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Wenn der Verschleiß in die Gelenke schleicht

Arthrosepatienten rosten im wahrsten Sinne des Wortes ein

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Nach Aussage der Deutschen Arthrose-Hilfe e.V. leiden in Deutschland zirka fünf Millionen Menschen an Arthrose. Die Ursachen sind vielfältig und ausnahmslos können alle Gelenke betroffen sein. Warum das so ist, wo die Ursachen liegen und wie Betroffenen geholfen werden kann, erläutert Dr. med. Matthias Hauger, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Klinikum Tuttlingen.

 

? Herr Dr. Hauger, was überhaupt ist Arthrose?
Arthrose ist die häufigste aller Gelenkerkrankungen und ein Zustand nach der Zerstörung der Knorpelschicht eines Gelenkes und den damit einhergehenden Knochenveränderungen. Das Gelenk entzündet sich, es kommt zu Schwellungen und Schmerzen. Im weiteren Verlauf verlieren Patienten die Fähigkeit, sich frei zu bewegen. Jedes Gelenk kann betroffen sein, am häufigsten die Knie, Hände und Hüften.

? Und wo liegen die Ursachen der Erkrankung?
Ein so genanntes „Umbauprogramm“ bewirkt den Knorpelabbau. Wie es dazu kommt, ist nicht vollständig erforscht. Eine wichtige Rolle scheinen Botenstoffe in den Gelenken zu spielen. Es wird vermutet, dass Mikroverletzungen im Knorpel zu einer Eiweißausschüttung führen. Dieses Eiweiß wird in die Oberfläche der Knorpelzelle eingebaut und es kommt zur Aktivierung körpereigener Enzyme, die den Knorpel zerstören.

? Heißt das, man hat selbst keinen Einfluss auf die Erkrankung?
Nein, denn Knorpelverletzungen haben auch Ursachen. Die können genetisch bedingt sein, von Übergewicht, zu wenig Bewegung und falscher Ernährung herrühren und damit auch von Erkrankungen ausgelöst werden, die mit Arthrose einhergehen können, wie beispielsweise Diabetes.

? Worauf sollte man denn im Alltag achten?
Das Maß der Dinge ist entscheidend. Basische Lebensmittel sind sinnvoller als saure, also wenig Fleisch, wenig gesättigte Fette, aber gern viel Fisch, viel Grünes und Gewürze wie Curry, Kurkuma, Chili und Zimt essen. Die Gewichtsreduktion ist ein wichtiger Faktor. Beim normalen Gehen müssen die Knie bis zum dreifachen Gewicht des Körpers abfedern, beim Treppen runter steigen mindestens das 3,5-Fache. Zu den Risikofaktoren gehören Stöße auf die Gelenke, die zu Kleinrissen führen können. Wir sind nicht für 50 Kilometer Dauerlauf gebaut. Auch Extremsportarten, die sich in letzter Zeit entwickelt haben, führen zu erhöhter Belastung. Entscheidend ist die Lebensbalance.

? In welchem Zusammenhang stehen Rheuma und Arthrose?
Rheuma-Patienten sind gefährdet für die Arthrose. Die rheumatische Erkrankung entwickelt Antikörper gegen die eigene Gelenkschleimhaut. Beim Rheuma gibt es so genannte springende Gelenkbeschwerden, mal an der Schulter, mal am Knie oder an der Hüfte. Der fortgeschrittene Rheuma-Patient hat Arthrose aufgrund des Entzündungsprozesses seiner Grunderkrankung. Und die führt zu den Kardinalsymptomen der Arthrose, wie Gelenksteifigkeit und die typischen Anlaufschmerzen. Wer rastet, der rostet, das gilt besonders für den Arthrose-Patienten. Kurzes Sitzen reicht aus, dass der Patient erst sein Bein bewegen muss, damit er die Bewegung durchführen kann.

? Ist bei ersten Erkrankungsanzeichen schon ein Gang zum Arzt notwendig?
Unbedingt, es gibt Differenzialdiagnosen, die geklärt werden müssen. Also, wenn ich Schmerzen in der Leiste habe, muss nicht die Hüftarthrose schuld sein. Eine Ursache kann in verengten Arterien liegen. Auch ein Leistenbruch ist schmerzhaft. Es gibt Erkrankungen, die ausgeschlossen werden sollten, beispielsweise ein eingeengter Nerv, ein Osteoporose-Bruch oder auch eine Tumorerkrankung.

? Lässt sich ein Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen?
Ja, denn zwischen Früh- und Spätstadium können viele Jahre liegen, in denen durch die schon genannten Maßnahmen der Verlauf verlangsamt wird. Aber es gibt noch weitere, zum Beispiel ist eine Physiotherapie wichtig. An den Übungen sollte man Spaß haben und sie zu Hause kontinuierlich weiterführen. Sehr hilfreich sind geeignete Sportarten und gleichförmige Bewegungen. Für mich zählen Radfahren, auch Nordic Walking und Schwimmen dazu, aber nicht Brustschwimmen, sondern Kraulen oder Rückenschwimmen oder unter Wasser Fahrrad treten. Wichtig ist gutes Schuhwerk. Man sollte seinen Alltag auf das Beschwerdebild anpassen. Dabei geht es auch um ein Schmerzverständnis. Ich rate meinen Patienten, ein Schmerztagebuch zu führen. Dann schauen wir gemeinsam darauf und besprechen, wie die schmerzhaften Bereiche durch Änderung der Lebensgewohnheiten in grüne Bereiche verwandelt werden können. Die bisherige Alltagsbelastung sollte zugunsten günstigerer Belastungen verändert werden. Es gibt noch weitere Maßnahmen, mit denen man ein Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen kann. Dafür sollte man sich einen Orthopäden an die Seite holen und eine gemeinsame Strategie entwickeln.

? Gehören Medikamente auch dazu?
Ja natürlich, aber ab einem gewissen Lebensalter muss man mit Nebenwirkungen rechnen. Nicht immer ist es ratsam, die Entzündungshemmer zu nehmen, die auf Herz und Niere ungünstig wirken können. Auch da muss man eine Balance schaffen und die Nebenwirkungen im Auge behalten. Wenn Medikamente nicht nur schmerzstillend sind, sondern auch die Entzündungen im Gelenk hemmen, können sie mit einem Magenschutz durchaus empfohlen werden.

? Was raten Sie, wenn Patienten lieber gleich eine neue Hüfte oder ein neues Knie möchten?
Im Klartext, wenn keine Dringlichkeit vorliegt, sollte mit einer konservativen Therapie mindestens acht Monate versucht werden, ob man nicht durch eine Änderung des Lebensstils Linderung bekommen kann. Denn immer gilt: Eine Operation kann auch Risiken mit sich bringen. Keiner ist vor Komplikationen gefeit. Man sollte vorher alle anderen Maßnahmen versuchen. Was man durch eine Operation versprechen kann, ist eine deutliche Beschwerdelinderung. Aber Achtung, das Wort Linderung gehört unterstrichen. Viele kommen mit dem Anspruch, ich lasse mich operieren, dann ist alles gut. Ohne Frage, es ist eine der erfolgreichsten Operationen, aber man sollte sich in Bescheidenheit üben. Bei operativer Maßnahme tauscht man ein hochkomplexes biologisches System gegen ein Material-technisches aus. Man schneidet die Elastizität raus, und, und, und … Am Kniegelenk zum Beispiel haben wir sechs Bewegungsebenen. Durch die Operation reduzieren wir auf zwei, im Höchstfall auf drei Bewegungsebenen. Man muss auch wissen, wenn man mit Tippelschritt in die Aufnahme kommt, muss man nicht glauben im Stechschritt die Klinik wieder verlassen zu können. Es dauert lange, bis ein guter Zustand erreicht ist. Die Entscheidung zu einer Operation muss sorgfältig und in Ruhe getroffen werden. Ein zertifiziertes Endoprothetikzentrum ist dafür zu empfehlen.

WEITERE INFORMATIONEN

Sprechstunde Montag bis Mittwoch 8.00 bis 14.00 Uhr (nach Terminvereinbarung)
Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie
am Klinikum Tuttlingen
78532 Tuttlingen
Telefon (07461) 971358
www.klinikum-tut.de

Leistungsspektrum
Diagnostik und Therapie aller Verletzungen und Erkrankungen am Bewegungsapparat,
an Knochen, Gelenken, Muskeln und Sehnen
Endoprothetik an Hüfte, Knie, Schulter, Ellenbogen und Sprunggelenk
Knochenbruchversorgung aller Körperregionen, Frakturen und Verletzungen im Wachstumsalter
Hand-, Fuß- und Rheumachirurgie
Arthroskopische Operationen
Achskorrekturen an Ober- und Unterschenkel
Wechseloperationen an Knie- und Hüftgelenk
Versorgung von Schwerstverletzten und polytraumatisierten Patienten
Therapie von Folgezuständen nach Unfallverletzungen

Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie
am Klinikum Tuttlingen

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Dr. Mathias Hauger, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Klinikum Tuttlingen.
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Die Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie verfügt über 36 Betten.
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