Magazin | MutMacher
Erich Neumann (92)

„Ich habe sehr gern platt gesnackt“

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Das Lieblingslied aus seiner Geburtsstadt Hamburg: Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn ...

Die ersten Worte verraten den Hamburger Jung. Seine Leidenschaften lebt er seit vier Jahren in Villingen am Hobbytisch aus. Hier stapeln sich Kreuzworträtselhefte, liegen Mundharmonika und Patience-Karten. Nach wenigen Minuten stimmt er seinen Shanty an: Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn …

„An die 20 Jahre verbrachte ich in meiner Geburtsstadt Hamburg, in Barmbek. Früher haben die Leute gesagt, dass dort die Miete mit dem Revolver kassiert wird. An unser Plattdeutsch erinnere ich mich gern. In der Schule lernten wir Hochdeutsch, aber sobald wir rauskamen, wurde sofort platt gesnackt. Ich habe viel Sport getrieben, Schwimmen war mein Hobby, am liebsten in der Nordsee. Während des Krieges kam ich durch die Kinderlandverschickung in die Oberpfalz. Mein Glück war, dass ich in der Volksschule Englisch gelernt hatte, so war ich bei den Amerikanern der King. Die hatten zwar einen anderen Dialekt als die Engländer, aber das habe ich schnell kapiert. Ein Offizier war aus Atlanta in Georgia. Das weiß ich noch. Die Amis haben mir vieles geschenkt, meistens was zum Essen und Schokolade. Nach meiner Lehre war ich Büromaschinen-Mechaniker. Der Krieg war zu Ende und ich musste mir eine Arbeit suchen. So kam ich über Wuppertal und Bielefeld nach Baden-Württemberg und bin 1960 in Villingen bei Kienzle Apparate gelandet. Wir haben Schreibmaschinen gebaut und ich war Schriftrichter und musste die Buchstaben an die Hebel löten. Beim Tastendrücken schlugen die auf eine Walze, vor der ein Farbband lief. Über dieses Farbband wurden die Buchstaben aufs Papier gebracht. Da musste man das Zehnfingersystem beherrschen … A S D F mit den Fingern der linken Hand und J K L Ö mit den Fingern der rechten Hand. Die Daumen drückten nach jedem Wort die Leertaste. Langsam werde ich älter, ob ich das noch kann, weiß ich nicht. Aber ich kenne mich noch aus.

Meine Frau kam von Halle an der Saale. Mit dem Hamburger Schwimmclub sind wir immer mal zu Klubwettkämpfen nach Sachsen-Anhalt gefahren. Da war ich dabei. Nach dem Wettkampf wurde auch getanzt und dabei habe ich ein Mädchen kennengelernt, das ich 1955 geheiratet habe, meine Doris. Sie war auch Schwimmerin. Wir waren beide sportlich, sind dann auch im Tanzsportverein Villingen gewesen und haben bei Wettkämpfen mitgemacht. Tanzen war unsere Leidenschaft, am liebsten Wiener Walzer, Qickstepp, Slowfox und lateinamerikanische Tänze. Da waren wir nicht die Schlechtesten, sondern immer unter den ersten sechs. Die Kleider für meine Frau haben wir machen lassen. Ich trug einen schwarzen oder dunkelblauen Anzug, dazu eine rötliche Fliege, ein weißes Hemd und Halbschuhe mit glatter Sohle.

Wir haben gerne Feste gefeiert

Ich bin auch Schwimmtrainer im Villinger Schwimmclub geworden und hatte mehrere gute Schwimmerinnen. Unsere Tochter habe ich selbst trainiert und sie war richtig gut und wurde Deutsche Meisterin über 200 und 400 Meter Lagen. Und sie war bei Europa- und Weltmeisterschaften dabei, sogar mal in Kolumbien. Unser Sohn hat später Wasserball gespielt und auch unsere vier Enkel haben sich für den Schwimmsport begeistert.

Zum Urlaub gings meistens in den Norden, oft nach Sylt, weil dort der Strand schöner ist als auf Helgoland. Hier mussten wir natürlich immer auf Ebbe und Flut achten. Der schönste Ort ist List. Jetzt bin ich leider zu alt zum Tanzen und Schwimmen, Wenn ich mir eine Freude machen will, dann löse ich Kreuzworträtsel oder lege Patiencen. Als Rentner darf ich ausschlafen. Ich wohne gerne hier im Heilig-Geist-Spital am Warenbach und werde verwöhnt. Beim Essen mag ich alles, Fisch am liebsten. Auch Erbsensuppe, marinierter Hering und Scholle sind was Feines. Und dazu darf es gern Brat-, Salz- oder Quetschkartoffeln geben. Was ich mir wünsche? Ich möchte noch lange gesund bleiben. Natürlich weiß ich, dass keiner ewig lebt und ich schon ziemlich alt bin. Aber ich lebe immer noch gerne und bin hoffentlich noch eine Weile gesund. Dafür bewege ich mich regelmäßig und laufe ganz gut.“

"Ich lebe noch gerne und bin hoffentlich noch eine Weile gesund."

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Wenn sich Erich Neumann etwas Gutes tun will spielt er sein Lieblingslied der legt Patiencen.
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