Magazin | MutMacher
Roswitha Stripling (76), Eman Mualem (38)

Lebenswege zu einem Neuanfang, gepflastert mit Angst

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„Als ich Eman zum ersten Mal sah, dachte ich, das ist eine nette Frau, mit der muss ich mich unterhalten."

Ein bewegendes Thema, ähnliche Situationen und doch grundverschieden: Die beiden Frauen in der AWO am Stadtpark sprechen oft über ihre Erfahrungen, wie ihr Lebensweg voller Ängste zu einem Neuanfang führte. Erinnerungen an ihre Flucht aus der alten Heimat brechen wieder auf. Für Roswitha Stripling war es vor 70 Jahren der Fußweg mit Mutter und Schwester von ihrem Thüringer Grenzdorf nach Bayern. Eman Mualem, ihr Mann und drei kleine Töchter nahmen vor mehr als vier Jahren zu Fuß, mit Zügen, Autos oder dem Schiff die Strecke von Syrien nach Deutschland auf sich: „Wegen der vielen Luftangriffe sind wir am 28. März 2015 nur mit einem Koffer aus Idlib in ein kleines nordsyrisches Dorf geflüchtet. Dort war es etwas sicherer, aber die nahe Grenze zur Türkei geschlossen. Nach drei Monaten entschieden wir, mit einem Helfer illegal die Grenze zu Fuß zu überqueren. Türkische Soldaten bewachten das Gelände, wir mussten leise sein und manchmal schnell rennen. Unsere Kinder (10, 9 und 4) waren sehr stark. Wir wurden nicht entdeckt. Jeder Fluchthelfer kostete Geld. Insgesamt mussten wir 20.000 Euro zahlen. Zum Glück hatten wir genug Geld bei uns. Unser Weg ging weiter in eine türkische Stadt am Meer, das Ziel war Griechenland. Plastikboote fuhren alle fünf Minuten. Das wollten wir nicht riskieren und haben einen Monat auf ein gutes Schiff gewartet. Auch dafür gab es eine Gruppe, die für viel Geld so was organisiert hat. In Griechenland bekamen wir Papiere und haben wegen einer schnellen Weiterreise vor Aufregung unseren Koffer vergessen. Geld und Papiere hatte ich zum Glück in meiner Handtasche bei mir. Unser Weg führte uns weiter nach Mazedonien und über Serbien bis Ungarn. Von Budapest aus sind wir illegal nachts mit einem Auto gefahren worden. Wir wussten nicht, wo es langging. Der Fahrer verstand kein Englisch. Plötzlich hielt er morgens um vier Uhr an und bedeutete uns, dass wir allein unter einer Brücke durchgehen müssten, dort sei ‚Germany‘. Am 1. September kamen wir in Deutschland an. Die deutsche Polizei kam uns entgegen, mit denen konnten wir Englisch sprechen. Am nächsten Tag erhielten wir ein Zugticket nach München. Von München kamen wir nach Augsburg und danach nach Ellwangen. Ab 8. Oktober wohnten wir in Schwenningen in einem Flüchtlingsheim. Unsere Kinder lernten in der Schule ein halbes Jahr intensiv Deutsch und kamen dann in die anderen Klassen. Ich habe fünf Deutschkurse gemacht, um ihnen helfen zu können. Im Flüchtlingsheim lernten wir eine deutsche Frau kennen, die uns eine Wohnung anbot. Das war ein Glück. Seit fast drei Jahren arbeitet mein Mann und ich habe in der AWO nach einem Praktikum einen Job als Betreuungsassistentin. Ich kümmere mich um die Menschen, begleite sie zu Veranstaltungen, lese vor, mache Rätsel, Gymnastik oder spiele mit ihnen.“

Kindheitserinnerungen, die Roswitha Stripling nie vergessen kann

„Als ich Eman zum ersten Mal sah, dachte ich, das ist eine nette Frau, mit der muss ich mich unterhalten. Ich erzählte ihr von meiner Flucht, dass ich sechs Jahre alt war und noch lange danach vor Angst nicht schlafen konnte. Wir mussten einen Berg hoch und Mutter hatte mich vorausgeschickt. Ich sollte schnell den Schlagbaum hochheben und wegschmeißen, damit sie mit dem Kinderwagen durchkam. Und dann rief sie immer ‚renn, renn‘. Die Grenzer haben noch geschossen, obwohl wir schon auf westdeutschem Gebiet waren. An mir ging ein Schuss vorbei und wir duckten uns schnell hinter dem Wagen. Für mich war die Flucht aus der Sowjetischen Besatzungszone nach Bayern ein kurzer Fußweg. Aber an der Grenze liefen Patrouillen. Meine Oma hatte einen Verwandten, der Bürgermeister war und uns die Zeiten genannt hat, wann die Grenzer unterwegs waren. Wir sind ja eigentlich von Deutschland nach Deutschland geflohen und sprachen die gleiche Sprache. Das war einfacher. Unser Ziel war Spaichingen, wo unser Vater und der Onkel auf uns warteten. Und Schwäbisch war eine absolute Fremdsprache für uns. Unsere Verwandten in Coburg hatten uns die Fahrkarte gekauft. Am 1. Mai kamen wir in Spaichingen an. Auf dem Bahnhof spielte eine Kapelle und ich dachte, das machen die wegen uns und war begeistert. Zuerst wohnten wir in einer Waschküche und hatten unterm Dach ein kleines Schlafzimmer, in dem wir uns zu zweit ein Bett geteilt haben. Meine Eltern hatten ein Ziel, sie sparten für ein Schlafzimmer. Als wir es bekamen, waren wir alle richtig stolz. Das beste war ein Spiegel an der mittleren Innentür. In der Schule hatte ich sofort Kontakt und viele Kinder um mich, die genau wissen wollten, wo ich herkomme. Für mich war es dadurch einfach, das Schwäbische zu verstehen. Ich denke, eine Flucht ist für jeden Menschen schwer und dort, wo man ankommt, fällt der Anfang nicht leicht, vor allem, wenn man selber nicht auf Leute zugehen kann. Aber wenn diese Leute helfen, wie Eman es hier erlebt, dann ist das Tor auf. Man sollte nur mal sehen, wie die Männer plötzlich munter werden wenn Eman kommt, und sie mit Oh und Ah bewundern.“ Eman Mualem nickt. Sie und ihre Familie hätten bisher in Deutschland niemals Probleme gehabt. „Mein erstes Geld habe ich verdient, als ich in der Volkshochschule einen Kochkurs geben durfte. Es waren 100 Euro. Das bedeutet mir viel, ich kaufte meiner kleinen Tochter davon einen Rock. Das war was Besonderes, weil es nicht von der Unterstützung war, die wir hier bekamen. Unsere Familie hat einen Traum, für den wir aber erst eine Daueraufenthaltserlaubnis brauchen. Die Voraussetzungen erfüllen wir. Wir haben mehrere Deutschkurse besucht und gehen beide arbeiten. Aber noch ist kein Bescheid da. Unser Ziel ist eine eigene Wohnung.“

Erinnerungen an die Flucht aus der alten Heimat brechen immer wieder auf.

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Nach der Gymnastikstunde holt Eman Mualem Roswitha Stripling ab.
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