Magazin | MutMacher
Ulli Hornung (45)

»Ich habe noch Träume und Wünsche – dafür trainiere ich …«

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Jahrgang 1980, mit 19 einen schweren Unfall, seit 20 Jahren im Zentrum für Betreuung und Pflege Hirschhalde, inzwischen sind Mutter und Vater verstorben. Im Gespräch ist er ein lebensfroher Partner, der von seiner engagierten Familie, den Betreuern und Freunden erzählt. Mit seinem besten Freund Mutz gestaltet er seinen Alltag. Für Außenstehende ist sein Schicksal unfassbar. Im Zeitungsbericht über den Unfall ist auf dem Foto ein total demoliertes Auto zu sehen. Es grenzt an Wunder, dass er überlebt hat und heute über Lebensfreude und Zukunftswünsche sprechen kann.

»Meine zweite Heimat ist hier in Bad Dürrheim auf der Hirschhalde. Begonnen hat mein anderes Leben mit meinem Unfall. Ich war 19 Jahre alt und kaufte günstig einen gebrauchten Zweier-Golf. Meine Lehre zum Elektroinstallateur hatte ich mit bestandener Gesellenprüfung abgeschlossen. Zwei Wochen später lag ich schwer verletzt im Krankenhaus. Eigentlich wollte ich dort einen Kumpel besuchen und nach meiner Bewerbung fragen. Als Kriegsdienstverweigerer hatte ich mich für den Zivildienst im Krankenhaus interessiert. Kurz vorher schlug mein Schicksal zu und ich musste ein anderes Leben akzeptieren. Mit meinem Auto geriet ich auf den rechten Grünstreifen, lenkte dagegen und schleuderte auf die Gegenfahrbahn. Ein entgegenkommender Kieslaster konnte einen heftigen Zusammenprall nicht verhindern und ich schleuderte weiter in ein Waldstück. Aus meinem Auto befreite mich die Feuerwehr. Ich hatte keine Brüche, aber mein Kopf wurde an der Gurthalterung der Beifahrerseite so stark beschädigt, dass ich eine große Delle hatte, die auf mein Gehirn drückte. Lange lag ich im Koma. Mir wurde erzählt, dass ich mit dem Heli ins Karlsruher Krankenhaus kam. Dort wurde ich so weit aufgepäppelt, dass ich zu einer Reha ins Jugendwerk Gailingen gebracht werden konnte. Mit kurzem Zwischenaufenthalt zu Hause war ich dort zirka drei Jahre. Dann kam ich zur Weiterbehandlung nach Bad Tölz, anschließend wieder ins Krankenhaus und schließlich hierher nach Bad Dürrheim.
Ungefähr alle vier Wochen fahre ich nach Hause. Das ist nach dem Tod meines Vaters und meiner thailändischen Mutter nicht mehr Ötigheim, sondern Iffezheim bei meiner Schwester. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Fahrt schaffe ich ganz gut selbstständig mit meinem Rollstuhl. Bei der Bahn muss das angemeldet werden. Von der Hirschhalde bringt mich jemand nach Donaueschingen, weil dort der Bahnhof schon lange behindertengerecht ist. Dann fahre ich über Offenburg weiter nach Baden-Baden. Meine Schwester oder meine Cousine, aber auch mein Schwager oder meine Großcousine holen mich vom Bahnhof ab und bringen mich nach Hause. Ich habe eine super Familie. Auf der Rückfahrt ab Baden-Baden holt mich jemand von unserem Betreuungszentrum oder ein Taxi in Donaueschingen ab.

 

»Schöne Erinnerungen habe ich an meine Kindheit und Jugend…
Mein Zimmer in der Hirschhalde ist voll mit meinen Hobbys, viele Bilder erzählen Geschichten: Vor meinem Unfall war ich sehr sportlich. Mit sechs Jahren kam ich in die Leistungsgruppe in der Turngemeinde Ötigheim, bin bei Wettkämpfen gestartet und half später beim Training der Jugend. Mein Vater war dort Turnlehrer. Und samstags spielte ich mit Freunden Freizeitfußball. Ein Trainer beobachtete das und fragte mich, ob ich nicht aktiv im Verein kicken will. Da war ich stolz und durfte als Stürmer in der A-Jugend spielen. Meine Freizeit habe ich oft mit meinem Onkel verbracht. Wir sind Rad gefahren, gewandert und geklettert. Im Winter nahmen wir die Skier und ich lernte von ihm Langlauf und Abfahrten. Das tollste Erlebnis war die Reise mit Onkel und Tante nach Kanada. Wir besuchten dort meine Cousine, die gemeinsam mit 150 Studenten aus aller Welt ein Jahr mit einer coolen Tanz-Show auf Tournee war. Die Bühne war mein Leben. Schon in der Schule habe ich leidenschaftlich Theater gespielt, war später bei den Volksschauspielern in Ötigheim. Am Anfang bekam ich kleine Sprechrollen und später sogar größere. Ich war auch DJ, spielte manchmal Schlager, aber am liebsten Techno. Als ich 18 war, ging ich dienstags in eine Disco, in der der Eintritt frei war. Noch heute habe ich einen Haufen CDs.

»Auf dem Arm meiner thailändischen Oma war ich drei Jahre alt.«

»Auf dem Arm meiner thailändischen Oma war ich drei Jahre alt.«

 

»Ich habe viel erlebt, trainiere aber auch und nutze meine Möglichkeiten…
In meiner zweiten Heimat geht es sehr familiär zu. Deshalb fühle ich mich hier wohI und komme mit allen Leuten gut aus. Einer unserer drei Köche ist Franzose. Der ist richtig cool. Raphael kocht phantastisch und sein Baguette ist nicht nur Weißbrot. Mit ihm unterhalte ich mich gern, er hilft mir auch. Unsere Betreuer machen viel mit uns. Wir waren zusammen in Konzerten und im Theater, sogar im Urlaub am Bodensee. Cool waren die Fahrt nach Schwelm im Ruhrgebiet und unser Ausflug in den Europa-Park. Mein Freund Mutz und ich kamen zu spät zur Abfahrt, weil wir noch shoppen wollten. Zum Glück haben wir Handys. Der kleine Bus hat umgedreht und uns wieder abgeholt. Das war echt lustig. Über meinen Hausarzt, der auch Mannschaftsarzt bei den Schwenninger Wild Wings ist, konnte ich schon Eishockey im Schwenninger Stadion anschauen.
Mein Hobby Nummer eins ist Fernsehen und Filme gucken. Wenn ich vom Frühstück komme und keine Therapie habe, mache ich den Fernseher an, schaue ob was Gescheites kommt, oder suche aus meinen zirka 200 DVDs einen Film aus. Mein bester Freund hier ist Mutz, der eigentlich Jürgen heißt und wie ich ein Badener ist. Wir zwei gucken bei mir viel Fernsehen und Filme.
Aber ich möchte noch mehr erleben und meine früheren Hobbys wieder erleben. Dafür trainiere ich, mit und ohne Therapeut. Jedes Üben ist anstrengend, kann mich aber mobiler machen. Ein Beispiel: Zum Sitzen ist mein Rollstuhl optimal, und ich traue mir zu, größere Strecken zu fahren. Kürzere Wege schaffe ich mit dem Rollator. Und wenn ich mich umsetzen möchte, dann kann ich im Moment schon allein mit einem Vierpunktstock und einer Krücke einen kleinen Weg gehen. Mein Ziel: Ich möchte im Park und längere Strecken auf eigenen Füßen ohne Rollator laufen. Aktiv bin ich als Vorsitzender des Heimfürsprecher-Gremiums. Einmal im Monat treffen wir uns. Da werden Speise- und Menüpläne durchgesprochen. In letzter Zeit gab es zu oft Kartoffeln. Die Leute hier möchten mehr Spätzle und Nudeln. Mein festes Ziel ist, wieder Theater spielen zu können. Der Weg ist weit, mal sehen…«

»Traurig bin ich nur darüber, dass ich nicht Zivi sein konnte. Ob das noch klappt?

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»Meine größte Schauspieler-Rolle war der Bub in dem Stück: Sei still Bub.«
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»Ganz arg mag ich die Geschichten mit den Simpsons. Die zwei sitzen auf meinem Regal.«