Magazin | MutMacher
Erna (86) und Karl-Heinz (90) Bechert

Gute Erinnerungen sind die Würze ihres Alters

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»Früher haben wir zwei zu Hause tolle Feste feiert. Man wird bescheidener. Unsere Eiserne Hochzeit haben wir in dem schönen Strandkorbraum gefeiert. Der ist wirklich einmalig.«

Alles lief nach Plan: Die Eltern von Erna stimmten einer Hochzeit zu. Das war damals Gesetz, weil die Tochter erst 19 Jahre alt war. Bald nach der Heirat kam der junge Karl-Heinz als gut ausgebildeter Elektrotechniker aus der Schweiz zurück. Sein Vater machte ihn auf eine Anzeige in der Zeitung aufmerksam. Und er startete bei der Firma Waldmann, bekam viel Verantwortung und gestaltete den Bereich Elektroanlagen bis zu seinem Rentenalter.

Die zwei Villinger lernten sich beim Maientanz in der alten Tonhalle kennen und feierten vor zwei Jahren ihre Eiserne Hochzeit – 65 Jahre gefüllt mit Erfahrungen. Die erfolgreiche Bewerbung bei der Firma Waldmann ebnete für Karl-Heinz einen schnellen Aufstieg: »Ich übernahm die Leitung der Sparte Elektroanlagen mit eigenständiger Prokura und konnte machen, was ich wollte. Herbert Waldmann war mein Chef. Er kümmerte sich ausschließlich um den Bereich Lichttechnik. Der Jüngere seiner beiden Söhne war Rainer, der schon als Junge bei mir geschafft hat. Er war Elektroinstallateur und machte die Meisterprüfung. Damit er etwas anderes sieht, schickte ich ihn zuerst zu den Stadtwerken in Villingen und anschließend in eine kleinere Firma. Mit viel Erfahrungen kam er zurück. In der Zwischenzeit eröffnete ich eine Filiale in Gosheim mit dem Namen Elektro-Waldmann Installation. Übernommen habe ich die Abteilung mit 28 Angestellten. Als ich am Arbeitsende den Bereich an Rainer Waldmann übergab, waren es 96 Mitarbeiter. Ich hatte viel Glück und konnte auch die IT ausbauen.

»Die EDV haben wir 1976 eingeführt

Für unsere Laufbänder kauften wir einen Brandschutztresor, damit keine Daten verloren gingen. Ich war immer ein bisschen Vorreiter. Wenn ich erfuhr, dass es wieder was Neues gab, sprang ich auf den Zug auf. Anfangs war Herbert Waldmann nicht so überzeugt, ließ mir aber den Freiraum. Ich erinnere mich an einen außergewöhnlichen Auftrag. Schmidt Winterdienst- und Kommunaltechnik in St. Blasien plante einen Neubau und suchte jemanden für die Elektroplanung. Mich interessierte das und wir gestalteten ein Angebot. Unser Senior hielt uns für verrückt und war sehr skeptisch. Ich war überzeugt, dass wir das schaffen. Tatsächlich bekamen wir den Auftrag. Ich stellte ein Team zusammen und suchte für die Mitarbeiter ein Quartier vor Ort. Meine Leute schafften die Arbeiten in vier Tagen, wozu sie ansonsten fünf Tage gebraucht hätten. Wir haben das neue Werk elektromäßig auf die Beine gestellt, alles klappte wunderbar. Bei der Einweihungsfeier waren wir und Herbert Waldmann eingeladen. Schmidt lobte uns sehr beim Senior. Dessen Antwort an uns war: Ja, das war wirklich gut. Als Schriftführer bei der Innung war ich auch bekannt bei der Handwerkskammer Konstanz. Bei einer Vollversammlung wurde ich als Sachverständiger fürs Elektrohandwerk gewählt. Da folgten meine 22 Jahre als Gutachter.

Ein Höhepunkt für meine Frau und mich war mein 40-jähriges Jubiläum mit einer unglaublichen Überraschung. Der älteste Sohn Gerhard Waldmann war Flieger. Wir zwei durften in sein Flugzeug einsteigen und er selbst flog uns für acht Tage nach Berlin ins Hotel Kempinski. Gemeinsam haben wir dort viel gesehen. An mein Arbeitsleben habe ich sehr gute Erinnerungen. Wir hatten nicht nur ein gutes Betriebsklima, sondern auch untereinander ein tolles Verhältnis in der Zusammenarbeit mit meinen früheren Mitarbeitern.

»Als wir hierher kamen, gab es nur weiße Wände, es sah etwas kahl aus. Von zu Hause haben wir viel mitgebracht – auch unsere 13 Orchideen, die ich teilweise selbst gezüchtet habe und pflege.«

»Als wir hierher kamen, gab es nur weiße Wände, es sah etwas kahl aus. Von zu Hause haben wir viel mitgebracht – auch unsere 13 Orchideen, die ich teilweise selbst gezüchtet habe und pflege.«

»Ein neuer Abschnitt für mehr Zeit
Als ich in Rente ging, hatte ich für meine Frau und für neue Hobbys und Reisen mehr Zeit. Schon früher sind wir gern ohne Akku Rad gefahren, sogar bis Wien. Zu den Touren gehörten die Mainradtour bis Frankfurt, die Neckarradtour bis Mannheim und natürlich auch zum Bodensee. Wir hatten noch andere Hobbys. Meine Frau knüpfte unheimlich gerne Teppiche. Und mit viel Leidenschaft sammelte sie unzählige Puppen. Nicht nur zu Geburtstagen, sondern immer, wenn mir eine Puppe gefiel, schenkte ich ihr die auch. Natürlich gab’s auch Schmuck von mir. Ich selbst hatte ein Faible für Bierkrüge. Für meine Sammlung hat meine Frau mir einige geschenkt. In unserem Haus hatte ich eine sogenannte Wurzelstube hergerichtet. Dort bewahrte ich die Krüge auf, und dort haben wir oft mit Freunden zusammen gesessen.

Für Bergtouren waren unsere Ziele das Allgäu, Ost- und Südtirol. Ich war bereits über 50 Jahre alt, als wir zum ersten Mal Badeurlaub an der Adria machten und immer häufiger mit Busunternehmen wunderschöne Reisen erlebten. Am häufigsten fuhren wir mit einem Fischbacher Unternehmen. Wir hatten oft denselben Busfahrer mit seiner Frau als Reisebegleiterin. Italien war ein schönes Reiseland und vor allem Sizilien war sensationell. Aber auch Spanien und Portugal haben wir in guter Erinnerung. In Portugal standen wir am äußersten Westzipfel Europas auf einem Gebirgsvorsprung.

Wunderbar ist unser Urlaubsraum mit Strand-Feeling.

Wunderbar ist unser Urlaubsraum mit Strand-Feeling.

»Plötzlich war all das vorbei

Zwei Mal stürzte ich zu Hause – einmal mit Rippenbrüchen und kurz danach ein Sturz mit drei gebrochenen Wirbeln. Vorübergehend entschieden wir uns für eine Kurzzeitpflege. Danach mussten wir einsehen, dass ein Leben in unserem Haus nicht mehr möglich ist. Als wir hier ins Bürgerheim einzogen, ging es mir sehr schlecht. Seit zirka sechs Jahren leide ich an einer Polyneuropathie – mir wurden plötzlich die Schuhe zu eng. Bisher kaufte ich alle Hilfsmittel selbst. Jetzt habe ich einen Rollstuhl beantragt. Das Ergebnis ist noch immer offen und schwer nachvollziehbar. Leider dauert das Prozedere Monate, bis es eine Entscheidung gibt. Mir fällt das Laufen schwer. Im Liegen sind die Schmerzen erträglich, deshalb lege ich mich die meiste Zeit aufs Bett. Da bleibt mir nur noch das Kreuzworträtsel zum Zeitvertreib. Früher zu Hause waren wir Erna und Heinz, jetzt sprechen wir von Mama und Papa. Wir haben zwei Söhne und vier erwachsene Enkel. Das ist sehr spannend.

Inzwischen ist das Schwenninger Bürgerheim auch gefühlt unser Zuhause. Schön ist, dass das Zimmer meiner Frau nebenan ist. Dort habe ich mir einen Arbeitsplatz mit Computer und Drucker eingerichtet. Die heutige Technik interessiert mich immer noch. Versorgt werden wir gut und das Personal ist absolut in Ordnung. Auch ich habe mal meine Mucken. Aber es gibt Betreuerinnen, die weit herausragen und die man einfach sehr, sehr gern sieht.«

»Als ich in Rente ging, hatte ich für meine Frau und für neue Hobbys und Reisen mehr Zeit.

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»Die Werkstatt daheim war gefüllt mit Maschinen für die Holzbearbeitung. In meinem Ruhestand habe ich für alle Enkel Holzspiele, Kräne und Autos gebaut. Dazu gehörte das Würfelspiel.«