Magazin | MutMacher
Gertrud Strobel (99)

„In meinem ganzen Leben hatte ich Glück“

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Trudel – wie sie genannt wird – liest gern, schaut Fußball im Fernsehen und strickt mit Leidenschaft.

Möglich, dass positives Denken das Älterwerden unterstützt. Gertrud Strobel gehört zu den Menschen, die behaupten, eigentlich ganz normal gelebt zu haben, ohne einen besonderen Lebensstil. Sie ist eine Frohnatur und erst vor einem Jahr in die Schwenninger AWO eingezogen.

„Schlechte Laune ist nicht mein Ding. Mein Leben war schön, ich hatte einen wundervollen Mann, der mich verwöhnt hat. Fast 60 Jahre waren wir verheiratet. Vor 12 Jahren ist er leider verstorben. Wir haben sehr gut harmoniert. Nur mit eigenen Kindern klappte es nicht. Ich bin die Älteste von fünf Kindern. Wir hatten eine schöne Kindheit, obwohl wir arm waren und ich mit meinem Bruder nicht gut auskam. Der war frech und ich auch. Ich hatte immer eine große Klappe und war flink. Mit den Buben bin ich in hohen Bäumen gehockt. Meine Mutter meinte oft: Die bringt mich zum Wahnsinn. In der Zeit, als die Männer vom Krieg heimkamen, guckte man, ob schon wieder einer da ist. Ich war bei meiner Freundin, ihr Bruder war noch nicht zurück, aber mein späterer Mann stand in der Tür. So haben wir uns kennengelernt. Eines Tages hat mein Bruder bei meinen Eltern gepetzt: Jetzt hat sie einen Kerle. Vater wollte, dass ich ihn mitbringe und fragte ihn, woher er kommt. Plötzlich gab es ein Geschrei. Mein Vater konnte sich nicht beruhigen, weil der Vater meines Freundes sein bester Kamerad in der Jugend war. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten sie sich aus den Augen verloren. Mein zukünftiger Schwiegervater sagte seinem Sohn, dass er mich heiraten soll, weil wir nette Leute seien. Die beiden Alten sind schier übergeschnappt. Ich habe auch ganz liebe Schwiegereltern bekommen. Leider ist der Vater zeitig verstorben, weil er schwer krank war. Der Kommentar meines Vaters zu mir: Also, du hast viele Stückle fertiggebracht, aber da hast du mal einen Trumpf gemacht. Ich hatte wirklich in meinem ganzen Leben viel Glück. Wir haben tolle Reisen gemacht, waren Skifahren und an den Wochenenden mit Freunden unterwegs. Ich habe Kindergartenschwester gelernt und bis zur Rente gearbeitet. Mein Mann und ich konnten uns eine schöne Eigentumswohnung leisten, in der ich bleiben wollte.

„Früher habe ich für mich ein Pflegeheim abgelehnt.

Dazu muss ich sagen, dass mein Mann schon Jahre vorher, obwohl wir kerngesund waren, gemeint hat, dass wir mal zum Notar müssen. Ich konnte gar nicht verstehen warum. Er hat mir erklärt, dass wir jemand bestimmen müssen, der im Alter für denjenigen sorgt, der übrig bleibt. Mein Mann hat an alles gedacht, er war ganz, ganz lieb und hatte recht behalten. Als ich allein war, hat sich meine Familie Sorgen gemacht. Aber ich wollte nicht aus unserer Wohnung ausziehen. Dann kamen zwei Dinge zueinander. Zum einen gab es in meiner Nähe eine nette Familie, die es zu gut mit mir meinte. Mir war das zu viel und ich dachte, den Zauber will ich nicht. Dazu kam, dass ich beim Einkaufen in einen Wolkenbruch kam und auf dem Heimweg total durchnässt wurde. Ich habe einen schnellen Entschluss gefasst und meine Nichten angerufen. Mit meiner Familie habe ich ein gutes Verhältnis. Wir haben keinen Streit, sehen uns nicht oft, aber wenn, dann ist es schön. Jetzt bin ich seit einem Jahr hier im Heim und habe von meinem Bruder ein Lob bekommen: Ein gescheites Stückle hast Du gemacht, als Du endlich ins Heim gegangen bist. Das hätte ich Dir nicht zugetraut. Jetzt ist mein Leben halt anders. Ich bin gut versorgt und bin gern hier. Wir haben zwei Köche, die gut kochen. Stundenlang kann ich stricken und entspanne dabei. Ich lese viel, mache Rätsel und schaue Fußball an. Ich habe keine Schmerzen, selten Kopfweh. Es zwickt mal im Rücken, ist aber nicht schlimm. Mir fehlt nichts. Fast jeden Tag laufe ich eine Stunde mit meinem Rollator zum Alten Friedhof. Ich bin gern allein, aber auch gern in Gesellschaft und ich hoffe, dass ich im nächsten Jahr hier im Heim hundert werde.

Ihr Hobby ist Stricken und die ganze Familie bekommt warme Socken.

"Ich hatte immer eine große Klappe und war flink. Mit den Buben bin ich in hohen Bäumen gehockt."

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