»Lache solange du lachen kannst . . .«
Zwei Frohnaturen lernten sich in München auf dem Oktoberfest kennen, trafen sich nur selten, denn der Brigachtaler hatte eine lange Anfahrt. Beharrlich knüpfte er die Bande immer enger, bis letztendlich die 30 zur magischen Zahl für das Ehepaar wurde.
Elfriede erinnert sich: »Meine Freundin und ich sind 1957 aus dem Osten geflüchtet. Das ging damals einfach. Wir erzählten der Polizei, dass wir eine Woche in München Urlaub machen wollten. Die tauschten unsere Ausweise gegen Reisepässe. Aber an der Grenze wurden wir ordentlich gefilzt. Ich musste meinen Koffer öffnen und erklären, warum ich so viel Wäsche dabei habe. Ängstlich erklärte ich, dass Sachen von meiner Freundin dabei wären. Da wurden die hellhörig und meine Freundin musste ihren Koffer öffnen. Darin waren Einweggläser mit Wurst und sie sollte ein Glas aufmachen. Sie weigerte sich, denn in den Gläsern hatten wir Geld versteckt. Im barschen Ton ging es weiter. Meine Freundin sagte, dass wir in der DDR immer hörten, dass es im Westen nichts zum Essen gäbe. Schließlich wollten wir im Urlaub nicht hungern. Das akzeptierte die Polizei und wir hatten es geschafft. In einem Münchner Altenheim fanden wir Arbeit. Zum Oktoberfest sollten wir Mädels den Rotkreuzschwestern helfen, die nicht bettlägerigen Menschen am 30. September auf die Wiesn zu begleiten. Das Heim war großzügig und spendierte den alten Leuten einen Gutschein für ein Mass Bier und ein halbes Hähnchen. Als wir wieder zurück mussten, schlugen uns die Schwestern vor, dass wir sie beim Transport der Leute mit Straßenbahn und Bus unterstützen sollten, danach bekämen wir frei und könnten wieder aufs Oktoberfest. Im Hacker-Festzelt winkten uns ein paar Burschen an ihren Tisch.« Und Helmut ergänzt: »Wir waren gutaussehende Kerle mit Klingel am Spazierstock und Strohhut. Damals war ich in Mittenwald bei den Gebirgsjägern stationiert. Beim Abschied tauschten wir Adressen aus und das war es.«
Der 30. September wird zur Glückszahl …
Elfriede hatte das Ganze schon vergessen, bis Weihnachten ein Brief mit einem Foto vom Oktoberfest kam. Sie bedankte sich und ab da gingen Briefe hin und her: »Zu Ostern besuchte mich Helmut mit seinem Bruder. Die beiden kamen mit einem Heinkel-Roller. Da war alles noch freundschaftlich.« Für die Brüder war die Strecke über 330 Kilometern eine Odyssee: »Damals gab es kein Navi. Wir hatten eine Landkarte und fuhren quer durch München, bis wir schließlich am Ostbahnhof landeten. Aber das Altenheim, in dem meine Elfriede war, stand in Oberföhring.« Helmut pendelte ab und zu zwischen Brigachtal und München. Beim letzten Besuch kam er mit seinem Kumpel und einem Entschluss, mit dem er seine Freundin verblüffte: »Er wollte mich mit in seine Heimat nehmen und hatte bereits ein Zimmer für mich reserviert. Ich entschied mich mitzufahren. Von Hochzeit war noch keine Rede. Wir wollten lediglich zusammenbleiben. Meiner Freundin war das wohl unheimlich. Sie wollte mitfahren, um zu sehen, wo ich hinkomme. Im Brigachtal habe ich mich sofort wohlgefühlt. Meiner Freundin ging es genauso. Sie lernte hier ihren späteren Mann kennen und wohnt heute noch in unserer Nähe. Wir telefonieren ständig miteinander. Nur die Besuche werden weniger, weil wir beide nicht gut zu Fuß sind. Unser 30. September ist ein Glückstag. Da haben wir uns kennengelernt, mein Mann hat mich in München mal an einem 30. September besucht und wir haben am 30. September geheiratet. Ein Jahr später wurde unser Sohn am gleichen Datum getauft. Meine Eltern durften zu unserer Hochzeit nicht kommen. Sie lernten meinen Mann erst bei unserem Besuch 1963 kennen.«
Inzwischen feierten sie ihren 64sten Hochzeitstag …
Beide Zipfels schwärmen von ihrer großen Familie mit zehn Enkeln und einem Urenkel. Elfriede ist ein Zahlenmensch, weiß außer Telefonnummern auch die Geburtstage auswendig und sortiert sie prompt auf Abruf von Januar bis Dezember ein: »Wir haben eine gute Familie, die uns nicht nur schwere Einkäufe, sondern auch viele Alltagserledigungen rund um Haus und Garten abnimmt. In lebhafter Erinnerung haben wir, dass fünf unserer Enkel als Kinder die größte Freude hatten, wenn sie gemeinsam unser Schlafzimmer stürmten und die Ehebetten beschlagnahmten. Dann kam ihr Lieblingssatz an den Opa, dass er ab sofort aus dem Schlafzimmer ausziehen muss. Viele lustige Geschichten haben wir mit allen Enkeln erlebt, leider viel zu wenig aufgeschrieben. Heute sind sie erwachsen und gemeinsam erinnern wir uns oft an ihre Kinderzeit. Helmut und ich sind Familienmenschen und zum Glück jammern wir beide nicht. Unser Haus haben wir mit viel Muskelkraft selbst ausgebaut. Das ist sicher ein Grund, warum wir heute mit unseren Knochen Probleme haben. Die schwerste Arbeit war, das Fundament per Hand auszugraben. Jetzt wird Helmut manchmal ungeduldig und fühlt sich nutzlos, wenn er in Haus und Garten anpacken möchte und das einfach nicht mehr geht. Zur Unterstützung haben wir auch die Igel, wie wir sie nennen. So heißt das nette Pflegeteam. Die haben uns sogar mit einem Notfallknopf versorgt. Sollten wir ein Problem haben, drücken wir den Knopf. Sofort meldet sich in Freiburg jemand, erkundigt sich, was mit uns ist und informiert die Igel-Leute, die uns schnell helfen. Wenn ich mal nachts nicht schlafen kann, mache ich Gedächtnistraining und gehe alle Straßen in Gedanken durch, die ich früher bei der Post gehen musste.«
Du Post, hast Du Malzer?
Helmut war über 30 Jahre mit Leib und Seele Austräger bei der Post, seine Elfriede 24 Jahre. Beide hatten ein Post-Fahrrad und strampelten mit Muskelkraft durch ihre Marbacher Bereiche. Für Helmut hieß es oft, auch Vertretung in den kleinen umliegenden Ortschaften zu übernehmen. Da war der Tag lang. Beide waren damals auch verantwortlich fürs Kassieren von Fernsehgebühren, für die Zeitungsrechnungen, etc. Waren die Leute nicht daheim, mussten sie an anderen Tagen nochmal kommen. Für die Kinder hatte Elfriede eine Bonbontüte in der Tasche. Da schallte ihr oft schon die Frage entgegen: »Du Post, hast Du Malzer?«
Der 30. September ist für uns eine magische Zahl