Gleichgültigkeit bringt Inge Teichert auf die Palme
Kuckuck Waldemar verkündet mit schlagenden Flügeln und Echo zuverlässig seine Rufe. Er ist sozusagen ein echter Spaßvogel in der Familie Inge und Erhard Teichert, die seit 15 Jahren in Bad Dürrheim wohnt. Vor einem reichlichen Jahr zogen sie innerhalb der Stadt ins KWA – begleitet von kopfschüttelnden Meinungen, dass sie dafür viel zu jung seien. Heute sind beide überzeugt: »Fehlanzeige – wir haben alles richtig gemacht«.
Inge wurde in Frankfurt auf dem Werksgelände der Hoechst AG geboren: »Das war ein Dorf für sich. Hebammen und Krankenschwestern waren im alten Backsteinbau angestellt. Die Frauen der Arbeiter bekamen hier ihre Kinder. Nach dem Krieg wurde eine Reihenhaussiedlung mit großen Grundstücken für die Selbstversorgung gebaut. Auch meine Eltern konnten in eines der 80 Quadratmeter großen Häuser einziehen. Jeder kannte jeden. Da wurden Gemüse und Obst untereinander getauscht, wenn die Ernte zu reichhaltig war. Mit 15 Jahren kam ich zur Ausbildung in die Kinderpflegeschule in Hoechst. Schon damals boten uns Gestalten vor der Tür Rauschgift an.
«Anders turbulent war die Kinder- und Jugendzeit von Erhard: »Nach dem Krieg 1945 flüchtete meine Mutter mit mir zu den Großeltern nach Kassel. Vater kam erst 1952 aus der Gefangenschaft zurück. Er war Bundesbahnbeamter, und wir zogen bald nach Crailsheim und anschließend in meine heute noch gefühlte Heimat Heidenheim. Dort bin ich aufgewachsen, ins Gymnasium gegangen und habe meine Maurerlehre abgeschlossen. Einige Freunde leben dort noch. Früher habe ich viel Sport getrieben, vor allem Fußball gespielt. Natürlich habe ich einen Schal vom 1. FC Heidenheim. Später bin ich zum Architekturstudium nach Stuttgart gegangen. Der Beruf hat mich bis zum Ruhestand begleitet. Meine Frau und ich haben uns im Allgäu kennengelernt. Kurze Zeit danach war unser Wohnsitz in Stuttgart.«
Der starke Wille behinderter Kinder zündete den Funken
In Ingolstadt arbeitete Inge an einer der ersten Schulen für körper- und mehrfach behinderte Kinder als Erzieherin mit einer Gruppe von 12 Kindern und spezialisierte sich auf Logopädie. »Viele konnten nicht sprechen. Intuitiv nahm ich die Kinder auf meinen Schoß und versuchte, sie über die Atmung soweit zu bringen, dass sie ›Ja‹ und ›Nein‹ sagen konnten. Ich war beeindruckt, was sie mit ihrem Willen schafften. In der Hortgruppe hatten wir ein Mädchen, das nur die Finger bewegen und sprechen konnte. Sie hatte Glasknochen, ein offenes Rückenmark und war fettleibig. Das Mädchen plante ihre Zukunft, wollte studieren, heiraten und Kinder bekommen. Jeder war überzeugt, dass sie ihre Pubertät nicht überlebt. Tatsächlich hat sie studiert, geheiratet und ein Kind bekommen. Mit fast 30 Jahren ist sie verstorben. Mich hat die Zeit an der Schule sehr geprägt, das war sozusagen mein Signal dafür, was behinderte Menschen mit Unterstützung und ihrem Willen bewegen können. In mir wuchs die Erkenntnis, dass Behinderte die Menschen sind, die am meisten kämpfen und am meisten dafür tun müssen, um am Leben teilhaben zu können. Selbst heute sehen nur wenige, was diese Menschen leisten. Deshalb bin ich aufmüpfig und kämpfe für den Alltag behinderter Menschen. Mitunter stoße ich auf Unverständnis und höre dumme Bemerkungen wie: So viel Aufwand für die paar Rollstuhlfahrer. Deshalb bin ich ehrenamtlich Behindertenbeauftragte in Bad Dürrheim und arbeite aktiv in der Rheumaliga.«
Inge Teichert hat mit nicht mal 20 Jahren eine harte Diagnose bekommen: Sie habe eine sehr aggressive Form von Rheuma. Damals gab es keine medikamentöse Therapie und der Arzt warf ihr an den Kopf, dass sie eine um zehn Jahre kürzere Lebenserwartung haben werde. »Mein erster Gedanke: Nicht mit mir, ich bin jung, ich will leben und heiraten. Dafür habe ich meinen Körper ausprobiert. Bei zu viel Sport war er ausgelaugt, bei zu wenig auch. Ich musste einen Mittelmaß finden, also versuchen, immer etwas zu tun. Meine Knochen haben sich auch durch Osteoporose zersetzt und sind zu einer festen Masse zusammengeklebt. Vieles kam zusammen und ich musste zahlreiche Operationen über mich ergehen lassen. Oft sorgte sich mein Mann um mich. Schon mit 16 Jahren waren meine Finger dick, heiß und rot. Ich hatte immer Angst, wenn mir jemand die Hand geben wollte, weil ich dabei starke Schmerzen hatte. Meine Finger wurden einzeln operiert, bekamen künstliche Gelenke. Das Rheuma war überall im Körper. Auf den ersten Blick sieht man mir das nicht an.

»In Bad Dürrheim machte ich gemeinsam mit Bürgern und Stadt auf graue Poller aufmerksam, die Menschen mit Sehbehinderungen nicht erkennen können. Also haben wir bunte Mützen gestrickt und auf die Poller gesetzt. Um die Aktion zu erklären, klebte ich bunte Zettel mit Tesa auf die Poller. Abends sammelte ich die Mützen ein und setzte sie anderen Morgen wieder drauf.«
Behinderte brauchen unsere Unterstützung
Es liegt nicht alles im Argen, aber vieles. Thema mittelalterliches Kopfsteinpflaster: Manche Gemeinden haben kapiert, worum es geht und daneben Wege mit großen Sandsteinplatten verlegt, die ein bisschen abgerundet sind und sich dem Kopfsteinpflaster gut anpassen. So kommen nicht nur Menschen mit Rollator oder Rollstuhl, sondern auch Radler von A nach B. Eine meiner Aktionen betraf Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen. Nur ein kleines Teilstück unserer Stadt reichte, dass diese Menschen eben nicht am Alltag gefahrlos teilhaben konnten. Von der ›Aktion Mensch‹ bekam ich Schwachsichtbrillen, die ich an Politiker und Bewohner der Stadt verteilte, um zu zeigen, wie gefährlich der Weg ist – mal abgesehen von Menschen mit Makuladegeneration, übrigens eine häufige Erkrankung im Alter. Oder der Fauxpas an der Eingangstür in Bad Dürrheims nagelneu erbauten ›Treff am Park‹. Nach Fertigstellung zeigte ich den Erbauern, dass Rollstuhlfahrer gar nicht die Tür öffnen können. Auch an der neuen städtischen Info hängen die Wegweiser zum Fahrstuhl viel zu hoch, so dass sie aus der Rollstuhlperspektive nicht erkennbar sind.
Das gleiche Dilemma sind Bankautomaten. Rollstuhlfahrer haben kaum Gelegenheit, allein Geld mit ihrer Bankkarte abzuheben. Selbst die Rheumaliga hat mal dazu aufgerufen, dass sich Alltagshelden bis 59 Jahre melden sollten. Ich war wütend, habe denen gesagt, dass ich meine Selbsthilfegruppe weitgehend autark führe und daher weiß, dass die Leute, die zu uns kommen, zu 99 Prozent älter sind. Und genau die sagen, dass sie sich lange mit ihrem Rheuma rumgeschleppt haben, weil sie berufstätig waren. Das ist die Realität. Ich habe mir vom Landratsamt Unterlagen zu unserer Stadt besorgt: In Bad Dürrheim leben 25 Prozent der Behinderten mit Ausweis. Insgesamt haben zirka 45 Prozent eine Behinderung. Interessant ist die UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahre 2009. Darin steht: Behinderte sollen selbstbestimmt am Alltagsleben und am gesellschaftlichen Leben einer Stadt teilhaben können.«
Einfache Fingerübungen für Menschen mit Rheuma:

Alle Finger sollten den Daumen berühren können. Die rechte Hand schafft das.

Können die Hände noch eine Faust bilden? Hier lassen sich die Daumen nicht integrieren. Beide stehen nach außen.
Hilfe, die bewegt-
kleine Übungen für zu Hause