Magazin | MutMacher
Eduard Krohn (103)

Der Hundertdreijährige, der etwas aus dem Rahmen fällt

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»Ob ich einen Wunsch habe? Ein klares Nein. Mir gefällt mein Leben so wie es ist und so wie es war, weil es einfach nicht anders ging. Urlaub? Kaum. Wir sind doch hier mitten in den Bergen, wir sind gewandert und haben die Gegend um uns herum geliebt. Ich nehme alles so, wie es kommt.«

Im Wohnbereich hatte sich herumgesprochen, dass vor Tagen ein netter Mann eingezogen ist, der lebenslustig interessante Geschichten erzählt. Voller Bewunderung ging es um sein Alter. Geschätzt wurde er von den Bewohnern auf um die 80. Die von ihm selbst mit Freude auf 103 Jahre korrigiert wurde.

Wir treffen ihn bei seinem Aufenthalt in der Kurzzeitpflege im Schwenninger AWO Seniorenzentrum. Die Frohnatur ist nicht zu übersehen. Am Beginn unseres Gesprächs wird er ernst, sehr ernst. Eduard Krohn schließt die Augen, klopft sich an die Stirn und konzentriert sich auf seine Gedanken.

»Mein Kopf ist nicht mehr schnell. Die Gedanken muss ich mühsam zurückdrehen. Eigentlich spreche ich nicht gern darüber. Doch jetzt gräbt er sich jede Nacht fest in meinen Kopf ein … der Krieg. Er kommt mir näher, die Bilder laufen vor mir ab. Das macht mir Angst, weil die Szenen grausamer werden. Nachts kann ich nicht schlafen. Heute weiß ich, dass er ein Teil meines Lebens ist. Ich bin in Konstanz geboren. Bei Kriegsbeginn war ich 17 Jahre alt. Wir waren jung, spielten mit Blechdosen auf der Straße Fußball und sahen unser Leben vor uns. Schon in der Schule wurde uns von der Direktion klar gesagt, was vermeintlich richtig ist. In unserer Jugend gab es noch Ohrfeigen, die Erziehung war streng und Gehorsam gefordert. Nach den Ferien im Sommer 1939 begann der Krieg. Da hieß es von ›oben‹: Es ist Krieg, sie wissen was sie zu tun haben. Wir mussten in Reihe antreten und marschieren und wussten nicht, warum wir Hurra schreien sollten. Als Jugendliche waren wir so in den Apparat eingebunden, dass wir nicht daran dachten, dass wir Armleuchter in den Tod rannten. Mein Vater ahnte etwas und sprach zu Hause darüber. Ich weiß noch, wie meine Mutter geschimpft hat, weil sie Angst hatte, dass ich auf der Straße anderen erzähle, was Vater denkt. Wer Widerstand leistete, stand schnell an der Wand. Der Eintritt in die Hitlerjugend war Pflicht. Wir mussten uns freiwillig melden. Niemand fragte, ob wir mitmachen wollen, denn wir hätten uns angeblich freiwillig gemeldet. Später warf man uns das vor. Wir bekamen eine Uniform und wurden zur Wehrmacht eingezogen. Am 1. Dezember hat man uns eingeteilt. Meine erste Station war München, dann ging es nach Österreich. Ich landete bei den schweren Panzern. Schnell lernten wir die Bedienung und waren trotzdem nicht geschützt, wenn die Gegner besser schossen. Bei zwei großen Einsätzen in Russland war ich dabei. Meine Schulter wurde schwer beschädigt und ich hatte Splitter im Kopf. Anfangs nahm ich das nicht ernst. Wir waren nicht zimperlich, sondern einfach froh, nicht tot zu sein. Nach Kriegsende bekam ich Geld für die Bahn und konnte nach Hause fahren. Meine Eltern waren inzwischen nach Oberndorf gezogen. Das hatte ich aus ihren Briefen erfahren. Vater hatte eine neue Stelle als Drucker.

»Ich bewarb mich ohne Lehrbrief

Vater meinte, ich sollte mich in einer Druckerei bewerben. Dazu brauchte man einen Lehrbrief, den ich nicht hatte. Mein Vater hat viel mit mir gelernt. Nach einem Vierteljahr wurde ich als Setzer eingestellt. Ich habe gelogen und denen gesagt, dass ich nicht weiß, wo mein Lehrbrief ist. Hätten die Simpel nachgedacht, wäre ihnen aufgefallen, dass ich gar keinen haben konnte, weil ich gleich von der Schule zum Militär kam. Ich hatte Glück und mein erstes Geld verdient. Später wurde ich vom Zeitungsverlag als Lektor übernommen. Das bedeutete zehn Stunden Fehler in Texten suchen. Wir haben so manchen Schabernack getrieben. Wurden Zeitungsleser 80 Jahre alt, standen sie mit ihrem Namen unter den Glückwünschen. Hin und wieder schrieben wir einen Satz dazu, beispielsweise, dass die Jubilare immer noch ohne Brillen lesen können. Da gab’s richtig Ärger und den einen oder anderen bösen Brief. Als junge Leute haben wir das nicht ernst genommen.

»Zum Humor gehört für mich Wilhelm Busch. Mit seinen Ideen ist er mein Vorbild und ein Stück Kultur. Er ist bodenständig und beobachtet die Gesellschaft.
Mein Sohn kann damit nicht viel anfangen. Aber ich.«
»Zum Humor gehört für mich Wilhelm Busch. Mit seinen Ideen ist er mein Vorbild und ein Stück Kultur. Er ist bodenständig und beobachtet die Gesellschaft. Mein Sohn kann damit nicht viel anfangen. Aber ich.«

»Mein Lebensweg ist mit Humor gepflastert
Die Arbeit war abwechslungsreich und die Zeitung mein Leben bis zur Rente. Ich lache schon immer viel und gern. Manche meinen, das sei nicht normal. Heute interessieren mich die vielen Kriege nicht so sehr. Ich kann nicht ein Bier trinken und rufen, dass die Welt schlecht ist. Mal ehrlich, wir sind doch mitten im Leben. Man sollte nicht immer mit der Faust auf den Tisch hauen. Ich liebe das Zusammenleben und die Fröhlichkeit mit anderen. Nie bin ich mit einem Lätsch umeinander gelaufen. Trotz allem Spaß war ich vorsichtig. An Saufgelagen beteiligte ich mich nicht. So was läuft oft aus der Schiene. Mein Motto ist, immer ordentlich mit Menschen umgehen, niemanden ängstigen, nicht streiten, keinen beschimpfen oder dummes Zeug schwätzen. Es reicht mir, wenn ich das von anderen höre. Ich sage mir immer: Wenn es mal nicht so toll ist, besser erst mal die Augen zumachen und danach wieder auf. Dann sieht doch die Welt anders aus.

Meine wundervolle Frau lernte ich beim Tanzen kennen. Das Lokal war so voll, man konnte nur eng tanzen. Das war schön. Meine Frau hatte eine super Figur und hat mir sofort gefallen. Wir haben den ganzen Abend getanzt und gar nicht wieder aufgehört. Meistens waren wir die letzten, die gegangen sind. Wir zwei tanzten auch im Nachthemd durch die Wohnung. Sonntagfrüh haben wir immer das Radio angemacht. Es gab ja nichts anderes. Von wegen Lieblingslied suchen oder Lieder aufnehmen und abspielen. Wurde unser Lied gespielt, tanzten wir sofort los. Das ging auch bis vor die Wohnungstür. Die Zeit war halt anders, weil wir nicht so viele Möglichkeiten hatten. Trotzdem waren wir glücklich. Leider wurde meine Frau sehr, sehr krank und ich habe sie sieben Jahre gepflegt. Zum Glück war ich da schon in Rente und hatte die Zeit dazu. Ich habe auch gekocht. Wenn es mal schwierig wurde, setzte ich meine Frau auf einen Stuhl neben den Herd, damit mein Essen gut wird. Die Pflege war für mich nicht schlimm. Wir waren zusammen und konnten so viele Jahre beieinander bleiben. Ich hoffe sehr, dass auch sie mit mir zufrieden war. Wir zwei haben einen Sohn, zwei Enkeltöchter und einen Urenkel. Heute habe ich bei meinem Sohn, eine kleine Wohnung. Das ist gut. Ich habe Freunde, die um die 80 Jahre sind und mich ab und zu besuchen.

»Das Leben kann so schön sein

Manchmal sage ich, wenn ich danach gefragt werde: Mir geht es beschissen, aber die Lage ist nicht ernst. Dann lachen alle und die Stimmung ist gelöst. Etwas Grips musste man immer schon haben, damit man gut durchs Leben kommt.
Mal schauen, was ich noch machen kann. Meine Fröhlichkeit habe ich zum Teil von meinen Eltern, und zum anderen Teil von mir selbst. Ich glaube, weil ich positiv denke und gern mit Menschen zusammen bin. Natürlich habe ich als Jugendlicher geraucht, bis mir schlecht wurde. Dann kam mir der Gedanke, dass ich doch ein Lackel bin. Bei mir stinkt die ganze Bude. Und wenn jemand kommt, der nicht raucht? Für den muss es doch schlimm sein. Das hat gereicht und ich habe sofort aufgehört.

Mein Schluss-Gedanke: Das Leben kann so schön sein, wenn man bei sich selber anfängt. Also schaue in die Welt hinaus oder vor dem Haus auf den Gehweg… egal. Wenn es von Herzen kommt, kann man überall gute Beziehungen aufbauen und selbst ein gutes Leben haben. Oft reden Menschen nur über sich, wie toll und gut sie sind. Für mich ist nicht interessant, was ich war, sondern der Augenblick ist wichtig, in dem ich mit anderen ins Gespräch komme. Wenn ich aus zwei Stunden Gespräch nichts für mich mitnehmen kann, dann ist das meiner Meinung nach schlimm. Meine Sorge jetzt ist der Krieg in meinem Kopf. Doch mal ehrlich, dass Butterbrot zum Frühstück und der Kaffee schmecken trotzdem gut.«

»Mal schauen, was ich noch machen kann.

»An die schöne Zeit mit meiner Frau Annemarie denke ich oft und gerne zurück.«

»An die schöne Zeit mit meiner Frau Annemarie denke ich oft und gerne zurück.«

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»An dem dicken Buch kann ich ganze Abende dran bleiben. Da muss ich auch daran denken, wenn mich meine Freunde besuchen: Es ist halt schön, wenn wir die Freunde kommen sehn...«