Magazin | MutMacher
Jürgen Mössner (48)

„Mit kleinen Zielen hole ich ein großes Stück Alltag zurück“

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„Plötzlich war es wie Hell und Dunkel. Privat und beruflich stand ich mitten in einem wunderbaren Leben. Und dann begann vor vier Jahren eine Lebensetappe, in der ich meine Selbstständigkeit im Alltag neu lernen musste. Am 8. Juni 2016 veränderte sich für mich und meine Familie alles. Am Mittag hatte ich alle Disziplinen für das deutsche Sportabzeichen abgeschlossen und mich mit Freunden zum Badminton getroffen. Kurz vor Spielschluss knickte ich um, fiel mit vollem Gewicht auf mein Bein. Der Fuß schwoll an, ich wurde geröntgt, aber nichts war auffällig. Auch mir erschien es als eine Kleinigkeit. Ich bekam eine Bandage und am nächsten Tag eine Art Skistiefel, weil sich doch ein Knöchelbruch herausstellte. In der zweiten Nacht wurden die Schmerzen schlimmer und mir war schlecht. Ab da begann mein langer Weg im Krankenhaus. Bauchschmerzen kamen dazu, Blutblasen bildeten sich am Fuß. Dann musste es schnell gehen, im Villinger Klinikum wurde ich operiert. Später erfuhr ich, dass sich ein gefährlicher Hautkeim in meinem Körper ausgebreitet und Organe, Gewebe und Nerven geschädigt hatte. Ich hatte eine negrotisierende Fasziitis (schwere Infektionskrankheit), um mich stand es Spitz auf Knopf. Der Arzt informierte meine Frau über meine lebensbedrohliche Krankheit und konnte keine Prognose abgeben. Sechs Tage später erwachte ich aus dem künstlichen Koma. Meine Frau fragte mich, ob ich wüsste, wer sie sei. Und ich musste antworten: ‚Ich weiß wer du bist, aber ich sehe dich nicht.‘ Seither ist es um mich dunkel. In Panik kam ich nicht, glaubte anfangs, dass alles gut würde. Erst schrittweise realisierte ich, wie es um mich stand. Mein umgeknickter Fuß war nicht mehr da, ich konnte nur noch den Kopf drehen, alles andere war gelähmt und ich war blind. Es begann eine Odyssee, die unser Leben bestimmte. Natürlich hatte ich Ängste und Sorge um unsere Zukunft. Aber ich habe gemerkt, dass mein Kopf sehr klar war. Ich glaube, meiner Frau ging es schlechter. Sie wusste, dass mein Leben am seidenen Faden hing und musste täglich meinem elenden Anblick hilflos zusehen. Nach einhundert Tagen auf der Intensivstation folgte eine hervorragende Reha, aus der ich erst nach eineinhalb Jahren wieder nach Hause kam. Zwischendurch gab es Rückschläge, ich musste zu weiteren Akutbehandlungen ins Klinikum. Meine Motivation war meine Frau, die für mich kämpfte. Und mein großes Ziel war, wieder zu Hause Papa sein zu können. Als ich in die Reha kam, konnte ich nur liegen und wurde über eine Magensonde ernährt.

„Mit meinen Therapeuten habe ich mir Ziele gesetzt“

Zuerst wollte ich sitzen. Als ich wieder essen konnte, musste ich gefüttert werden. Meine Versuche, das Besteck zu halten, missglückten. Mir kamen die Tränen. Später schaffte ich es. Irgendwann kam ich allein vom Bett in den Rollstuhl, konnte selbstständig auf die Toilette gehen und am Rollator einen Kilometer mit der Prothese laufen. Geschafft, jeder kleine Erfolg war ein Riesenschritt. Doch es gab auch schwere Tage. Ich hatte grundsätzliche Fragen an meinen Glauben und gezweifelt, ob alles richtig damit ist. Jetzt weiß ich, wie mich der Glaube getragen hat und dass Jesus lebendig ist und mich trotz meiner Zweifel nicht aufgibt. Ich vergleiche das mit einem Hochseilartist, der sich da oben souverän bewegt, aber plötzlich abstürzt, doch nicht ganz. Er landet im Auffangnetz. Auch ich bin nicht ganz abgestürzt, sondern in die Hand Gottes gekommen. Ich habe erlebt, wie er mich innerlich festgehalten und mir Kraft gegeben hat. Und ich war immer gut umsorgt, von meiner Frau, meiner Familie, vielen aus unserer freien evangelischen Gemeinde, von Freunden und Nachbarn. Ich weiß noch, als meine Frau zum ersten Mal mit den Kindern kam. Lukas war sechs und Jannik acht Jahre alt. Die Frau unseres Pastors hat ein kleines Büchlein gestaltet, um die zwei auf den Besuch auf der Intensivstation vorzubereiten. Die Ärzte gaben uns den Rat, den Kindern zu erklären, dass es sein kann, dass ich das nicht überlebe. Sie haben viel mit der Mama geweint, aber sie auch getröstet. Und heute spielen wir Kniffel und Monopoly und ich probiere, meine Familie bei Veranstaltungen zu begleiten. Ich bekomme viele Therapien und für mich war es eine Riesenfreude, als ich erste Schritte allein mit zwei Unterarmstützen gehen konnte. Die heutige Technik hilft mir sehr. Ich wollte wieder mit dem Computer arbeiten, mit E-Mails kommunizieren und telefonieren können. Mit meiner beweglichen Hand kann ich Buchstaben eintippen. Immer habe ich Menschen, die mir behilflich sind, auch meine früheren Kollegen bei Trumpf-Laser, mit denen ich bis 2016 als Entwicklungsingenieur gearbeitet habe. Die Firma hat mich nie fallen gelassen und unterstützt uns heute noch. Vor ein paar Tagen bekam ich ein Handy. Und wieder bin ich ein Stück selbstständiger. Selbst eine Predigt habe ich gehalten und arbeite im Moment an einem Vortrag zum Thema Lebenszufriedenheit. Wenn mal nicht mein Tag ist, ist die Musik mein Türöffner. Oder ich höre mir Abschnitte aus der Bibel an. Und wenn ich verzweifelt bin, mache ich mir bewusst, dass ich in Gottes Hand liege und auch mal meinen Tränen freien Lauf lassen darf. Mein Ziel ist, etwas Sinnvolles zu tun. Natürlich ist das mühsam, aber es geht. Über meine Therapeutin konnte ich mich für eine Beraterstelle bei dem Projekt EUTB bewerben. Inzwischen berate ich kostenlos einmal in der Woche in Donaueschingen vor allem blinde Menschen und die, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Wichtig ist, dass man Probleme nicht kleinredet und nicht verlangt, dass jeder nur positiv denken muss. Ich akzeptiere, dass es einem schlecht gehen kann. Dass ich hier sitze, ist auch für mich ein Wunder. Ein Stück weit muss man selbst dafür kämpfen. Motivationen für nächste Ziele habe ich durch meine Familie und meine Fortschritte, die ich schon machen durfte.“

Dass ich hier sitze, ist auch für mich ein kleines Wunder.

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