Magazin | MutMacher
Joachim Bock (95)

Joachim kann hier keiner aussprechen, du heißt jetzt John

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»Mir hat es in Amerika sehr gut gefallen. Meine Kollegen von Kienzle haben sich nach meiner Rückkehr an mich erinnert. Bis zur Rente bin ich geblieben. Damals haben wir die Reparaturabteilung für Villingen gegründet.«

Groß, schlank und mit unverkennbarem Dialekt aus dem Norden. Joachim Bock snackt gern plattdütsch. Zumindest einer versteht ihn in Villingen, nämlich sein Tischnachbar im Zieglerschen Seniorenzentrum Welvert. Beide haben die größte Freude daran, sind eng mit ihrer Heimat verbunden und zitieren: »Schleswig-Holstein meerumschlungen«.

»Ich glaube, es sprengt den Rahmen, wenn ich von der Zeit mit meinen drei Geschwistern und unseren Eltern im Haus am Stadtrand von Itzehoe, den Kriegsjahren und der Entlassung meines Vaters als Geschäftsführer der Ortskrankenkasse, aber mit dem falschen Parteibuch erzähle. Vieles ist passiert, aber interessante Abenteuer begannen für mich mit meiner Lehre als Büromaschinenmechaniker. Mein Lehrmeister bot an, dass er mir ein halbes Jahr erlassen würde, wenn ich dafür auf die Meisterschule nach Bielefeld gehe. Dort würde ich die modernsten Entwicklungen mitbekommen. Ich habe dort gelernt, wie Addiermaschinen funktionieren. Am Ende wurde ich gefragt, was ich denn anschließend machen möchte. Meine Antwort war, dass ich irgendwo arbeiten und Geld verdienen will. Daraufhin bekam ich die Empfehlung, zur Firma Kienzle im Schwarzwald zu gehen. Also habe ich Ostern 1952 bei Kienzle angefangen. Unterschiedliche Abteilungen bauten verschiedene Modelle. Ich habe mich rangehalten, weil ich Chancen sah, dort weiterzukommen. Unsere Abteilung baute Buchungsmaschinen. Damals war es üblich, dass man bei einer Familie mit Morgenkaffee und Marmeladenbrot untergebracht war. Drei Jahre habe ich dort für einen Stundenlohn von 1,41 Mark gearbeitet. Mir hat das gefallen, weil es immer weiter vorwärts ging. Irgendwann durfte ich in der langen Reihe der Arbeiter einen Stuhl weiterrücken. Auf diese Art lernte ich alles kennen und wollte weiterziehen. Meine Absicht war, lieber im Außendienst zu arbeiten. Letztendlich landete ich bei einer Firma in Hamburg. Eines Tages rief mich jemand von Kienzle an und fragte, ob ich in Wilhelmshaven für Kienzle arbeiten möchte. Ich war wieder für alles offen und bin dorthin gegangen.

»Das Problem waren Büromaschinenhersteller in der Nähe

Ich spürte, dass die Leute im Norden lieber bei Firmen in der Region kauften und nicht bei Kienzle. Ich wollte das Modernste sehen und deshalb in die USA gehen. In Fachkreisen sprach sich so etwas rum. Mein Traum von Amerika war stark. Englisch hatte ich in der Schule gelernt, war aber nicht so toll. Mit einem Schiff bin ich 1956 in 13 Tagen nach Kanada gefahren. Die mitfahrenden Männer haben mich am Ziel ausgesucht, dass ich versuchen sollte, mit dem Taxifahrer zu sprechen. In Kanada mussten wir uns auf einem Amt melden. Ich saß einem Beamten gegenüber und versuchte ihm zu erklären, was ich bin und kann und was ich möchte. Das Wort Büromaschinenmechaniker hatte er noch nie gehört, weil er das nicht verstand. Also zog ich weiter und versuchte es hier und da, bis mir einer sagte, ich sollte mal bei Olivetti fragen, die wollen was Großes werden und suchen Fachleute. Ich bin dahin und versuchte dem Werkstattleiter zu erklären, was ich will. Und der sagte: ›Ich komme aus Hamburg und heiße Rudi. Deinen Namen kann hier keiner aussprechen, wir machen einfach John daraus. Dann erklärte er mir, dass gerade ein Stockwerk höher ein Kurs für Olivetti Rechenmaschinen startet und meinte, wenn ich Lust habe, kann ich mich dazu setzen. Das habe ich gemacht und alles recht gut verstanden. In Toronto wohnte ich bei Itzehoer Freunden. So konnte ich am besten die Sprache lernen. Von der Firma bekam ich Fachbücher für Reparaturanweisungen. Das war etwas ungewöhnlich, weil die Texte aus dem Italienischen ins Englische übersetzt wurden. Abends saß ich an holprigen Übersetzungen. Ich habe mir dazu Wörterbücher genommen und mich durchgefummelt. Zwei Jahre habe ich bei Olivetti gearbeitet. Den Kurs in Toronto beendete ich mit Erfolg. Der Chef fragte mich, ob ich alles kapiert hätte, und ich wollte von ihm wissen, wie es mit mir weitergeht. Er erklärte, dass in Kingston ein Laden öffnet und ich dort Werkstattleiter werden könnte. Ich fuhr mit dem Bus hin und schaute mir das an. Ich war begeistert und einen Tag später hatte ich den Job.

»Dann überraschte mich ein einmaliges Erlebnis

Der Bürgermeister von Kingston war auch mein Boss und erzählte mir, dass Queen Elizabeth II. 1959 das Fort Henry besucht. Er bot mir einen oberen Platz zum Fotografieren an. Das war schon was Besonderes und ich bekam die Queen direkt vor die Linse. Die Familie, bei der ich wohnte, suchte sich ein neues Haus, idyllisch gelegen an einem See. Dort lernte ich nach einigen verunglückten Versuchen auch Wasserski fahren. Plötzlich erreichte mich ein Telegramm von Kienzle mit der Frage, ob ich interessiert wäre, in die USA zu kommen. Sie hätten ein großes Geschäft mit einer Büromaschinenfirma gemacht. Das war Anfang der 60er-Jahre. Der Hauptort war in Syracuse im Bundesstaat New York. Sofort sagte ich zu, musste aber erst auf das amerikanische Konsulat. In der Firma wurde ich die rechte Hand vom obersten Chef einer Büromaschinenabteilung. Überall mussten Niederlassungen in den USA gegründet werden. Darum musste ich mich kümmern. Die wollten von mir nur Erfolgsmeldungen, ansonsten konnte ich tun und lassen, was ich wollte. Das hat mir richtig Spaß gemacht. Wochenlang war ich in Chicago und fand an einem Freitagabend kein Ende. Als ich gehen wollte, war der Aufzug abgestellt und das in einem Wolkenkratzer. Ein Nachtwächter hat mich dann befreit. Insgesamt war ich zehn Jahre auf dem anderen Kontinent, davon acht Jahre mit toller Arbeit in den USA. Es gab auch Dinge, die nicht so schön waren. Das war für mich das Wetter. Davor hatte ich großen Respekt. Strenge Winter und sehr heiße Sommer waren schon eine Umgewöhnung. Wenn es schneite, konnte es sogar passieren, dass man nicht mehr aus dem Auto kam, weil das sehr schnell total eingeschneit war, und es dadurch auch immer wieder zu Todesfällen kam. Meine letzte Station war Buffalo. Ein wunderschönes Abschiedsgeschenk – ein goldener Büffel – überreichten mir meine Nachbarn, bei denen ich auch wohnte.«

»Ein interessantes Abenteuer begann für mich mit meiner Lehre als Büromaschinenmechaniker.

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Auf einem Buch voller Erinnerung sitze ich am Strand vom Ontariosee. Obenauf steht das Abschiedsgeschenk meiner amerikanischen Freunde. Das fand ich unheimlich nett.
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»Mein Hobby war Schiffe nachzubauen. Auf dem Bild ist ein amerikanisches Lotsenschiff. Alle Utensilien habe ich selbst zusammengestellt. Modellbaukästen kamen für mich nicht infrage.«