Magazin | MutMacher
Margarete Ehricke (98) und Barbara Henninger (68)

„Mein Blindsein behindert mich sehr“

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„Meine Urenkel in den USA interessieren sich sehr für meine Lebensgeschichte und ich erinnere mich sehr gut an vieles. Vater kam verwundet aus dem Ersten Weltkrieg und Mutter musste die Familie ernähren. Deshalb verlangte er, dass ich als ‚die Groß‘ beim Bauern Geld verdienen sollte. Mein Klassenlehrer meinte, dass ich begabt sei und auf die höhere Schule gehöre. Das war unmöglich. Die war zehn Kilometer entfernt. Ich hätte ein Fahrrad gebraucht und Schulgeld kam dazu. In einer Lebkuchenfabrik bekam ich Arbeit und konnte das geliehene Geld für ein Fahrrad abstottern. Nach zwei Jahren nahm ich an einem Leistungswettbewerb teil. Der Chef wurde auf mich aufmerksam und ließ mich kommen. Ich schlotterte vor Angst. Er interessierte sich, ob ich ewig in der Fabrik arbeiten wolle, und schlug mir eine kaufmännische Lehre vor. Heimlich erzählte ich das meiner Mutter. Sie stimmte zu und unterschrieb den Lehrvertrag mit dem Namen meines Vaters. Der hat nichts gemerkt. Oft hat mich mein späterer Mann abends durch den Wald begleitet, weil ich Schicht arbeiten musste. Er wurde in den Krieg eingezogen. Unsere Kinder waren Urlaubskinder und er sah sie selten. Leider ist er gefallen. Für mich war das keine einfache Zeit. Für zwei Jahre bekam ich einen Teil der Arbeit unseres Bürgermeisters übertragen. Später konnte ich in einem Schülerinternat arbeiten und die beiden Kinder mitnehmen. Durch die Arbeit meines zweiten Mannes kamen wir nach Essen und ich fand einen Job im Versorgungsamt. Nach Jahren zog uns die Arbeit nach Tuttlingen. Dort habe ich 20 Jahre bis zu meinem Ruhestand gearbeitet. Ich habe immer gesehen, dass ich Arbeit hatte und die beiden Kinder eine gute Ausbildung bekamen. Meine Tochter lebt seit 50 Jahren in den USA und der Sohn in Stuttgart. Leider starb mein Mann. Für den Ruhestand hatten wir Bad Dürrheim im Blick. Jetzt wohne ich seit 27 Jahren hier.

Ich muss zufrieden sein, solange mir noch etwas Selbstständigkeit bleibt
Ein paar Jahre hatte ich einen guten Freund, der in seiner eigenen Wohnung lebte. Wir haben viel unternommen, hatten interessante Gespräche und er hat mir viel geholfen. Im Dezember letzten Jahres ist er gestorben. Sein Tod ging mir sehr nahe. Seither bin ich völlig erblindet. Vorher konnte ich noch ein wenig sehen. Jetzt muss bei mir alles an seinem Platz bleiben. Verpasste Anrufe kann ich nicht erkennen. Ohne Barbara könnte ich nicht mehr allein leben. Sie kommt von der Diakonie Bad Dürrheim zwei Mal an jedem Wochentag. Am Morgen richtet sie mein Frühstück, hilft mir beim Duschen, fährt mit mir zum Arzt, zur Physio oder zum Orthopäden, erzählt mir, was es Neues im Städtle gibt. Am Mittag richtet sie das Essen vom Kurstift für mich, macht auch mal eine Suppe oder Salat dazu, geht einkaufen, wäscht meine Wäsche und geht, wenn das Wetter passt, mit mir am Arm spazieren. Dann kann ich ausschreiten, sonst würde ich nur mit vorsichtigen Trippelschritten in der Wohnung laufen. Am Abend schaut eine Pflegerin nach mir und am Wochenende kommt auch jemand von der Diakonie. Täglich versuche ich Gymnastik zu machen, hebe im Bett mit einem Tuch die Beine und ‚fahre Rad‘. Nach dem Aufstehen mache ich meine schwierigste Übung im Wintergarten. Manche fragen mich, ob ich nicht in ein Heim gehen möchte. Ein klares Nein, denn ich würde mich nie mehr zurechtfinden und hätte keine Selbstständigkeit mehr. In meiner Wohnung kenne ich von früher jede Ecke. Eine sprechende Uhr sagt die Stunde an, Blutdruckmessgerät, Fieberthermometer und Waage ’sprechen‘ auch mit mir. Manchmal mache ich Hörbücher an, die Barbara beim Blindenverein für mich bestellt. Alle vier Wochen kommen meine Kinder aus Stuttgart, kaufen ein und gehen auch mit mir spazieren. Mit meiner Tochter aus den USA telefoniere ich viel.“

Margarete Ehricke treibt täglich Sport, um beweglich zu bleiben.

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Margarete Ehricke trainiert – wenn es ihr möglich ist – jeden Morgen ihre schwerste Übung im Wintergarten. Dass sie heute noch so beweglich ist, verdankt sie ihrem jahrelangen Yoga-Training. Fast täglich kommt ihre Betreuerin Barbara Henninger von der Diakonie.
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