Magazin | MutMacher
Heide Jugel (80)

„Meine Liebesbriefe sind meine Kraftquelle“

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„Ich hatte ein interessantes Leben, das manchmal mit mir Achterbahn fuhr. Als mein zweiter Mann starb, wurde ich krank und wusste nicht, wie mein Weg weitergehen sollte. Mein Bruder lebte in Bad Dürrheim, lockte mich mit der herrlichen Luft und der guten klinischen Versorgung hierher. Also zog ich vor vier Jahren aus einer großen in eine kleine Wohnung ins Betreute Wohnen der Casa Vitale. Ich habe mich von vielem getrennt, das war für mich eine Erleichterung. Mit mir sind zwei Damen eingezogen. Wir lernten uns schnell kennen und brachten Schwung hierher. Was im Haus angeboten wurde, haben wir mitgemacht – Hockergymnastik, Spielenachmittage, Filmvorführungen, Singen, einfach alles. Drei Mal in der Woche gibts Mittagessen, das hier gekocht wird. Alles ist natürlich freiwillig, aber wir sind gut versorgt. Die Wohnungen werden geputzt und den ganzen Tag ist jemand als Ansprechpartner da. Jede Woche ist Biomarkt, dann gibts Eier, frisches Gemüse und Obst. In der Zeit wird Kaffee und Kuchen angeboten, und wir sitzen in gemütlicher Runde dabei. Ein super Verhältnis habe ich mit einer 91-Jährigen über mir, die uns ein interessantes Patiencespiel beigebracht hat, bei dem man viel vorausdenken muss. Bei schlechtem Wetter rufen wir uns an und vereinbaren uns zum Spielen. Bei schönem Wetter machen wir kleine Ausflüge zum Kaffeetrinken. Ich und eine andere Dame fahren noch Auto, so sind wir problemlos in kleinerer Gruppe unterwegs. Einmal im Monat, außer im Winter, bietet das Haus Tagesausflüge an. Und jeden Freitag fährt ein kleiner Bus Leute zum Einkaufen. Was ganz Besonderes bietet eine Malerin, die in unserer Anlage wohnt. Vier Mal im Jahr gibt sie uns Malunterricht und organisiert alles im Tagesraum. Mit ihrer Hilfe entstehen tolle Bilder, auch wenn man kein großes Talent hat. Die Dame, die unser Singen leitet, fotografiert die Bilder und lässt daraus Postkarten machen. Meine Verwandten habe ich damit oft verblüfft. Wir haben einfach eine tolle Hausgemeinschaft und jeder, der neu einzieht, wird gern aufgenommen.Wer hier nicht allein sein will, der ist es auch nicht.

„Auch meine Hobbys kommen nicht zu kurz“

Ich lese viel, bin Musikfan und schaue mir gern Rock- und Pop-Konzerte und gute Filme im Fernsehen an. Dann mache ich es mir mit einem Gläschen Wein gemütlich. Und im Sommer liebe ich meinen Balkon. Bis in den Herbst hinein blühten meine herrlichen Petunien. Unserer Stadtgärtnerei gebe ich meine Töpfe und die bringen sie bepflanzt nach Hause. Auch für traurige Tage habe ich ein super Rezept. Seit 1956 habe ich in Ordnern die Liebesbriefe meines ersten und zweiten Mannes und viele Fotos gesammelt. Das sind wunderbare Erinnerungen. Was mir wichtig ist, habe ich mitgebracht. Zum Beispiel den Teppich, den ich damals noch in Hamburg mit meinem ersten Mann abends beim Musikhören geknüpft habe. Das war schön. Mit ihm bin ich auch mit einer Gitarre bis Skandinavien getrampt. 1962 haben wir geheiratet, zwei Jahr später kam unser Kind und mein Mann musste mit 27 Jahren sterben. Ich arbeitete in einer Arztpraxis und musste mit einem Mikroskop alle roten und weißen Blutkörperchen auszählen. Arztberichte habe ich stenografiert und dann mit Schreibmaschine geschrieben. Heute habe ich einen Laptop und ein Smartphone, über das mir meine Söhne Bilder schicken. Sechs Jahre später lernte ich meinen zweiten Mann kennen. Wir zogen nach München, wo auch mein zweiter Sohn geboren wurde. Auf die beiden bin ich stolz, der eine ist Banker und der andere arbeitet als Doktor der Philosophie in Zürich. Er spricht fünf Sprachen und ist viel in der Welt unterwegs. Ihn habe ich schon in Nicaragua besucht und gemeinsam waren wir auf einem tollen Trip durch Costa Rica. Ich bin viel rumgekommen in meinem Leben. Früher war ich leidenschaftliche Sportlerin. Manchmal kommt etwas Wehmut auf, wenn mich meine Behinderung hemmt und ich mit dem Rollator unterwegs bin. Aber damit muss man sich abfinden und zurechtkommen.“

"Wer hier nicht allein sein will, der ist es auch nicht."

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