebensgefahr und werden zum medizinischen Notfall. Was tun, wenn eine Person regungslos auf dem Boden liegt? Fragen beantwortet Dr. Johannes Kohler, der das Thema Rettungsdienst seit Jahrzehnten begleitet. Im aktiven Berufsleben war er Oberarzt und Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie im Schwarzwald-Baar Klinikum sowie Notarzt am Boden und in der Luftrettung. Als Mitinitiator unterstützt er den Landkreis Schwarzwald-Baar im Projekt »Region der Lebensretter« und ist Kreisverbandsarzt beim DRK.
Herr Dr. Kohler, wenn Unbeteiligte plötzlich zu Beteiligten werden, führen medizinische Notfälle zu Stress und Fragen: Was und wie sollte ich helfen?
Grundsätzlich kann jeder helfen. Auch bei körperlichen Einschränkungen ist die Alarmierung des Rettungsdienstes eine wichtige Funktion. Aus Erfahrung wissen wir, dass man in solchen Situationen über sich hinauswächst. Intuitiv erbringen Menschen Leistungen, die sie selbst nicht von sich erwartet haben. Unser Motto heißt: Prüfen – Rufen – Drücken. Das sind drei wichtige Schritte. Die zwei ersten sollten innerhalb von maximal zwei Minuten abgearbeitet sein. Schritt 3, also Drücken, bedeutet schnellstmögliche Herzdruckmassage innerhalb von drei bis maximal fünf Minuten.
Da ist Eile geboten – sind die Zeitangaben realistisch?
Ja, das schaffen auch Laien. Ein Beispiel: Nehmen wir an, jemand bricht zu Hause oder auf der Straße regungslos zusammen. Dann sollte man nicht als erstes den Rettungsdienst rufen, sondern sofort mit der Herzdruckmassage beginnen und zwar mit aller Kraft. Dabei geht es darum, dass Sauerstoff in das Gehirn transportiert werden muss, denn bereits nach drei bis fünf Minuten kann das Gehirn bei einem Herzstillstand dauerhaft Schaden nehmen.
Was ist mit Prüfen gemeint?
Man prüft die Atmung, um sich einen Überblick über den Zustand der Person zu verschaffen. Das heißt, die Person ansprechen, an der Schulter rütteln und schauen, ob sie reagiert. Wenn keine Reaktion auf Ansprache kommt, bedeutet das Bewusstlosigkeit. Durch Überstrecken des Kopfes prüft man die Atmung, die hört man oder spürt sie an den Wangen. Gleichzeitig sieht man, ob sich der Brustkorb hebt und senkt. Liegen bei der Kurzdiagnose Atemstillstand und Bewusstlosigkeit vor, bedeutet das Herzstillstand. Spätestens dann muss sofort mit der Herzdruckmassage begonnen und der Notruf abgesetzt werden.
Was bedeutet Rufen und können Laien eine Herzdruckmassage erfolgreich durchführen?
Natürlich, sie muss als erstes und schnell bis zum Eintreffen der Sanitäter durchgeführt werden. Dazu legt man beide Hände übereinander auf die Mitte des Oberkörpers des Betroffenen und drückt im Rhythmus 2 x pro Sekunde kräftig auf den Brustkorb. Keiner muss sich um einen Rippenbruch sorgen. Der heilt wieder. Die wichtigste Aufgabe ist, dass der Mensch überlebt. Nach dem Prüfen kommt das Rufen. Derjenige, der die Herzdruckmassage durchführt, sollte die Rettung buchstäblich in die Hand nehmen und gezielt einen Umstehenden direkt ansprechen, etwa so: ›Sie im blauen Pullover, sofort Notruf unter 112 absetzen und Reanimation sagen‹. Dann hat derjenige den Auftrag und man kann sich auf die Herzdruckmassage konzentrieren und die Anweisungen per Handy von der informierten Leitstelle befolgen. Ist niemand in der Nähe, dann ruft man am besten mehrmals laut: ›Hilfe, hier ist ein Notfall‹. Aber bitte nicht mit der Herzdruckmassage aufhören, sondern rufen, bis jemand die Hilferufe erkennt. Erfahrungsgemäß kommen Leute, wenn die Ansprache sich ganz direkt an eine Person wendet.

Für die Reanimation ein wesentliches Gerät: Jeder sollte sich bei seiner Kommune
informieren, wo in seiner Nähe ein Defibrillator hängt.
In letzter Zeit liest man häufig von Defibrillatoren. Wofür wird das Gerät benötigt?
Ein Defibrillator ist unkompliziert, kann Laien gute Dienste erweisen, auch wenn diese noch nicht mit dem Gerät vertraut sind. Für die Wiederbelebung ist der Defibrillator ein wichtiger Aspekt im Rettungsfall. Entscheidend aber ist und bleibt immer die sofortige Herzdruckmassage.
Die wenigsten kennen einen Defibrillator. Wie geht man mit dem Gerät um?
Man kann nichts falsch machen. Es sollte nur bekannt sein, wo er hängt. Am besten ist, wieder jemanden mit klarer Ansage zu beauftragen, um den Defibrillator zu holen. Die Herzdruckmassage läuft in der Zwischenzeit weiter. Bei der Wiederbelebung kann ein solches Gerät wichtig werden, um durch Elektroschock mit dem Defibrillator die Herz-Rhythmus-Störung zu beenden. Man kann nichts falsch machen, denn das Gerät meldet akustisch, was man zu tun hat. Um es kurz zu beschreiben: Man legt das Gerät neben den Patienten, schaltet es sofort ein und klebt die Elektroden nach Bildanweisung auf den Körper des Betroffenen. Ab dann sind einfache Anweisungen der Reihe nach zu hören: ›Patienten nicht berühren‹. In der Zeit analysiert das Gerät zehn Sekunden den Rhythmus, anschließend gibt es zwei Anweisungen. Entweder, dass der Schock vorbereitet wird und der Patient in dem Moment nicht berührt werden soll. Dann kommt: ›Schock jetzt auslösen‹ oder das Gerät sagt: ›Kein Schock erforderlich, Herzdruckmassage fortsetzen‹. Alle zwei Minuten wiederholt sich die Rhythmusanalyse. Aber Achtung: Es macht keinen Sinn, zuerst den Defibrillator zu holen und dann erst mit der Herzdruckmassage zu beginnen. Die normgerechte Kennzeichnung des Defibrillators ist AED (Anm.: Automatisierter Externer Defibrillator).
Macht es Sinn, sich selbst einen Defibrillator zu kaufen, um gegen den Notfall überall gewappnet zu sein?
Absolut, das kann sehr sinnvoll sein. Für Personen, die schon mal wiederbelebt werden mussten und die durch einen Schock wieder in einen normalen Herzrhythmus zurückgeführt wurden, ist das sehr sinnvoll. Das betrifft auch Personen mit angeborenem Herzfehler, die zu Rhythmusstörungen neigen. Die Krankenkassen finanzieren das Gerät nicht. Es gibt verschiedene Hersteller mit sehr guten Geräten. Da kommt es auf das Angebot an, das man wählt. Ein Beispiel: Unser Verein »Region der Lebensretter« bietet ein Komplettpaket, mit dem die Fernüberwachung und Fernwartung den Betreiber von Pflichten entbindet. Die ersten fünf Jahre können auf zehn Jahre erweitert werden. Das Gerät wird entsprechend dieses Angebotes geliefert, und ist mit dem Rettungsdienst kompatibel. Wir nennen das AED-Patenschaften. Das Projekt der »Region der Lebensretter« läuft nicht über offizielle Fördergelder, sondern finanziert sich nur über Sponsoren. Wir sind ein in Freiburg eingetragener Verein und bieten auch Patenschaften für einen AED den Kommunen und Unternehmen an. Das Komplettpaket kostet 5.000 Euro und gilt als einmalige Spende, zum Teil finanziell unterstützt durch die Erzdiözese Freiburg, und ist steuerlich absetzbar.

Damit das Gehirn nicht geschädigt wird: Sofortige Herzdruckmassage, um Blut und Sauerstoff zum Gehirn zu pumpen.
Welche Unterstützungen gehören noch in das Netzwerk der Blaulichtfamilie?
Eine davon ist unser Alarmierungssystem, das durch einen intelligenten Algorithmus vier geschulte Ersthelfer in der Nähe einer bewusstlosen Person per Smartphone beauftragen kann, sofort an den Notfallort zu eilen. Zwei übernehmen die Wiederbelebungsmaßnahmen, einer holt einen Defibrillator und einer weist den gerufenen Rettungswagen ein. Ein weiteres Projekt liegt uns am Herzen, das bereits vor 12 Jahren bundesweit vorgeschlagen wurde. Alle Schüler ab Klasse sieben sollten jährlich zwei Stunden praxisnah zum Thema Reanimation unterrichtet werden. Einige Länder haben dies schon umgesetzt oder planen ab 2026 den Vorschlag im Schulablauf zu integrieren. Baden-Württemberg hat die Einführung des Wiederbelebungsunterrichts noch nicht beschlossen.
Dr. Johannes Kohler:

»Auf die häufige Frage besorgter Laien, ob sie bei der Reanimation den Betroffenen schaden können, gibt es eine klare Antwort: Das einzige was man falsch machen kann, ist nichts zu tun.«