Magazin | MutMacher
Doris Glöckle (92)

„Jeden Morgen freue ich mich auf einen neuen Tag“

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Zu einem schönen Tag gehören für Doris Glöckle auch Bücher.

Vor fünf Jahren hatte Doris Glöckle eine monatelange schwere Krankheit einigermaßen überstanden. Heute erzählt die dreifache Uroma, wie sie ihr Leben neu strukturiert hat und dadurch die glücklichste Frau ist.

„Ich habe ein hohes Alter, das merkt man schon. Zu Hause bin ich seit sieben Jahren im AWO Seniorenzentrum in Schwenningen. Meine schwere Erkrankung brachte mich vom Krankenhaus direkt ins Pflegeheim. Damals habe ich beschlossen, dass ich hier bleibe. Sieben Monate lag ich im Bett, konnte weder laufen noch aufstehen. Inzwischen habe ich mehrere Operationen gut überstanden. Das Heim war meine Rettung, die haben mich wunderbar gepflegt. Dafür bin ich dankbar. Ich bin Rheinländerin und optimistisch geblieben. Dabei hat mir meine Familie geholfen. Bevor der erste Urenkel auf die Welt kam, ließ ich mich nicht operieren. Ich wollte den Kleinen unbedingt kennenlernen. Dann wurde seine Schwester geboren und mein drittes Urenkelchen in den USA hat jetzt das Licht der Welt erblickt. Die Familie wird größer, das ist wunderbar.
Früher hatte ich für Hobbys keine Zeit. Wir haben vier Kinder, dazu gehören auch Zwillinge. Da gab es reichlich Arbeit zu Hause. Urlaub kannten wir nicht. Als die Kinder größer waren, habe ich 25 Jahre in der Inlingua Sprachschule gearbeitet. Das war eine sehr schöne Zeit. Und jetzt? Ich hatte nie Heimweh nach meiner Wohnung und hänge an keinem alten Stück. Von allem konnte ich mich befreien. Ich brauche weder Teppiche noch viele Möbel. Ich will so leben, dass ich Luft habe und frei bin. Jeden Abend lese ich bis Mitternacht, gehe dann schlafen und stehe um acht Uhr wieder auf. Drei Kartons mit kleinen Erinnerungen sind hier in meinem Schrank, gefüllt mit Karten und Fotos von meinen Kindern, den Enkeln und Urenkeln. Dazu gehört auch ein Bild von meinem früheren Chef aus der Schule. Dort habe ich immer den Nikolaus gespielt. Seine Frau schreibt mir heute noch englische Briefe, ein bisschen kann ich die Sprache.

„Wir sind gut versorgt und haben Zeit für schöne Dinge

Hier im Heim wird viel geboten. Ich unterhalte mich gern mit dem Personal, mit den jungen Leuten, die aus verschiedenen Ländern kommen. Wir lernen viel voneinander, das ist interessant. Natürlich gibt es die Coronazeit. Ich wusste aber immer, es geht weiter, es kommen wieder bessere Zeiten. Das war immer so in meinem Leben. Wenn was nicht gut ist, bleibt das nicht so. Unser Chef hat alles im Griff, er sorgt uns zuliebe für Ordnung und Hygiene, damit wir gesund bleiben. Überall arbeiten hier nette Leute und kümmern sich um uns Bewohner. Im Haus kommen viele Menschentypen zusammen. Aber es sind nicht die einen gut und die anderen schlecht. Es ist halt bunt gewürfelt, die einen möchten das, die anderen was anderes. Hier wird alles akzeptiert, man wird nicht gezwungen, man ist frei in seinen Entscheidungen und kann alles mitmachen, was einem Spaß macht. Meine Hobbys sind Kreuzworträtsel, Musik hören und Lesen. Jeden Monat bekomme ich kostenlos von der Bibliothek einen Karton mit zehn Büchern. Die wissen, wofür ich mich interessiere. Ich lese gern Familiengeschichten und historische Bücher vom 16. bis zum 18 Jahrhundert. Und ich schreibe zu allen Anlässen Briefe und Gedichte. Telefonieren ist mir zu unpersönlich. Jeder bekommt von mir persönliche Briefe oder Karten. Die Frau meines Enkels spricht englisch, das versuche ich auch in meinen Briefen an sie. Ich weiß genau, was wem gefällt.
Dieses Heim ist mein letzter Weg. Wenn der liebe Gott will und ich sterbe, dann ist es okay. Ich habe eine innere Ruhe, bin zufrieden, weil ich noch klar im Kopf bin. Ich laufe jeden Tag eine Stunde, oft zum alten Friedhof, ziehe mich selber an und wasche mich… es geht alles noch. Wenn ich mal Hilfe brauche, kann ich mich auf andere verlassen. Das beruhigt. Einen Tag, an dem ich traurig bin, kenne ich nicht.“

"Wenn ich mal Hilfe brauche, kann ich mich auf andere verlassen. Das beruhigt."

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