Magazin | MutMacher
Jürgen Hess (80)

Ein Arzt prognostizierte den Tod – Totgesagte leben länger

Headerbild
Der Lieblingsplatz von Jürgen Hess ist direkt vorm Fenster an einem funktionalen Tisch: Mal ist er Schreibtisch mit Tablet, Notebook und Handy, mal Esstisch, wenn er Lust darauf hat, dabei einen Blick ins Grüne zu werfen, oder mal einfach nur zur Entspannung mit Platz für Alexa und gute Musik oder als Leseplatz für Zeitschriften und Bücher.

Jahrelang fand sein turbulenter Alltag in Hotels dieser Welt und mit nationalen und internationalen Geschäftskunden statt. Das Berufsleben hat er abgeschlossen und genießt nach eigenen Worten den neuen Lebensabschnitt. Worte wie Eitelkeit und Stolz bedient er nicht. Lorbeeren sind nicht sein Ding. Deshalb kommt sein Bundesverdienstkreuz in seiner Erzählung nicht vor.


»Mein holpriger Start ins Leben begann während eines Bombenalarms 1945 in Villingen. Vater war im Krieg und meine Mutter bekam Wehen. Sie wurde auf dem Gepäckträger mit einem Fahrrad ins alte Krankenhaus geschoben. Dort kam ich als Siebenmonatskind im Keller zur Welt. Und jetzt mit 80 Jahren habe ich mich im Frühjahr selbst überlebt. Mein Herz machte Probleme und die Nieren hörten auf zu arbeiten. Als Notfall kam ich ins Krankenhaus. Vor mir stand ein Arzt und erklärte mir wortwörtlich zwei Mal den blöden Satz ›Sie werden sterben‹. Vor mir ging ein Vorhang runter, ich hatte einen Schock und fiel um. Für die Ärzte war ich klinisch tot. Möglicherweise wollte ich nicht sterben, mein Körper kämpfte. Laut meiner Patientenverfügung lehnte ich eine Apparatemedizin ab. Nach der Wiederbelebung kam ich rechtzeitig auf der Intensivstation zu mir und konnte selbst noch mein Okay für die Dialyse geben. Dann kam mein nächstes Glück. Meine Tochter meldete mich schon vor dem Tiefschlag zur Kurzzeitpflege an, weil sie spürte, dass es mir nicht mehr gut ging. So kam ich vom Krankenhaus direkt hierher ins Schwenninger Bürgerheim. Und jetzt kann ich hier wohnen bleiben. Als ich ankam, war ich schlecht drauf. Ich brauchte umfängliche Pflege in jeder Beziehung. Nichts konnte ich selbstständig erledigen. Das ist unangenehm. Mit bester medizinischer Unterstützung von Schwestern, die ihr Metier verstehen, bin ich nach vier Monaten zusehends aufgeblüht. Es fehlt nur noch, dass ich wieder Auto fahre. Das kommt natürlich nicht infrage. Aber ich empfinde meine neue Wohnheimat als Geschenk. Ich komme mir vor wie im Hotel. Und dass ich so viele Verwandte und Freunde habe, wusste ich gar nicht. Meine Tochter kommt zweimal in der Woche, mein Sohn, meine Schwiegertochter, Enkel, viele Freunde, sogar mein früherer Hausarzt Hermann Benzing besuchen mich. Mir wird’s nicht langweilig. Ich bin mobil, kann den Rollstuhl benutzen oder bin mit Rollator unterwegs. Ich betrachte das jetzt als Lebensabschnitt, den ich richtig gut erwischt habe. Eine Luxusbleibe wollte ich nie. Warum auch? Hier habe ich alles. Im Haus ist eine gute Stimmung, die sich auf uns Bewohner überträgt. Was mir imponiert, sind die Schwestern, die einen sehr gut behandeln. Es ist ja wirklich nicht einfach, uns Alte zu pflegen. Mal ehrlich, wer wird schon gerne alt? Wer beobachtet gern, wie sein Körper mehr oder weniger zerfällt, durch Krankheit oder in Folge des Alters?

Erinnerung aus alten guten Zeiten mit seinen Kameraden der Guggenmusik ›Alte Kanne‹, die 1966 gegründet wurde. Eine starke Gemeinschaft hat ihn als Dirigent vor allem in den 60er und 70er Jahre begleitet.

Mein Fazit heute: Trotz Tiefschläge hatte ich ein gutes und erfülltes Leben, habe viele Menschen kennengelernt, mit denen ich weltweit über E-Mail oder Telefon in Kontakt bin. Französisch kann ich fließend, Englisch recht gut, spanisch ein bisschen. Ich lese Bücher auf dem I-Pad und online vier Zeitungen. Durch meine frühere Arbeit kann ich die digitalen Geräte gut bedienen. Ich bin froh, dass ich durch einen glücklichen Zufall hier angekommen bin. Wir haben einen phantastischen Park. Mit Freunden gehe ich jede Woche zum Essen in ein Restaurant in der Nähe. Im Haus öffnet dreimal in der Woche ein schönes Café.
Ich habe viel und gerne gearbeitet, das war interessant und spannend. Ob ich stolz auf meine Leuchten bin? Das ist abgeschlossen und für mich Schnee von gestern. Meine Glanzzeit hatte ich bis zu meinem 63. Lebensjahr. Obwohl – über ein paar Dinge, die mir sehr am Herzen lagen, freue ich mich heute noch. Als Aufsichtsrat im Klinikum begleitete ich die Entwicklung des Neubaus. Den Freundeskreis des Schwarzwald Baar-Klinikums habe ich mit gegründet und bin heute noch Mitglied. Ein Herzensanliegen war mir immer die Unterstützung der Kontaktstelle Refugio für traumatisierte Flüchtlinge. Ich war Präsident des Sommertheaters und Mitbegründer vom Theater am Turm. In der Guggenmusik Villingen war ich Präsident. Der Verein hat mein Leben stark begleitet. Als Dirigent war ich bei den Umzügen immer vorne dran, das war richtig gut. Schon in meiner Jugend war ich als Pfadfinderführer tätig, und mit 15 Jahren der jüngste Stammesführer Süddeutschlands beim BdP. Im Kreisrat konnte ich einiges bewegen. Bei der Abstimmung, ob die Gartenschau nach Villingen oder Schwenningen kommen sollte, war ich als Villinger die treibende Kraft für Schwenningen. Natürlich gab es viel Gegenwind. Das Argument der Villinger war, dass sie die schönere Stadt haben. Kein Wunder, es war eine Habsburger Gründung. Schwenningen war dafür das größte Dorf Württembergs und die Uhrenstadt schlechthin. Aber ich konnte mich durchsetzen. Mein Hauptargument war, Schwenningen in der Innenstadt zu sanieren und zum Leben zu erwecken. Die Umgebung des Bahnhofs sah ja aus wie die frühere DDR. Ich war geschäftlich oft dort und weiß, wovon ich rede. Als kleinen Ausgleich erhielten die Villinger die Rosenanlage auf dem Hubenloch. Und heute bin ich im Prinzip da gelandet, zu dem ich den Schwenningern verholfen habe. Unser Bürgerheim grenzt direkt an das Gartenschaugelände an.

Oft habe ich darüber nachgedacht, warum es mir hier gefällt. Vielleicht, weil ich viel unterwegs war, in vielen Ländern dieser Welt. Ich habe in Hotels geschlafen, ein frisches Bett gehabt und was zu Essen bekommen. Das turbulente Leben war ich gewohnt. Dadurch hatte ich aber auch wenig Zeit, Kontakte zu pflegen. Ich denke, dass mir jetzt dieses Leben hier gut tut. Ein starker Grund ist auch meine Erfahrung in diesem Jahr. Wenn mir was passiert, drücke ich den Knopf. Da kommt jemand schnell und hilft. Selbst bei medizinischen Fragen und Ansprüchen bekomme ich Hilfe. Das ist ein großes Stück Sicherheit. Den Luxus hätte ich sonst nicht. Wir haben im Heim mal einen Fragebogen mit der Frage erhalten, wie oft wir daran denken, dass es zu Hause schöner war. Meine klare Antwort: Gar nicht!«

»Ich habe oft darüber nachgedacht, warum ich mich hier wohlfühle