Magazin | MutMacher
Jasmin Betzema (65)

„Das ist jetzt mein Sechser im Lotto“

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Als Jasmin Betzema mit ihrem Rollstuhl in ihr Zimmer im Schwenninger Hospiz Via Luce rollt, schwärmt sie von köstlicher Bananenmilch, die die Hauswirtschafterin noch mit einer Kugel Vanilleeis verfeinerte – und das zum Frühstück.

„Seit einer Woche bin ich hier und habe das Gefühl, als wäre es ein Jahr. Alles ist hell und freundlich, ich werde verwöhnt wie im First Class Hotel. Noch nie habe ich so viel gelacht wie in den letzten acht Tagen. Das ist mein Sechser im Lotto, mein Glück kann ich kaum fassen. Früher hatten Bekannte im Via Luce gute Erfahrungen gemacht, deshalb wollte ich hierher. Ich bin halt in meiner Lebensendphase. Der Arzt meinte, dass man nichts mehr machen kann. Die Diagnose Tumor war mein ‚Weihnachtsgeschenk‘ 2018. Nach der ersten Behandlung ging es mir gut, danach habe ich mich an einer Studie beteiligt. Auch wenn ich selber daraus nichts Positives mehr ziehen kann, vielleicht hat durch meine Teilnahme der Nächste eine bessere Chance zum Leben. Trotz Chemo, Immuntherapie und vielen Behandlungen wuchs mein Tumor. Ich konnte nicht mehr laufen, wurde kraftlos, ekelte mich vor jedem Essen und sah furchtbar aus. Dann kam ich ins Palliativzentrum und ab da ging es mit mir aufwärts. Jetzt bin ich im Hospiz. Unfassbar, ich fühle mich gesund, habe richtig Power, und meiner Psyche geht es gut. Vielleicht hat sich der Tumor verabschiedet. Ich kann essen und futtere mit Appetit. Heute früh um fünf Uhr war ich schon im Gemeinschaftsraum und habe mit der Schwester einen Kaba getrunken und eine Banane gegessen. Wir haben uns erinnert, wie es als Kind war. Rund um die Uhr werden wir verwöhnt und nach unseren Wünschen gefragt.

„Ich finde knallige Farben schön“

Im Moment richte ich mich häuslich ein, lasse meine Phantasie spazieren gehen und überlege, was ich wohin stelle. Ich mag Farben. Die Tischdecke wird noch ausgetauscht und meine Tochter bringt mir bunte Bettwäsche mit. Sie hatte Angst, dass ich mich abgeschoben fühle. Das ist überhaupt nicht so. Eine bessere Idee als hierher zu ziehen, könnte es nicht geben. Friseur, Fuß- und Nagelpflege, alles ist möglich. Mit einer Zimmernachbarin spiele ich Mensch ärgere dich nicht, aber gestern ging es ihr nicht gut. Alle haben bedauert, dass sie nicht kommen konnte. Plötzlich ging die Tür auf, sie kommt raus und ruft, dass ein Tag ohne uns einfach kein Tag wäre. Was Netteres kann man doch gar nicht hören. Sie hat ihre letzten Kräfte mobilisiert und sich zu uns gesetzt. Ich bin froh, dass ich alle die Leute hier kennenlernen durfte. Angekommen sein ist ein geiles Gefühl, das Beste was der Mensch kriegen kann, und ich bin sehr dankbar dafür. Vordergründig bin ich nicht so gläubig. Gott selbst gibt es für mich nicht, aber das Universum, an das ich alles abgebe und das für mich alles tut. Das Leben ist wie ein Geldbeutel. Du hast einen bestimmten Betrag drin und damit musst du klarkommen. Wenn du jammerst, wird daraus auch nicht mehr. Du musst es einteilen und mit dem, was du hast, zufrieden sein, nicht gegen den Strom schwimmen. Das habe ich früher gemacht, war negativ und ein Bruttler. Jetzt lasse ich mich wie auf einer Luftmatratze treiben. Das ist Kräfte sparend und man kommt erholt an. Traurige Momente gibt es nicht mehr. Zweimal habe ich geweint, aber nur, weil ich schöne Gedanken hatte. Das war, als ich meiner Tochter eine sehr persönliche SMS geschickt habe. Da war keine Traurigkeit dabei. Ständig klingelt mein Telefon und zu mir kommt viel Besuch. Die wundern sich alle über meine Ausstrahlung und dass ich so gut drauf bin. Vor dem Tod habe ich keine Angst, vielleicht vorm Sterben. Aber alle sagen, ich muss hier keine Angst haben. Hier wird man getragen. Ich möchte mit Anstand und Würde gehen und bin jetzt auf dem letzten Weg. Der Tod wird oft weggeschoben. Meiner Tochter habe ich gesagt, lass uns noch reden und einiges regeln, wenn ich nicht mehr da bin, kann niemand mehr mit mir darüber sprechen. Ich genieße alles, auch die Sonne im Zimmer, die Bäume, das Grün vorm Haus und meine Terrasse … herrlich, wie im Urlaub.“

Für Jasmin Betzema ist das Hospiz ein First Class Hotel.

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