Magazin | MutMacher
Rosalie Klukas (70) und Hildegard Deusch (91)

»Jeden Abend geben wir uns einen Gute-Nacht-Kuss«

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»Jeden Mittag spielen wir ›Mensch ärgere Dich nicht‹. Oft spielt ein Mann mit, der uns immer rausschmeißt. Jeder hat Spaß, keiner ist beleidigt. Wer uns nicht erlebt hat, glaubt es nicht: Wir lachen so viel, bis wir Bauchweh haben.«

Zwei Frauen sind im Heim Freundinnen geworden und gestalten ihren Alltag gemeinsam. Am Morgen sitzen sie beim Frühstück an ihrem Tisch, direkt vor dem großen Fenster. Eine klare Ansage von Hildegard Deusch und Rosalie Klukas: »Ohne Wenn und Aber – wir gehören zusammen.«

Rosalie Klukas leidet seit ihrer Geburt an einer heimtückischen Krankheit, die unaufhaltsam ist. »Ich konnte in die Schule gehen, hatte ein gutes Zuhause und war 32 Jahre als Kontrolleurin bei Uhren-Junghans angestellt. Zu meiner Familie gehören vier jüngere gesunde Geschwister. Ich habe mich nie gefragt, warum nur ich so krank bin. Mit meinem Glauben, der im Elternhaus entstand, konnte ich die Krankheit annehmen. Ich hatte die Hoffnung, immer zu Hause wohnen zu können. Dann starb mein Vater. Ich allein konnte meine Mutter nicht versorgen. Sie zog als erste hier ins AWO-Seniorenzentrum ein. Wenig später konnte ich mich nicht mehr in der Wohnung bewegen. Für den Rollstuhl waren die Türrahmen zu eng. Seit 2012 wohne auch ich im Fritz-Fleck-Haus. So hatten meine Mutter und ich noch eine gute Zeit zusammen. Inzwischen komme ich nicht mehr in ein Auto hinein. An Ausflüge ist nicht zu denken. Unser Fahrstuhl bringt mich in den kleinen Park. Damit bin ich zufrieden. Ich schaue häufig Bibel TV und Hope TV. Das gibt mir Kraft. Wenn ich spüre, dass Heimbewohner ins Gespräch kommen möchten, spreche ich ihnen auch mit meiner Geschichte Mut zu. Mein Motto: niemals aufdringlich werden. Ein ›Du musst‹ geht gar nicht. Auch ich lasse mich nicht drängen. Meine Geschwister kommen oft zu Besuch oder wir telefonieren. Dann tauschen wir unsere Gedanken aus. Wir sind evangelisch erzogen. Ich wurde getauft und habe mich mit 16 Jahren nochmal ganz bewusst taufen lassen. Ich versuche meinen Glauben zu leben und gehöre einer Pfingstgemeinde an. Schlechte Tage kenne ich nicht. Ich glaube an Gott und hole meine Gelassenheit vom Himmel. Mit Hildegard bin ich eng befreundet. Unser Tag beginnt mit dem gemeinsamen Frühstück. Manchmal tauschen und teilen wir unser Essen. Je nachdem, worauf der andere Appetit hat. Sie nennt mich Rosi. Unsere Chefin ist was Besonderes. Für sie sind wir Bewohner das Wichtigste. Sie möchte, dass es uns gut geht. Das spüren wir. Für alle hat sie ein offenes Ohr.«

»Was wir aneinander mögen? Einfach alles!

Hildegard Deusch wohnt auch im AWO-Seniorenzentrum: »Mein Mann war im Rottenmünster und ich daheim. Mit ihm wollte ich gern noch Zeit verbringen. Platz für uns zwei war hier im Fritz-Fleck-Haus. An unserem Hochzeitstag sind wir eingezogen. Ein paar Monate später starb er. Ich vermisse meinen Mann sehr. Mein Glück ist Rosi. Wir mögen uns und erzählen viel von früher. Jeden Samstagabend kommt sie zum Fernsehen zu mir. Am liebsten schauen wir Quizsendungen oder Andy Borg. Die Schlager kennen wir alle. Auch im Heim haben wir jede Woche eine Musikstunde und können uns Lieder wünschen. Früher habe ich gern getanzt und bin viel geschwommen. In Schiltach hatten mein Mann und ich ein Haus. Eine Zeit lang haben wir dort Kurgäste beherbergt. Das wurde stressig, als ich anfing zu schaffen. In der Pause rannte ich nach Hause, kochte Kaffee und richtete Vesper. Jetzt wird unser Haus verkauft. Ganze 17 Jahre habe ich im Altenheim gearbeitet. Diese Woche hat mich meine frühere Chefin besucht. Sie ist 83. Unsere Betreuerinnen sind alle nett. Eine macht täglich Gymnastik mit uns. Eine andere fährt manchmal mit dem Bürgerbus und mit Bewohnern zum Einkaufen. Dann bringt sie uns allen was Besonderes mit, mal Schinkenwurst oder Pizza. Die haben sogar mal selbst richtig gute Waffeln gebacken. Ich habe eine tolle Familie mit Enkeln und Urenkeln, die sich sehr um mich kümmern. Mit meinem jüngeren Bruder telefoniere ich. Leider hatte meine Tochter einen schweren Schlaganfall. Da musste ich viel weinen. Doch ich habe einen sehr guten Schwiegersohn, der für sie alles macht und mich oft besucht. Er bringt mir immer die neuesten Hefte, weil ich gerne lese.«

»Wir zwei gehören zusammen.

 

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»Mein Hobby sind Handarbeiten, vor allem Stricken und Häkeln. Für uns zwei habe ich eine warme Decke gestrickt, wenn uns mal kalt wird.«
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»Manchmal ist mir nicht gut. Dann sage ich Rosi, dass ich sterben will. Sie antwortet immer, dass ich noch ein bisschen dableiben soll.«