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Einen Tag zu Besuch im Hospiz

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Für sieben Gäste, so nennt man die Bewohner auf Zeit im Via Luce, beginnt ein neuer Tag. Für einen Gast brennt eine Kerze, er ist in der Nacht verstorben. Im Gemeinschaftsraum deckt die Hauswirtschafterin den Tisch mit Käse- und Wurstplatte, Marmelade, Tee, Kaffee, Brot, Brötchen … Auf Wunsch wird ein Müsli angerührt. Wer im Zimmer bleiben möchte, bekommt dort seinen Frühstücksteller.

Die Pflegerinnen vom Frühdienst sind seit Stunden im Haus, haben nach der „Guten-Morgen-Runde“ Medikamente gegeben, Gäste je nach Wunsch gewaschen, geduscht und mit selbst hergestellten Pflegeölen eingerieben. Wer möchte bekommt eine Duftlampe, tagsüber am liebsten mit Zitrusduft. Die Runde um den Frühstückstisch füllt sich, zwei kommen mit dem Rollator von draußen. Sie waren im Park in der Raucherecke. Manche fragen, für wen die Kerze brennt. Herr Sch. und Herr K. möchten von dem Toten Abschied nehmen. Am Tisch wird geschwätzt über Träume, Wetter und Nutella, weil es das früher mit den Kindern gegeben hat. Eine Pflegeschwester und die Leiterin frühstücken mit. Uli Viereck (Pastoralreferent und Klinik- und Hospizseelsorger) kommt mit seiner Gitarre zu Besuch, fragt, wer Lust zum Singen hat. Einige schließen die Augen, wiegen den Kopf, andere sind textsicher bei „Come love me again“, und „Wind of change“. Eine Angehörige kommt hinzu, freut sich über „die kleinen Waffen gegen Traurigkeit“. Dann laufen die Tränen. Uli Viereck spricht über das Brückenbauen zueinander, damit man sich begegnet. Im Hintergrund wird leise Geschirr in die Spülmaschine gestellt. Die Runde löst sich auf. Heute kommt die Friseurin, zwei möchten sich hübsch machen lassen.

Nach dem Frühstück …
Manche Zimmertüren stehen offen, eine ist nur einen Spalt auf. Die Schwestern werfen oft einen Blick ins Zimmer. Herr G. fühlt sich nicht gut. Frau S. wartet auf den Masseur, der zur Lymphdrainage kommt. Zwei Angehörige von dem Verstorbenen kommen, setzen sich in den Rückzugsraum mit den farbenkräftigen Bildern von Uli Viereck, die in ihren Motiven vom Leben erzählen, von Ewigkeit, Brüchen, Abgründen, Krankheit und Schmerz, aber auch von Bleibendem, Wertvollem, von Geborgenheit und Vollendung. Schwester Mechthild (Pflegedienstleiterin) setzt sich zu Ehefrau und Tochter des Verstorbenen. Ihr Thema ist nicht nur der Ablauf nach dem Tod. Die beiden suchen Trost und Halt.
Das schöne Wetter lockt, wer möchte, wird im Rollstuhl in den Park gefahren. Andere
wollen in ihrem Zimmer bleiben, ausruhen, fernsehen, Radio hören oder telefonieren. Frau M. ist im Gemeinschaftsraum geblieben, backt mit der Hauswirtschafterin Apfelkuchen. Auch Pellkartoffeln werden abgegossen. Heute Abend gibt’s auf Wunsch selbstgemachten Kartoffelsalat mit Leberkäse. Das Essen wird in Gästeboxen gebracht und noch fertig zubereitet. Heute haben alle das Gleiche gewählt: gefüllte Cannelloni mit leckerer Soße, dazu eine Gemüsesuppe und als Nachtisch Eis. Für morgen muss die Planung noch gemacht werden, denn freitags kocht die Hauswirtschafterin, was sich die Gäste wünschen. Zum Essen trifft sich die gleiche Runde wie beim Frühstück. Zwei Gäste werden im Zimmer gefüttert. Danach ist Mittagsruhe. Für die Schwestern ist Schichtwechsel und für die Gäste wird schon der Kaffeetisch mit dem frisch gebackenen Kuchen gerichtet. Die „Nachmittagsschwestern“ gehen von Zimmer zu Zimmer, begrüßen die Gäste, helfen beim Aufstehen, erneuern Verbände und Schmerzspritzen und besprechen mit der Palliativärztin, ob Herr G. ein anderes Medikament bekommen sollte. Nach der ausgiebigen Kaffeerunde kommen zwei Ehrenamtliche, die mit Gästen spazieren gehen. Frau Sch. bringt Kuchen für morgen und holt ihren Mann zum Spazierengehen ab. Immer wieder wird geschaut, ob alle ihren Notrufknopf tragen, damit jederzeit sofort jemand reagieren kann. Herr K. sucht noch einen Schachspieler für den Nachmittag.

Vor und nach dem Abendessen …
Schichtwechsel für die Hauswirtschafterin: Die „Neue“ hat für Frau M. ihre Lieblingsschokolade eingekauft. Kartoffelsalat wird garniert und Leberkäse warm gemacht. Herr K. mag lieber ein Käsebrot. Die Tischrunde kommt zusammen, Herr G. ist wieder mit dabei, er fühlt sich besser. Und danach möchten die meisten in ihr Zimmer. Zwei Raucher gehen noch mal unter die Kastanie im Park. Herr K. würde bei dem warmen Wetter am liebsten zum Sternegucken draußen bleiben. Kein Problem, die Nachtschwester schaut nach ihm. Und jetzt traut sich auch Frau R. zu erzählen, dass sie früher geraucht und oft „richtig Appetit auf eine letzte Zigarette“ hat. „Schade“, sagt sie „dass ich nicht mehr aufstehen kann.“ Eine Schwester drückt die Bremshebel ihres Bettes und fährt sie kurzerhand zu den anderen Rauchern. Frau R. kann es nicht glauben, dass das jemand für sie macht. Die Schwester kontert: „Kleine Wünsche erfüllen wir sofort.“ Die anderen werden zum Schlafen ein bisschen frisch gemacht, noch mal eingerieben und eine Duftlampe mit beruhigendem Lavendel wird aufgestellt. Als es ruhiger wird, holt der Bestatter den Verstorbenen ab. Die anderen bekommen davon nichts mit, nur, dass morgen keine Kerze mehr brennt. Die Nachtschwester weiß, dass heute Frau M. gern wie früher wieder in der Nacht gewaschen werden möchte und mit ihr reden will, denn nachts kommt bei vielen die Angst. Auch Herr Sch. braucht noch ein bisschen Unterhaltung und Frau R. freut sich, dass die Nachtschwester mit ihr den Krimi guckt. Andere haben nachts Durst oder fragen nach einem Joghurt. Und als die Uhr längst Mitternacht anzeigt, freut sich Frau M., gemeinsam mit der Nachtschwester einen Picollo zu trinken, den ihre Tochter mitgebracht hat. Das ist ihre größte Freude.

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Die Pflegeschwestern Gerlinde Faller und Christine Biedermann (von links)
„Sterben ist bei den meisten kein Thema. Wir versuchen, das Gefühl zu geben, dass wir jeden machbaren Wunsch erfüllen und Zeit haben. Wichtig ist, so normal und erträglich wie möglich das Leben hier zu gestalten, miteinander zu lachen und auch zu weinen. Manchmal kommen unsere Gäste mit ihrer Situation besser klar als die Angehörigen. Für uns ist es eine Herausforderung, die Situation dann zu entspannen. Für uns Mitarbeiter gilt generell: Unsere Gäste bestimmen das Tempo und den Ablauf.“

Eine der guten Seelen fürs leibliche Wohl – Hauswirtschafterin Krista Zipperle:
„Wir Hauswirtschafterinnen schwingen den Haushalt wie daheim auch, richten und planen das Essen, backen und kochen, putzen Salat, haben zwischendurch Zeit für ein Schwätzchen und Geduld, wenn jemand mitkochen möchte. Wir räumen die Küche auf, schauen nach frischen Handtüchern und Blumen, bügeln die Wäsche der Mitarbeiter und sorgen dafür, dass es bei uns familiär und harmonisch zugeht.“

WEITERE INFORMATIONEN

Hospiz Via Luce
78054 Villingen-Schwenningen
Telefon: (07720) 99589-70
www.hospiz-via-luce.de

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Ein Tag voller Leben im Hospiz: Auf Wunsch kommt die Friseuse ins Hospiz
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Spaß beim Frühstück mit der Hospiz-Leiterin Mechthild Wohnhaas-Ziegler
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Fast jeder Wunsch wird im Hospiz erfüllt, auch wenn es der Appetit auf eine Zigarette im Garten ist.
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Hier gibts bei der Fußball-WM 2018 noch was zum Lachen.