»Mich berühren Menschen, die mir das Leben froh machen«
Quicklebendig und ein schallendes Lachen – mit ihrer Fröhlichkeit steckt sie viele an und bietet kleinen Sticheleien blitzschnell Paroli. Die Treppe zu ihrer Wohnung in der 3. Etage – ohne Fahrstuhl – ist ihr tägliches Sportgerät. Doch ihr Lebenselixier sind Menschen, die ihr Herz berühren, wie sie es nennt. Solche Begegnungen schätzt und schützt sie. Ihr Lebensmotto: Der kürzeste Weg zwischen den Menschen ist ein Lächeln.
»Ich habe mit Menschen wunderbare Erlebnisse, die mich sehr berühren. Diese wertvollen Begegnungen prägen mein Leben. Da springt mein Herz sofort an. Ein Beispiel ist ein Fasnachtsverein: Vor vielen Jahren fuhr ich in der Fasnachtszeit an einem Freitag von Schwenningen über den kleinen Stadtteil Zollhaus nach Bad Dürrheim. Plötzlich stand ich vor einer Zollstation mit Wachhäuschen und Schlagbaum. Männer in schicken historischen Uniformen hielten mich an und erzählten ihr Sprüchlein von der Geschichte um 1736. Da ich über die Landesgrenze zwischen Württemberg und Baden fahren wollte, müssten sie um einen kleinen Obolus bitten. Der König von Württemberg und der Großherzog von Baden würden das verlangen. Zum Schluss kam der Satz, dass sie meine Spende heute nicht den beiden Herrschaften übergeben, sondern an Bedürftige spenden. Nach meiner Erfahrung über die Jahre waren das immer Einrichtungen für behinderte Kinder. Natürlich war Fasnacht und die Wachmänner waren die Zollhäusler von der Gockel-Gilde. Seit Jahren fahre ich ganz bewusst ins Zollhaus und lege mir meine Spende vorher schon zurecht. Auf dieses Spektakel freue ich mich immer. Mit einer Quittung kann ich über die Grenze hin und sofort wieder zurückfahren. Einfach köstlich, das läuft alles ganz herzig ab. Mich bewegt sehr, dass die Männer aller Altersgruppen sich bei Wind und Wetter die Zeit für diese nette kleine Aufführung nehmen. So eine Spendensammlung unterstütze ich sehr gern. Jahre her ist eine ganz andere Begegnung, die mir an einem Sonntag auf dem Weg zur Kirche passierte. Plötzlich läuft neben mir ein kleiner Steppke und spricht mich an. Später habe ich gemerkt, dass die junge Dame Ministrantin ist. Bis heute passiert es immer wieder, dass dieses inzwischen fast erwachsene Mädchen aus ihrer Haustür kommt und mit mir läuft. Wir verabreden uns nie. Aber sobald eine die andere sieht, gehen wir gemeinsam. Am Anfang unserer Bekanntschaft zeigte sie mir ihre Haustür. Ich erzählte ihr, dass ich einen Mann kenne, der auch in ihrem Haus wohnt. Ich wusste, dass er oft in Konzerten sitzt und darüber für die Zeitung schreibt. Manchmal habe ich ihn auch auf einer Bühne gesehen. Sie freute sich: ›Das ist mein Papa.‹ Auf unserem gemeinsamen Weg habe ich ihr viel erzählt, auch von Peterle, der in unserer Straße wohnt. Der junge behinderte Mann war oft im Garten und winkte mit einem Ast. Meistens stand sein Opa neben ihm. Auch das war für mich ein berührendes Bild. Meine kleine Begleiterin hörte mir zu und einmal fragte ich sie, ob ihr mein Gelaber zu viel wird. Entrüstet antwortete sie: ›Nein, das tut es nicht, ich lerne doch ganz viel dabei.‹ Das war so wohlwollend.
»Manche fragen, warum ich in meinem Alter noch ganz oben in diesem Haus wohne …
Hier habe ich zwei nette junge Familien, die mich oft daran erinnern, dass ich mich melden soll, wenn ich Hilfe brauche. Dazu gehört zu meinem Glück auch ein Automechaniker. Lustig ist sein Sohn. Wenn ich mal ein Problem im Haushalt habe, klingele ich. Manchmal öffnet der 12-Jährige. Wenn der Papa nicht da ist, fragt er freundlich: ›Frau Wietschorke, was haben Sie heute wieder kaputt gemacht?‹ Und dann gestehe ich ihm meinen furchtbaren Fehler. Tatsächlich reparierte der Junge schon ein paar Kleinigkeiten und tröstete mich: ›Ach, ganz so schlimm war das gar nicht.‹ Ist das nicht herzlich, solche Menschen um sich zu haben, die einem das Leben so froh machen? Bei beiden Familien kann ich mir Hilfe im Notfall holen. Das beruhigt mich und dafür bin ich sehr dankbar. Ein bisschen Ehrgeiz habe ich und versuche, das Angebot so wenig wie möglich zu strapazieren.«
Die Landesgartenschau in Schwenningen war für mich fast täglich eine Oase der Erholung.