»Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung . . . predigte Vater «
Im 18. Jahrhundert beginnt die Geschichte ihrer Familie, die einen schwierigen Weg gegangen ist. Ihre Lebensreise begann Emma Berchdolt vier Jahre nach dem zweiten Weltkrieg mit Eltern, die beharrlich Wert auf Bildung und Ausbildung ihrer Kinder legten, damit sie ein gutes Leben haben.
»Katharina die Große wollte Reichtum für Russland. Deutsche konnten sich im Wolgaland ansiedeln. Viele kamen, bauten Häuser und erhielten Land. Sie waren Handwerker und betrieben Landwirtschaft. Das Land blühte auf. 1925 wurde die Kasachische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik geschaffen. Im Zweiten Weltkrieg befahl Stalin 1941 die sofortige Deportation der Deutschen nach Sibirien. Güterzüge brachten die Menschen in mit Stacheldraht umzäunte Arbeitslager. Mutter konnte mit zwei kleinen Kindern bleiben, weil sie in einem Milchbetrieb arbeitete. Unser Vater wurde krank und nach zwei Jahren aus dem Lager nach Kasachstan entlassen. Mutter war allein, die Kinder waren gestorben. Nach Vaters Rückkehr wurde wir drei Kinder geboren. Vater war ein guter Tischler. Er stelle Möbel ohne Nägel her und bekam viele Aufträge. Die Eltern kauften Vieh und bauten ein kleines Steinhaus. Wir Russlanddeutschen durften bis 1956 ohne Erlaubnis nicht wegziehen. Chruschtschow hatte das später erlaubt. Wir blieben bis 1964 in unserem Dorf. Vater wollte, dass wir Kinder studieren. Mein ältester Bruder begann an einer Fachhochschule und wurde Ingenieur. Unser Vater erkannte, dass für uns das Leben auf dem Dorf nicht geeignet war. Die Eltern kauften ein kleines Häuschen in der Stadt. Auch unsere Mutter studierte und wurde Chefin in einem Großbetrieb. Vater bekam einen Herzinfarkt und musste zu Hause bleiben. Ich wollte Deutschlehrerin werden. Nach einem einjährigen Grundkurs und fünf Jahren Fernstudium neben der täglichen Arbeit erhielt ich mein Diplom. Das war nicht einfach. Vater entschied, dass ich erst heiraten könne, wenn ich meine Ausbildung abgeschlossen habe. Ich sollte einen Deutschen heiraten und keinen Russen. Mein späterer Mann arbeitete im Bergbau. Das war gefährlich und er begann auch ein Fernstudium. Wir haben geheiratet und bekamen zwei Kinder. 1991 wurde Kasachstan unabhängig und das Chaos begann. Für unsere Arbeit bekamen wir kein Geld, nur Schecks mit einem geringen Betrag. In den Geschäften gab es wenig. Bauern boten auf dem Markt ihre Ware an, die uns zu teuer war. Für unsere Zukunft gab es keine Aussicht.
»Die Familie meines Mannes beschloss, nach Deutschland zu ziehen
Russlanddeutsche wurden als Aussiedler anerkannt. Die Schwester meines Mannes lebte in Deutschland und organisierte unsere Ausreise. In Schwenningen wohnten wir zwei Jahre in einem Zimmer. Es war schwierig, Arbeit und eine Wohnung zu finden. Mein Mann wurde bei DPD angenommen. Unser Ziel war zuerst, dass unser damals 17-jähriger Sohn und die neunjährige Tochter eine gute Ausbildung bekommen. Ich blieb zu Hause und bereitete unsere Kinder auf die Schule vor. Oft haben wir bis abends geübt. Unser Sohn hatte es in dem Alter besonders schwer. Trotzdem hat er sein Abitur gemacht. Er konnte in Stuttgart studieren. Ich hatte wenig Glück mit meiner Arbeit. Zwei Firmen mussten schließen. Danach kam ich in eine Leihfirma und wurde für Montagearbeiten in mehreren Fabriken eingesetzt. Plötzlich zitterte mein Bein. Mit 55 Jahren bekam ich die Diagnose Parkinson. Vor sechs Jahren starb mein Mann. Wir wohnten im Haus unserer Tochter. Tagsüber war ich allein und bin oft gestürzt. Mit meinen Kindern entschied ich, dass ein Pflegeheim ein besserer Platz für mich ist. Seit zwei Jahren bin ich in der AWO Am Stadtpark. Wenn ich Probleme habe, kann ich schnell Hilfe holen. Als Mitglied im Heimbeirat höre ich mir die Sorgen der Bewohner an. Einmal im Monat diskutieren wir mit der Leitung, ob man helfen oder vielleicht auch was ändern kann.«
»Für unsere Zukunft gab es keine Aussicht.