Magazin | MutMacher

Lebensbäume wachsen aus Erinnerungen

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Angela, Urenkel Linus und Ludwig: Wie bleibt man glücklich 71 Jahre zusammen? Angela: »Man hat sich halt mögen. Früher sind wir mit den Kindern viel gewandert. Mein Mann hat gern Pilze gesucht, Steinpilze, Reizker und Pfifferlinge.« Ludwig kontert: »Man sagt nur einmal: In guten wie in schlechten Tagen. Und meine Frau ist eine Beerenhexe, die macht leckere Sachen aus Heidelbeeren, Brombeeren, Himbeeren und Preiselbeeren. Hier im Ort sind wir eine der Ältesten. Schön ist, dass unsere Enkelin mit ihrer Familie nebenan wohnt, so sind wir nicht allein.«

Im gemütlichen Wohnzimmer verbringen Angela und Ludwig Kühn inmitten von Bildern, Büchern, Wolle und Computer ihren Alltag. Einfach nur Rumsitzen ist für beide kein Thema. Urenkel Linus stürmt zur Tür herein, stellt den großen Beutel mit Wolle ab und kommentiert: »Omi, Arbeit für Dich«. Auch sein Opi hat sich für den Ruhestand einen Traum erfüllt, und »neue selbstbestimmte Felder für den neuen Lebensabschnitt aufgebrochen«, wie er es nennt.

Seit 71 Jahren sind die zwei verheiratet. Angelas Familie lebte in Unterkirnach. Mit ihrer Schwester war sie zum Tanz im Stadthof. Die beiden sollten um 22 Uhr zu Hause sein. Der Vater war Hilfspolizist. Angela sah von hinten einen Mann, den sie als ihren Vater vermutete. Im Übereifer – die Mädchen hatten sich verspätet – wollte sich Angela beim Vater entschuldigen und fiel dem falschen um den Hals. Erschrocken schaute sie einem fremden jungen Mann ins Gesicht, der später ihr Ehemann wurde. Auch Ludwig kam aus der Umgebung: »Ich war im Lehrervorseminar in Maria Tann, das war damals eine Internatsschule. Warum ich Lehrer wurde, war eine besondere Geschichte. Mein Vater lag mit Diphtherie auf einer Gefängniskrankenstation der Alliierten. Wir machten uns Sorgen um ihn und versuchten, flüssige Nahrung zu besorgen. Es muss der Elisabethentag 1945 gewesen sein. Die betreuenden Ordensschwestern machten meinem Bruder und mir klar, dass ein Besuch unmöglich sei, sie ihm aber die mitgebrachten Eier geben würden. Flüsternd gab uns eine den Tipp. Vater lag am Fenster, die Schwester öffnete es zum Lüften. Unterhalb des Fensters war eine Betonaufrüstung, die in Kriegstagen den Kellerausstieg schützen sollte. Wir kletterten leise darauf. Walter stand Schmiere und ich hangelte mich an der Fensterbrüstung hoch. Sehen konnte ich Vater nicht, aber leise flüstern. Vom Pfarrer hatte ich ein Blatt vom Freiburger Kirchenblatt, in dem stand, dass die Schulbrüder in Maria Tann ein Lehrerseminar planten. Das wollte ich mit Vater besprechen und schob ihm die Nachricht durchs Fenster. Ich hörte, wie mein Vater mühevoll sagte, dass ich mir etwas anschauen solle. Er warf mir kopfüber das gleiche Kirchenblatt mit einem angekreuzten Artikel zu, das er von den Schwestern bekommen hatte. Schlagartig war mir klar: Ich will Lehrer werden. Drei Jahre ging ich ins Lehrervorseminar. Weil die Ausbildung in der Privatschule nicht anerkannt wurde, musste ich erst eine Prüfung ablegen, bevor ich für zwei weitere Jahre zur Pädagogischen Akademie zugelassen wurde und dann das erste und zweite Staatsexamen mit Zusatzstudium für technische Kunsterziehung ablegen konnte.«

Für die Familie war eine Basis geschaffen

Angela Kühn begutachtete den Wollebeutel: »Wenn ich weiß, dass ich anderen eine Freude machen kann, ist das Arbeiten noch schöner. Heute stricke ich nicht mehr, häkeln ist für mich jetzt einfacher. Ich brauche dicke Wolle, dünne Fäden kann ich nicht mehr sehen. Auch schwarze Wolle macht meinen Augen Probleme. Geheiratet haben wir 1954 in Unterkirnach. Als mein Mann mit der Ausbildung fertig war, wurde er oft versetzt, weil Lehrer in kleinen Orten fehlten. Zuerst war er in Hornberg, kam danach nach Halbmeil und anschließend nach St. Roman. Dort haben wir unsere erste Familienwohnung bezogen. Wir hatten eine Küche, ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. Es gab ein Plumpsklo, aber kein Bad. Die Blechwanne stellten wir in der Küche auf und machten auf dem Ofen Wasser warm. Ludwig unterrichtete die Klassen eins bis acht. Das waren insgesamt 33 Schüler, und er musste darauf achten, dass ältere Schüler in der Landwirtschaft helfen mussten. 1955 wurde unsere Tochter als erstes von später sechs Kindern geboren.Gemeinsam haben wir 1978 ein Haus gebaut oder besser, nach unseren Wünschen bauen lassen. Nach seiner Pensionierung hat mein Mann tolle Sachen nicht nur am Computer gemacht. Gemeinsam sind wir auf dem Jakobsweg gegangen. Ludwig organisierte mehrere Wanderungen in Richtung Santiago. Ich muss ihm auch heute noch immer wieder sagen, dass er mit mir etwas ausruhen sollte. Er kann es einfach nicht. Mir geht das ähnlich, nur nicht so extrem.«

Ruhestand – einmal ist Schluss

Nach 42 Dienstjahren wollte Ludwig Kühn bei bester Gesundheit einen neuen Lebensabschnitt erleben: »Mein Chef und meine Kollegen waren der Meinung, dass ich sowieso nicht ohne Schule leben könne. Erst als ich das Schreiben mit der Bitte um Zurruhesetzung übergeben hatte, war mein Chef sprachlos. Sein Kommentar dazu: ›Das kann nicht sein! Ich werde das Papier nicht gleich wegschicken. Sie können es sich ja nochmal überlegen.‹ Sie konnte es nicht fassen. Dazu kam noch, dass ich ohne Aufsehen meinen Hut nehmen wollte. Ich blieb bei meinem Entschluss und ging 1992 in den Ruhestand. Das Erreichte genügte mir … vom Lehrer zum Schulamtsdirektor und stellvertretenden Amtsleiter war genug. Meine Pensionierung hatte ich rechtzeitig geplant.Ich übersetzte alte Schriften, recherchierte über die Flurnamen in Unterkirnach und brachte die ›alte Sprache‹ zu Papier. Viele Schriftstücke habe ich über Maria Tann erarbeitet. Vom Oberschulamt bekam ich den Auftrag, Kurse für Lehrer der kleinen Grundschulen anzubieten. Dabei entstand die Idee, Fahrten auf dem Jakobsweg zu organisieren und mit kleinen Gruppen ein Stück der Wege zu gehen. Wir hatten so viel Anmeldungen, dass wir im Jahr zweimal gehen mussten. Ab und zu konnte meine Frau auch dabei sein. Aktuell möchte ich meine Lebensgeschichte schreiben und aufarbeiten. Früher konnte ich kontinuierlicher schreiben, jetzt ist der Faden irgendwie abgerissen. Ich kann die Episoden nur aus der Erinnerung schreiben. Meine Augen wollen nicht mehr so wie früher. Eigentlich brauche ich einen größeren Bildschirm und zusätzlich eine Lupe. Ich habe nur noch 30 Prozent Sehkraft. Mit meinem Gehör ist es ähnlich. Manchmal fällt es mir schwer, das zu akzeptieren. Ich habe noch so viel vor.«

Ludwig K.: Mein Leben lang hat mich ein Gedanke ständig begleitet: Man muss unterscheiden zwischen Recht und richtig. Diese Entscheidung ist in allen Dingen für mich wichtig. Zum Beispiel: Wenn im Gesetz etwas steht, was als Recht gilt, muss es aber nicht richtig sein, wenn eine andere Entscheidung besser sein könnte. Das ist schwierig.«

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Angela Kühn: »Wolle, Wolle, Wolle – viele Kissenhüllen, Decken und anderes sind aus Knäueln entstanden und entstehen noch immer. Statt vier Stricknadeln schafft heute eine Häkelnadel.«
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Ludwig Kühn: »Ich habe gezeichnet und kunsthandwerkliche Arbeiten gemacht, so etwas wie dieses Kreuz, was ich emailliert habe. Dafür hatte ich mir eine Werkstatt eingerichtet.«