Magazin | MutMacher
Sybille Arlt (86)

„Mein Rollator ist mein tägliches Lieblingsstück“

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Sybille Arlt hat sich ihren Lebensalltag so zusammengestellt, dass er für sie genau passt.

Wenn das Leben beschwerlicher wird, geht trotzdem immer noch was. Sybille Arlt hat für sich einen abwechslungsreichen Weg gefunden: Leben daheim und tagsüber Gemeinschaft.

„Geboren wurde ich in Ostpreußen. Trotz Krieg hatte ich ein gutes und interessantes Leben. Das war halt damals so. Natürlich möchte ich keinen Krieg mehr erleben, Putin verstehe auch ich nicht. Für Kinder sind das schlimme Erlebnisse. Ich habe meine Mutter im Krieg verloren, im Mai 1945. Sie wurde verschleppt und starb angeblich an Hunger-Typhus. Mein Vater floh rechtzeitig nach Schleswig-Holstein. Doch meine Mutter wollte nicht mit und ist mit uns drei Kindern aufs Land geflüchtet. Lange wusste unser Vater nicht wo wir sind, bis er uns glücklicherweise gefunden hat. Mit dem Kindertransport vom Roten Kreuz sind wir erst nach Hannover gekommen, dann mussten wir noch ins Entlausungslager bis wir endlich zum Vater konnten. Der hatte Arbeit in einem Büro in Bad Segeberg. Meiner Lunge hat der Krieg sehr zugesetzt. 1950 kam ich wegen meiner Bronchien in das Kindersanatorium der Frieda-Klimsch-Stiftung in Königsfeld. Inzwischen komme ich mit meinem Asthma zurecht, es gehört zu meinem Leben. Das ständige Husten bin ich gewöhnt. In dem Sanatorium habe ich später als Beiköchin gearbeitet. Ich habe hier meinen Mann kennengelernt. Wir haben in Schwenningen mit unserer Tochter und zwei Söhnen gewohnt. Ein Schock war für mich der frühe Tod meines Mannes. Er wurde nur 40 Jahre alt. Und ich war nicht zu Hause, sondern auf Besuch bei meinem Vater in Schleswig-Holstein. Das war ganz schlimm. Noch heute wohne ich in unserer Wohnung und komme allein gut zurecht.

„So sollte es weitergehen

Ich möchte noch lange zu Hause wohnen. Dafür habe ich mir Hilfe geholt. Für den Notfall trage ich am Arm einen Knopf, den ich drücken kann, wenn ich ärztliche Hilfe brauche. Dreimal in der Woche bin ich in der Tagesbetreuung im Schwenninger Bürgerheim. Ich werde abgeholt und wieder nach Hause gebracht. Wir werden dort gut versorgt, das beginnt mit dem Frühstück, dann gibt es Mittagessen und nach der Ruhepause erwartet uns ein Kaffee mit frischem leckerem Kuchen. Zwischendurch machen wir Gymnastik im Sitzen. Das passt für mich, denn ich kann nicht lange stehen. Mein Rollator ist mein Lieblingsstück und macht mich mobil. Gemeinsam lesen wir hier Zeitung, machen Spiele und Gehirntraining. Da ist der Tag schnell rum. Mir gefällt das gut, die Betreuer denken sich immer was für uns aus. Am Montag kommt eine Frau von der Sozialstation zu mir nach Hause und duscht mich. Putzen kann ich nicht mehr, dafür kommt einmal in der Woche eine Haushaltshilfe. Mit ihr kann ich auch zum Einkaufen fahren oder ich nehme ein Taxi. Manchmal koche ich am Wochenende selbst. Meine Tochter bringt mir auch viel nach Hause, was ich einfrieren kann. So komme ich allein sehr gut zurecht. Woran ich gerne zurückdenke? An die herrlichen Reisen mit meiner Schwester und meinem Schwager nach Lanzarote. Ich hatte immer Sehnsucht nach dem Meer. Die beiden wohnten in Hamburg, da bin ich mit dem Zug hingefahren und dann gings per Flugzeug auf die Insel. Leider ist sie auch schon gestorben, wir haben sehr gut zueinander gepasst. Mit meinem Mann war ich früher oft in Schleswig-Holstein beim Vater. Einen Wunsch hätte ich noch: Ich würde mir gern nochmal das Kinderheim in Königsfeld ansehen.“

"Ich möchte noch lange zu Hause wohnen. Dafür habe ich mir Hilfe geholt."

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„Geboren wurde ich in Ostpreußen. Trotz Krieg hatte ich ein gutes und interessantes Leben. Das war halt damals so. Natürlich möchte ich keinen Krieg mehr erleben, Putin verstehe auch ich nicht."
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