Magazin | Einblicke
Von heute auf morgen in ein anderes Leben

„Ich habe Lösungen gesucht und neue Perspektiven geschaffen“

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Ein Unfall hat das Leben von Stephan Freude buchstäblich vom Kopf auf die Füße gestellt. Was für ihn ein Leben im Sitzen bedeutet.

Vor 25 Jahren hat sein Leben einen Schnitt gemacht und den Alltag von Stephan Freude umgekrempelt. Nach seinem Motorradunfall eröffnet ihm der Arzt mit direkten Worten eine Perspektive, die im Moment in der ganzen Tragweite nicht vorstellbar war. Heute ist der gelernte Schreiner als Speaker, Coach und als Gastdozent an Universitäten unterwegs.

Herr Freude, Ihr Name ist ja schon Programm. Wie geht es Ihnen heute?
Ich war immer ein positiv denkender Mensch, habe gern gelebt und nach Lösungen gesucht, um Freude zu erleben. Das hat sich nach dem Unfall verstärkt und ich habe mich gefragt, wo und wie ist die Lösung. Kann ich mit Querschnittslähmung Fallschirmspringen, Rafting oder Wellenreiten betreiben? Ich habe meinen Weg als Rollstuhlfahrer gesucht und inzwischen all das erfolgreich ausprobieren können.

Sind Sie niemals in das berühmte Loch gefallen?
Doch, am Anfang war ich in einem tiefen Loch. Nach der Ansage des Arztes war für mich alles verloren, mir stellten sich nur Fragezeichen. Ich war Schreiner und Sport stand ganz oben auf meiner Liste. Auch an mein Beziehungsleben habe ich gedacht. Ich war überzeugt, dass mich als Rollstuhlfahrer keine Frau haben will. Nach und nach habe ich es geschafft, mir neue Perspektiven aufzubauen. Ich begriff, was es heißt, sensitiv nicht mehr zu spüren, ob meine Beine weh tun, ob ich auf die Toilette muss, der Schuh drückt oder auch sexuell gesehen. Und plötzlich verstand ich, dass das Leben deshalb nicht zu Ende ist.

Aus welchen Gedanken haben Sie denn Ihre Motivation geschöpft?
Zuerst aus mir selbst, denn ich habe immer schon positiv gedacht. Aber es gibt auch andere Gründe: Wenn man sieht, welche Entwicklungen in den letzten 20 Jahren bezüglich finanzieller und technischer Unterstützung für uns Querschnittsgelähmte entstanden sind, ist das sehr viel. Uns steht ein großes Angebot an Hilfsmitteln zur Verfügung. Natürlich muss ich oft im Vorfeld mehr planen, zum Beispiel für den Urlaub. Das beginnt mit der geeigneten Unterkunft und ob ich dort alles vorfinde, was ich im Alltag brauche. Ich würde aber der Gesellschaft keinen Vorwurf machen, wenn nicht alles vorhanden ist. Auf keinen Fall möchte ich den Anspruch erwecken, dass alle in jeder Situation auf mich Rücksicht nehmen müssen. Ich bin viel gereist, war auf Bali, in Kambodscha und in Afrika unterwegs. Wenn man von dort zurückkommt, dann sieht man, wie feudal wir in Deutschland oder überhaupt in Europa leben. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

Was ist denn für Sie der Inbegriff Ihres Hilfsmittels?
Aus heutiger Sicht … mein umgebautes Auto. Es bietet mir die größte Mobilität. Wenn man mir das wegnehmen würde, müsste ich zu Hause sitzen und hätte keine Selbstständigkeit. Da ich sehr viel und gerne unterwegs bin, würde ich ansonsten immer abhängig sein.

Werden Sie als Rollstuhlfahrer unterwegs als Gesprächspartner auch übersehen?
Das Problem des „Über-den-Kopf- hinweg-Redens“ kenne ich, aber selten. Meine Frau wurde mal angesprochen und gefragt, was ich denn essen möchte. Ich versuche die Situation humorvoll anzugehen. Der Umgang miteinander hat viel damit zu tun, wie man selbst anderen begegnet. Ein Faktor ist auch Unsicherheit. Oft werde ich gefragt, wie es mir geht. Wenn ich das mit „gut“ beantworte, kommen häufig vorsichtige Zweifel. Dafür habe ich ein Aha-Beispiel und erkläre, dass viele Menschen eine Brille als Hilfsmittel benötigen. Nimmt man denen die Brille weg, rennen sie womöglich gegen einen Baum. Mein Hilfsmittel ist der Rollstuhl. Der einzige Unterschied ist, dass wir uns an Brillenträger im Alltag gewöhnt haben. Rollstühle sind seltener unterwegs. Das ist mein Lieblingsspruch. Die meisten lachen und haben eine Erkenntnis gewonnen.

Wie integrieren Sie Ihr Umfeld in Ihren Alltag?
Ich brauche nicht nur für vieles etwas länger, sondern auch Unterstützung. Und dort, wo ich sie benötige, sprechen ich die Leute an. Noch nie habe ich eine Ablehnung erhalten. Und so komme ich auch in das Restaurant mit den drei Stufen rein. Oder ich brauche im Supermarkt etwas von ganz oben im Regal. Das hat ganz klar damit zu tun, wie ich Menschen um Unterstützung frage und bitte.

Kreisen Ihnen Gedanken durch den Kopf, wie es wäre, wenn der Unfall nicht passiert wäre?
Nein, das ist gar nicht mehr mein Thema.

Was ist für Sie Glück?
Damit habe ich mich tatsächlich länger beschäftigt. Glück sind Dinge, die meistens von außen kommen. Freude dagegen kommt aus mir heraus. Dafür bin ich selber zuständig, auch wenn ich von außen keine Glücksmomente habe. Wichtig ist, dafür offen zu sein. Zum Beispiel kann ich von Glück sprechen, dass ich hier und nicht in der Ukraine lebe. Ich muss keine Angst haben und nicht Hunger leiden. Es ist die Frage, worauf ich meinen Fokus lenke. Ich bin ja für mein Leben verantwortlich, egal ob ich im Rollstuhl sitze oder nicht. Ich habe über 24 Jahre zu diesem Thema geforscht und würde behaupten, dass es nicht darauf ankommt, ob ich ein Handicap habe, sondern darauf, wie ich mit meinem Leben umgehe.
Ich habe noch Ideen, die ich tun möchte. Solche Wünsche darf man sich fürs Leben ja ein bisschen aufbewahren. Ich muss auch an meinen Alltag denken, an meinen gefüllten Kalender. Aber für die Sachen, auf die ich Lust habe, suche ich nach einer Lösung. Schon die ist für mich reizvoll. Auf meiner To-do-Liste steht noch „eFoil fahren“ und in Namibia auf Safari gehen. Ich glaube nicht, dass ich andere Bedürfnisse habe als andere Touristen. Aber die Unterkünfte müssen für mich funktionieren.

Ist Ihre Frau genauso wie Sie?
Da hatte ich richtig Glück, sie ist eine optimistische und fröhliche Frau. Als Bonus hat meine Frau unsere Tochter mitgebracht. Das Kind entwickelt völlige Normalität mit dem Rollstuhl. Sie wächst damit auf und fragt nicht, wie wir damit umgehen. Für die ist eher interessant, auf meinem Schoß zu sitzen und mitzufahren.

Haben Sie auch Ablehnung im Arbeitsleben erfahren?
Ja, das ist mir passiert. Ich war einige Jahre in einem Unternehmen und wollte mich für eine Führungsposition bewerben. Da hat mir die Personalsachverständige gesagt, dass sie mich dort nicht sieht, weil ich als Rollstuhlfahrer von unten nach oben zu den Menschen schaue. Das habe ich zur Kenntnis genommen, mich von dem Unternehmen getrennt und danach in einer anderen Firma als Abteilungsleiter gearbeitet. Ich habe einfach mein Ziel und meinen Weg gefunden.

Und heute wagen Sie die Selbstständigkeit. Wie schwer war diese Entscheidung?
Das hat viel Mut gekostet, aber ich bin überzeugt, dass es für mich keinen anderen Weg gibt. Ich bin sehr zuversichtlich. Es ist für mich sehr stimmig, mich dem zuzuwenden, was ich bieten kann, nämlich Menschen zu inspirieren, zu ermutigen und sie zu begeistern für mehr Freude im und am Leben. Dafür bin ich ein authentisches Beispiel. Und ich glaube wir brauchen gerade jetzt Freude mehr denn je. Egal ob das die Freude in unseren Beziehungen, die Freude in unserer Freizeit oder auch die Freude in unserem Arbeitsleben ist. Mit dem Thema bin ich auch in Unternehmen unterwegs. Es ist meiner Meinung nach wichtig, dass wir uns um unsere Freude kümmern.

WEITERE INFORMATIONEN:
Stephan Freude
kontakt@stephanfreude.com
www.stephanfreude.com

"Am Anfang bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Aber jetzt verschwende ich keinen Gedanken mehr daran, was ich jetzt tun würde, wenn der Unfall nicht passiert wäre."

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Stephan Freude als Dozent unterwegs, motivierend für andere ...
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… und endlos sind seine eigenen Wünsche nach Lebens-Freude.
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