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Krebspatienten werden ganzheitlich betreut

Die Therapie sollte zum Freund werden

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Krebs ist nach Herzkreislauferkrankungen die zweithäufigste Todesursache. Prof. Paul Graf La Rosée erläutert im Gespräch neue Möglichkeiten für Diagnose, Behandlung und Therapie von Krebspatienten im 2018 gegründeten und zertifizierten Onkologischen Zentrum durch ein interdisziplinäres Team.

? Herr Prof. La Rosée, welche Bedeutung hat das Onkologische Zentrum für die Region?
Wir sind der Onkologische Schwerpunkt für das Gebiet Schwarzwald-Baar-Heuberg, einer von 14 ausgewiesenen Onkologischen Schwerpunkten in Baden-Württemberg. Damit sind wir in der Landeskrankenhausplanung für ungefähr 500.000 Einwohner zuständig, das heißt für Patienten aus den Landkreisen Rottweil, Tuttlingen und Schwarzwald-Baar. 2019 haben wir auch die psychosoziale Krebsberatungsstelle eröffnet, inklusive Förderverein. Unser Sitz ist im Schwarzwald-Baar Klinikum Villingen-Schwenningen.

? Welchen Herausforderungen müssen sich Patienten im Aufklärungsgespräch stellen?
Für Patienten ist es erst mal „Krebs“. Da können die Unterschiede in der Behandlung von Darmkrebs und Brustkrebs schwer verständlich erscheinen. In welchem Stadium befindet sich die Erkrankung? Warum bekommt der eine Patient „nur“ eine Operation, der andere aber dazu noch Chemotherapie, Tabletten oder eine längere Nachbehandlung? Das liegt an den unterschiedlichen Organen, Stadien und natürlich auch an Alter, Begleitkrankheiten und Fitness der Patienten. Es kommt noch komplizierter: Die Diagnose heißt beispielsweise bei zwei Patientinnen Brustkrebs, aber auch wenn beide das gleiche Stadium haben, können es biologisch komplett andere Krankheiten sein, weil die biologischen Eigenschaften der Krebszellen bei den Patientinnen unterschiedlich sind. Um die Krankheit optimal einordnen und behandeln zu können, müssen wir interdisziplinär nicht nur mit Chirurgen, Strahlentherapeuten und Onkologen zusammenarbeiten, sondern brauchen auch Pathologen und Tumorbiologen.

? Heißt das, Behandlung und Therapie bestimmen verschiedene Fachärzte?
Ja, wir kommen gemeinsam in die Tumorkonferenz. Es gibt unterschiedliche Konferenzen, die der Vielfalt der Erkrankungsbilder Rechnung tragen. In der Tumorkonferenz sitzt ein Pathologe, der die Gewebeuntersuchung gemacht hat. Da sitzt der Radiologe, der das Computertomogramm demonstriert, ein Chirurg erläutert die Chancen der Operation und der Strahlentherapeut schaut sich genau an, ob eventuell eine Strahlentherapie machbar ist. Und letztendlich sitze auch ich als internistischer Onkologe in der Konferenz und prüfe die Möglichkeiten einer medikamentösen Therapie. Gemeinsam tun wir das mit unseren niedergelassenen Kollegen der Onkologie, den Palliativmedizinern und mitunter auch sehr engagierten Hausärzten, wenn sie sich die Zeit nehmen können. Das ist das Kerngeschäft des Onkologischen Zentrums. Die Entscheidungen entstehen nicht am Schreibtisch Einzelner, sondern in gemeinsamer Abstimmung. Jeder Patient wird bei uns interdisziplinär besprochen.

? Wird die Zweitmeinung damit überflüssig?
Nein, nicht für jede Krankheit gibt es ein Schwarz oder Weiß. Es kann Nuancen an Unterschieden geben, wenn zum Beispiel ein anderes Strahlengerät vorhanden oder ein Chirurg ausschließlich auf Leber spezialisiert ist und damit die größere Erfahrung hat. Ich sage meinen Patienten immer, wenn sie kein gutes Gefühl haben, sollten sie eine Zweitmeinung anfragen. Das unterstützen wir sehr. Wenn sich der Patient woanders wohler fühlt, sollte er auch dahin gehen. Natürlich ist das Zertifizierungssystem darauf angelegt, dass sich jeder vom Bayrischen Wald bis an die Nordsee darauf verlassen kann, das bei zertifizierten Einrichtungen die national vereinbarten Leitlinien gelten und umgesetzt werden. Zur Krebsbehandlung gehören nicht nur Medikamente, Operation und Strahlentherapie. Dazu gehört auch, dass die Reha mit der Therapie beginnt. Das betrifft die Psyche, den Sport, die Bewegung und die Ernährungssprechstunde. Das alles wird bei uns im Haus gemacht.

? Hat die Psyche einen großen Anteil am Behandlungs- und Therapieverlauf?
Ein klares Ja. Nur ein Beispiel: Hat jemand täglich Stress, ist das Risiko, an Gürtelrose zu erkranken, wesentlich höher. Reagiert jemand gelassen auf die Aufklärung zu Nebenwirkungen einer Chemotherapie und die Erfahrungen des Onkologen, klappt die Behandlung meistens auch sehr gut. Ein geprüftes Kriterium für ein Onkologisches Zentrum ist, dass die Patienten einem psychoonkologischen Screening unterzogen werden. Zirka 15 bis 20 Prozent der Patienten benötigen das, die anderen kommen mit Familie, Hausarzt, durch die fachärztliche Beratung und das spezialisierte Pflegepersonal aus. Auch das zeichnet ein Onkologisches Zentrum besonders aus: Wir halten onkologische Fachpflege vor.

? Aber die Diagnose ist doch ein Schock. Erklären Sie Patienten genau, wie es um sie steht?
Es gibt den Grundsatz: Du musst nicht alles sagen, was du weißt, aber alles, was du sagst, muss wahr sein. Wir versuchen, im Gespräch in Erfahrung zu bringen, wie viel der Patient wissen will. Wenn er nichts wissen will, sage ich es ihm auch nicht. Ich bestehe aber darauf, dass Angehörige beim Gespräch dabei sind. Auf Grund der Schweigepflicht kann ich sie nur so informieren, wie der Patient das möchte. Unsere Erfahrung ist, dass Patienten ihre Situationen meistern, weil sie von Natur aus sehr anpassungsfähig sind. Extrem unter Strom stehen meist die Angehörigen. Auch dafür halten wir in unserer neuen Beratungsstelle das psychoonkologische Team vor. Für Familien und Patienten ist diese Beratung extrem wichtig.

? Sprechen Sie auch Nebenwirkungen an?
Nicht jeder erlebt Beeinträchtigungen. Aber wir sind verpflichtet, den Patienten zu sagen, wie es ihnen eventuell gehen wird. Ich rate in der Aufklärung immer, dass man die Krebstherapie als Freund ansehen sollte. Dann wird sie auch eine gute Wirkung haben. Wenn jemand innerlich gegen eine Therapie arbeitet, müssen wir einen neuen Weg suchen.

? Sind die Patienten während der Behandlung ständig in Ihrer Obhut?
Das ist unterschiedlich. Patienten sind zuerst in der Tumorkonferenz. Dann folgt die Behandlung: entweder bei uns auf Station oder in der Tagesklinik beziehungsweise in den onkologischen Fachpraxen. Wir arbeiten partnerschaftlich miteinander. Das ist für Patienten wichtig, denn sie dürfen nicht zwischen wirtschaftlichen Interessen zerrieben werden. Auch wenn Patienten zusätzlich Heilpraktiker konsultieren, haben wir kein Problem, wenn das Miteinander partnerschaftlich erfolgt. Es gibt unterstützende komplementäre Therapieverfahren, die auch wir empfehlen. Vor manchen Dingen warne ich aber, wenn sie beispielsweise eine Chemotherapie eher behindern als unterstützen. Wenn Studien eine positive Wirkung belegen, bekommen Patienten auch von uns bei bestimmten Krebserkrankungen hochdosiertes Vitamin D. Klar muss sein, dass der Patient die Wahl trifft, wo er sich angemessen behandelt fühlt. Damit sollten wir alle offen umgehen.

WEITERE INFORMATIONEN

Wichtige Veröffentlichungen unter: www. krebsgesellschaft.de
Leitlinienprogramm der Deutschen Krebsgesellschaft

Schwarzwald-Baar Klinikum
Onkologisches Zentrum
78052 Villingen-Schwenningen
Telefon: (07721) 93-4001
www.sbk-vs.de

Schwarzwald-Baar Klinikum
Onkologisches Zentrum

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Professor Paul Graf La Rosée, Direktor der Klinik für Innere Medizin II, Onkologie, Hämatologie, Immunologie, Infektiologie und Palliativmedizin am Schwarzwald-Baar Klinikum.
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