Magazin | MutMacher
Maria Schmoll (69) und Holger Schmid (40)

„Kontakt suchen, aufeinander zugehen, sich kennenlernen“

Headerbild

Maria Schmoll hat uns schon einmal über ihren langen mutigen Weg im Psychiatrischen Rehabilitationsbereich des Luisenheims im Rottweiler Vinzenz von Paul Hospital erzählt, über ihre Stationen, um die Alkoholsucht in den Griff zu bekommen. Vor einem Jahr ist sie in das neue Wohngebäude auf die Saline gezogen. Gemeinsam mit Holger Schmid aus einer anderen WG und Jana Buschmann, der Leiterin der Psychiatrischen Rehabilitation, treffen wir uns an ihrem liebevoll gedeckten Frühstückstisch.

Holger Schmid: „Hier bin ich aufgeblüht“
„Meine Angst war das Grundproblem für meine Alkoholsucht. Als Kind habe ich Angst mit Gewalt kompensiert und kam mit elf Jahren in ein Heim. Im Lehrlingsheim lernte ich Bäcker und als ich mich draußen bewerben wollte, hieß es, ich sei zu langsam. Ich bin zum Arbeitsamt gegangen und bekam einen guten Job für Langzeitarbeitslose. Dann musste ich Pause machen, nahm Alkohol und Drogen. Jetzt habe ich es endlich gepackt und bin seit zwei Jahren nicht rückfällig. Vor zehn Jahren hat dieser Weg im Luisenheim begonnen, vom Pflegeheim in den geschlossenen Bereich der Eingliederungshilfe für Abhängigkeitskranke mit einem strengen Stufenprogramm. Dann kam ich in den offenen Bereich und anschließend in die Außenwohngruppe in der Innenstadt. Das war nicht so mein Ding. Dann kam das Angebot, hierher zu ziehen. Erst hatte ich wieder Angst vor dem Neuen. Aber jetzt bin ich aufgeblüht. Mein Zimmer habe ich schön eingerichtet und viele Bilder von meiner Familie an der Wand. Im Moment suche ich auf Flohmärkten noch ein paar Lkw-Modelle und ein 3D-Bild, am liebsten mit einem Wolf oder mit Narren.Ich war sogar bei kostenlosen Ferienzauber-Veranstaltungen. Wenn ich zwei Red Bull trinke, werde ich aktiver und kann tanzen. An fünf Tagen arbeite ich in der Wäscherei, sortiere Geschirrtücher und Waschlappen. Für unseren Verkaufswagen werde ich einmal in der Woche Speckwecken backen. Ich denke, dass es kein Problem für mich ist. Eine Sucht habe ich noch, das Rauchen. Aber Alkohol will ich nicht mehr. Ich wohne in einer Jungs-WG. Wenn wir Kochen und Putzen nicht hinbekommen, helfen uns Hauswirtschafterinen. Einer von uns verwaltet die Kasse für die Selbstversorgerbeiträge, die wir fürs Essen bekommen. Ich möchte das nicht machen, weil ich Sorge habe, dass ich vielleicht mal Geld entnehme, wenn es nicht reicht. Davor muss ich mich schützen.“

Maria Schmoll: „Daheim ist hier“
„Ich bin froh, dass in meinem Leben wieder vieles normal läuft. Bei meinen jüngsten Enkeln darf ich Kindsmagd spielen, bleibe dann auch über Nacht in der Familie. Früher konnte ich meine älteren Enkel durch mein Alkoholproblem nicht mehr betreuen. Jetzt habe ich es geschafft und bin hier daheim. Als ich vor ein paar Jahren in die offene Außengruppe kam, hatte ich Angst, in die Stadt zu gehen. Jetzt ist das kein Problem. Ich lasse mich nicht von schönen Dingen verführen, halte mein Geld zusammen und spare sogar für einen Urlaub. Mein Bekannter, der auch im Luisenheim wohnt, fährt mit mir zu seiner Schwester nach Fulda. Dort feiern wir seinen Geburtstag. Da freue ich mich drauf. Mit Herrn Schmid habe ich hier im Haus schon Tischtennis gespielt. Wir treffen uns im Hausflur oder Gemeinschaftsraum. Man muss Kontakt zueinander suchen und sich austauschen. Zimmer putzen, Frühstück, Abendbrot und die eigene Wäsche macht jeder selbst. In unserer WG mache ich die andere Arbeit am liebsten auch selbst. Arbeit tut mir gut. Mittags wird frisch gekocht und ich gehe gegenüber in den Supermarkt, allerdings nicht gern. Dort werden die Leute aus unserem Haus vor allem an der Kasse, bis auf zwei Ausnahmen, auffällig unfreundlich bedient. Die sehen, wenn Menschen mit psychischen Problemen kommen.Wir müssen mehrfach die Tasche öffnen und die haben einen Ton an sich, der sich nicht gehört. Ich habe mich schon zweimal beschwert, andere von uns trauen sich nicht mehr hin. Wir bezahlen anständig und wir sind Kunden und so möchten wir auch behandelt werden. Wir sind froh, wenn das Kaufland wieder öffnet, auch wenn es dort vielleicht etwas teurer ist. Im Supermarkt in der Innenstadt werden wir freundlich bedient, es ist nur viel weiter weg.“

Die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes ab 2020 wird eine Herausforderung
Der Psychiatrische Rehabilitationsbereich des Luisenheims bietet mit der dezentral organisierten Wohnform „Saline 8/2“ eine externe Möglichkeit individueller Begleitung von seelisch behinderten und suchtkranken Menschen. Die Wohnform umfasst sechs modern ausgestattete Wohnungen für insgesamt 24 Bewohner. Integriert sind ein Mitarbeiterbüro und ein Freizeitraum. Das Angebot wendet sich an Menschen, die keiner klinisch-stationären Behandlung mehr bedürfen und für die ambulante Hilfen (noch) nicht ausreichend sind. Zielsetzung ist, ein möglichst normales und bedürfnisgerechtes Leben in eigener Häuslichkeit zu ermöglichen. Unter fachlicher Anleitung wird eine weitgehende Selbstversorgung angestrebt. Ein Teil der Bewohner geht einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in den Vinzenz-Werkstätten nach, die fußläufig auf dem Gelände des Hospitals zu erreichen sind. Mit dem dezentral organisierten Wohnen auf der Saline in Rottweil haben wir den Anfang zur Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes gemacht. Der Mensch mit Behinderung wird in den Mittelpunkt gerückt – dabei geht es insbesondere um Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe am Leben. Das bedeutet auch einen grundlegenden Wandel im Umgang mit psychisch behinderten Menschen. Während bisher die psychische Behinderung Grund genug war, von einem Hilfebedarf auszugehen, liegt der Fokus zukünftig nicht mehr auf der Behinderung. Es geht weder um die Verbesserung noch um die Vermeidung von Symptomen, sondern darum, welche Unterstützungsleistungen notwendig sind, den Alltag trotz Behinderung zu bewältigen. Dabei spielt keine Rolle mehr, wo die Hilfe erbracht wird. Die heutige Unterscheidung in stationär, teilstationär und ambulant wird aufgelöst. Ab 2020 ersetzen auf die Person individuell abgestimmte Assistenzleistungen die bisher institutionszentrierten Leistungen. Die Herausforderung für die betroffenen Menschen wird sein, das sie erst lernen müssen, was es heißt, selbstbestimmt leben zu können.

Jana Buschmann, Leiterin Psychiatrische Rehabilitation

WEITERE INFORMATIONEN

Vinzenz von Paul Hospital gGmbH/Luisenheim
78628 Rottweil
Telefon: (0741) 241-2514
www.vvph.de

Sidebarbild
Maria Schmoll: „Zu unserer WG gehört auch Paul, unser Freund auf vier Pfoten.“