Magazin | Einblicke

Ein Haus mit vielen Geschichten

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Drei von der ehemaligen Nähstube: Ingeborg Schick, Dagmar Scherrieb, Hanne Wiest (von links).

Ingeborg Schick (88)
„Früher hatten wir viel zum Nähen, heute wird neu gekauft“
Als Hanne Wiest in der AWO lebte, trafen sie sich jede Woche zum Rummikub-Spielen in der Cafeteria: Ingeborg Schick (88), Dagmar Scherrieb (72) und Hanne Wiest (90). Bis vor einem Jahr waren sie die Nähfrauen im Heim. Seit 1969 arbeitet Inge Schick ehrenamtlich für die Arbeiterwohlfahrt. „Irgendwann wurden wir gefragt, ob wir für die Bewohner hier im Haus Kleidungsstücke reparieren und Knöpfe annähen könnten. Seit 1996 trafen sich bis zu neun Nähfrauen, auf die Körbe voller Wäsche warteten. Damals waren die Leute ärmer. Ab und zu tauschten wir auch Wäsche aus, wenn ein Teil gar nicht mehr zu flicken ging. Ich erinnere mich an eine Frau, die hatte eine richtige ‚Pumper‘, wie man sagt, groß und angeraut. Die sollten wir flicken, weil sie das gute Stück ihrer Enkelin vererben wollte. Einmal brachte ein Mann eine total kaputte Jacke und bekam am Ende von uns eine fast neue zurück. Heute kaufen sich die Leute meistens alles neu. Manche Bewohner haben uns zugeschaut oder mal Schokolade gebracht. Häufig bekamen wir immer wieder dieselben Sachen. Es gab Leute, die drehten zu gern Knöpfe ab. Daraus haben wir uns aber einen Spaß gemacht. Es war eine schöne Zeit. Zu Beginn nähten wir zehn Umhänge für die Bewohner. Die sollten sie nach dem Baden tragen, wenn sie in kühlen Gängen zurück in ihre Zimmer gebracht wurden. Das war viel Arbeit. Von dem dicken Stoff hat meine Nähmaschine heute noch eine Macke.“


Erich Schüle

„Man muss sich darauf einstellen, dass Ältere weniger essen“
„1981 kam ich als Koch ins Haus. Nach zweieinhalb Jahren habe ich ein Jahr woanders geschafft und kam wieder zurück. Kochen ist meine Leidenschaft. Wenn ich damals mit heute vergleiche, gibt es Unterschiede. Früher boten wir ein normales Essen und eine Schonkost an. Heute sind die Ansprüche größer. Wir haben jetzt zwei oder drei Menüs zur Auswahl, wobei wir auch variieren, weil wir auf Bewohner Rücksicht nehmen, die beispielsweise zunehmend mit Allergien kämpfen oder an Schluckproblemen leiden. Letztere bekommen eine Schaumkost. Auch unsere Qualität ist höher geworden. Wir kaufen saisonales Obst und Gemüse. Früher wurden Fertigprodukte verwendet. Heute machen wir alles frisch, selbst Kartoffelbrei und Spätzle. In unserer Küche gibt es keine fertigen Soßen- und Puddingpulver. Da sind wir drei Köche schon gefordert. Ich gehe oft zu den Bewohnern ins Zimmer und frage sie auch nach ihrem Lieblingsessen. Aus persönlichen Gesprächen nehme ich viele Anregungen mit und erfahre mehr als im Speiseraum. Es gibt viele Anlässe, was ganz Besonderes anzubieten, zum Beispiel unsere Themenwochen. Die russische und spanische Küche kam hervorragend an, die afrikanischen Gerichte dagegen weniger. Sonntags wird traditionell Hefezopf gebacken. Viele Ältere essen in ihrem Wohnbereich. Wir versuchen aber, dass mobile Bewohner zum Mittagessen in den Speiseraum kommen, damit sie besser miteinander ins Gespräch kommen. Pünktlich muss bei uns niemand sein, wer morgens länger schläft, möchte auch sein Mittagessen später. Für uns ist das kein Problem.“

Margot Reize (87)
„Ich kenne die AWO am Stadtpark seit 50 Jahren“
„Als Architekt hat mein Mann das erste Gebäude der AWO am Stadtpark geplant und erbaut. Gemeinsam haben wir viele Jahre hier die Nikolausfeier veranstaltet. Mein Mann spendete das Bastelmaterial und die Geschenke, der Kirchenchor St. Franziskus sang zur Feier. In Wäschekörben haben wir 120 Geschenke ins Heim transportiert und fröhlich beisammen gesessen. Oberbürgermeister Gebauer, damals unser Nachbar, kam zu allen Feierlichkeiten. Ich kann mich noch genau an die erste Heimbewohnerin erinnern, sie stammte aus Trossingen. An das Haus habe ich schöne Erinnerungen und unser Heimleiter Herr Hayer hat viel bewegt. Früher war ich auch mal Zweite Vorsitzende und bin vor einem Jahr selbst hierher gezogen. Zuerst war ich für kurze Zeit in einem Zweibettzimmer. Die Mitbewohnerin war sehr krank. Für mich ist sie eine wertvolle Frau geworden. Noch heute, nachdem ich in ein Einzelzimmer gezogen bin, hängt sie an mir. Sie kommt oft zu mir, meist schon morgens, ist aber nie aufdringlich. Mir hat die Zeit mit ihr in einem Zimmer sehr viel gegeben. Früher habe ich bei der Stadt 20 Jahre ehrenamtlich in einer Altentagesstätte gearbeitet und war 50 Jahre im Schwenninger Kirchenchor. Fast jede Woche besucht mich jetzt der Chorleiter und wir gehen gemeinsam zum Essen. Meine Betreuerin, die schon seit zehn Jahren mit mir zum Einkaufen geht, kommt auch mit. Wir kennen fast jedes Lokal. Mit meinem Leben bin ich sehr zufrieden, das ist eine wirkliche Beruhigung im Alter.“

Karl Roser (84)
„Bewohner verändern das Leben im Haus“
„Die Stadt Villingen-Schwenningen hat sich bis in die achtziger Jahre in der AWO sehr engagiert. Als Sozialamtsleiter habe ich seit 1965 viele Entwicklungen erlebt. Als vor 50 Jahren dieses Heim gebaut wurde, waren die Bewohner intensiv mit den Ortsvereinen der Arbeiterwohlfahrt verbunden. Viele ärmere Leute zogen auf Kosten des Sozialamtes ein. Ein wesentlicher Unterschied zu früher ist augenscheinlich der Fuhrpark mit vielen Rollatoren. Ursprünglich war die AWO ein Alten- und Pflegeheim. Damals waren die Leute jünger und mobiler, als sie einzogen, und lebten länger im Heim. Heute liegt das Durchschnittsalter bei 84 Jahren und mehr als die Hälfte ist dement. Auch die Angebote haben sich den Veränderungen angepasst. Nach meiner Erinnerung gab es anfangs mehr gemeinsame Feste und Veranstaltungen für alle Bewohner. Heute hat sich vieles in die kleineren und familiären Wohnbereiche verlegt. Die Interessen sind andere, zunehmend werden Angebote für Demenzkranke angeboten. Die früher üblichen Doppelzimmer haben meiner Meinung nach zwei Seiten. Die enge Gemeinsamkeit war für manche positiv, andere empfanden sie als extrem störend. Ein großer Gewinn sind die Betreuungskräfte, die nicht mit Pflege und Hauswirtschaft ausgelastet sind, sondern sich ausschließlich um die unterschiedlichen Interessen der Bewohner kümmern können.“

Birgit Jakob – seit 27 Jahren Mitarbeiterin in der Verwaltung
„Ich habe hier viele Veränderungen erlebt, die Pflegeversicherung wurde eingeführt, die EDV hat Einzug gehalten und der Neubau hat das alte Gebäude ersetzt. Da war immer wieder Flexibilität gefragt. Ich schätze die AWO auch als mitarbeiterorientierte Einrichtung und freue ich mich über flexible Arbeitszeiten und dass ich im Rahmen betrieblicher Gesundheitsförderung Fitnessangebote nutzen kann.“

Raquel Reinert – vor 24 Jahren als Auszubildende angefangen, danach Pflegefachkraft und Mentorin, heute Wohnbereichsleiterin und Palliative Care-Fachkraft
„Ich arbeite immer noch gerne hier. Mich bereichern die vertrauensvollen und wertschätzenden Begegnungen. Wir haben große Freiheiten für die Alltagsgestaltung in den Wohnbereichen. Dadurch können die Bewohner ihre Lebensgewohnheiten beibehalten und haben eine höhere Zufriedenheit. Das nimmt auch mir die Angst vor dem Älterwerden.“

WEITERE INFORMATIONEN

AWO-Seniorenzentrum
Am Stadtpark
AWO Baden e.V.

78054 Villingen-Schwenningen
www.awo-seniorenzentrum-am-stadtpark.de

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Margot Reize
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