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Sicher stehen – sicher gehen

Angst vor dem Sturz erhöht die Unsicherheit

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Dr. Petra Mommert-Jauch ist zum Thema Gesundheitsförderung durch Bewegung vielseitig unterwegs. Sie ist Geschäftsführerin der Gesellschaft für Vitalökonomie, Lehrbeauftragte der Uni Karlsruhe und der HFU Fachhochschule Furtwangen, Geschäftsführerin der Gesundheitsakademie des Instituts für Sport und Rehabilitation. „Pro Balance“ heißt ein umfassendes Konzept zur Sturzprophylaxe, das sie gemeinsam mit dem Gesundheitsamt Schwarzwald-Baar-Kreis, der AOK und der BKK-Schwenningen mit zahlreichen Schulungen und Schnupperkursen ins Leben gerufen hat.

Schaut man das Straßenbild an, fühlen sich immer mehr Ältere und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen mit einem Rollator sicherer zu Fuß unterwegs. Ist das eine gute Vorsorge vor einem Sturz?
Der Rollator ist absolut keine Vorsorge vor dem Sturz, im Gegenteil. Dafür gibt es triftige Argumente: Viel zu viele Menschen benutzen einen Rollator, obwohl sie ihn noch nicht brauchen. Eine Entwöhnung ist schwierig. Häufig bleibt der Rollator dann ein Begleiter bis zum Lebensende. Und der Patient befindet sich in einem Teufelskreis. Wer längere Zeit den Rollator benutzt, verlernt das normale Gehen. Die natürliche Diagonalbewegung von Armen und Beinen fällt weg und damit auch die Balance beim Gehen. Sinnvoller wäre, bei Unsicherheit zwei (Nordic Walking-)Stöcke zu benutzen. Damit ist die natürliche koordinative und neuronale Verschaltung der Gehbewegung gewährleistet. Außerdem gewöhnt sich der Körper an die unnatürliche Gehweise am Rollator. Das erhöht sogar das Verletzungsrisiko. Natürlich kann man sich beim Stürzen immer verletzen. Aber ein Sturz mit Rollator fällt in der Regel schwerer aus, weil man durch den Rollator am Abfangen gehindert wird oder in den Rollator hineinfällt. Gern verschreibt man Patienten mit Gleichgewichtsstörungen einen Rollator, um ihnen ihre Unsicherheit zu nehmen. Aber er ist eher die zweite Option, wenn überhaupt. Zunächst sollten vermeidbare Ursachen ausgeschlossen werden, Stolperfallen zu Hause oder auch bestimmte Medikamente. Am schlimmsten ist, dass die Gangunsicherheit durch Angst vor Stürzen verstärkt wird. In diesen Fällen löst der Rollator das Problem nicht, sondern verdeckt es nur, und die Folgen sind dramatisch.

Welches sind denn die hauptsächlichen Risikofaktoren für einen Sturz?
Wichtigster Risikofaktor ist eine geringe Bewegung, denn damit werden mit zunehmendem Alter ein unsicheres Gangbild verstärkt, die Herz-Kreislauf-Tätigkeit verringert und Schwindelgefühle häufiger. Ein weiterer Faktor sind schwache Bein- und Rumpfmuskulatur, denn die Muskulatur und vor allem die nervale Ansteuerung der Muskulatur ist dafür verantwortlich, wie schnell man reagieren und sich abfangen kann. Auch reduzierte Seh- und auch Hörfähigkeit tragen zur Unsicherheit bei. Außerdem erhöht die Einnahme von mehr als vier Medikamenten das Sturzrisiko, vor allem Schlafmittel, Betablocker, Blutdrucksenker und Antidepressiva. Menschen mit den genannten Risikofaktoren sollten gefördert werden. Aus diesem Grunde haben wir die Initiative „Pro Balance“ für den gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis ins Leben gerufen. Alle beteiligten Kooperationspartner dieser Initiative verfolgen ein Ziel: den Menschen wohnortnah und finanziell günstig ein Angebot zur Verfügung zu stellen, an dem sie teilnehmen können, um sich nicht nur ein langes Leben, sondern ein Leben in Selbstständigkeit zu sichern.

Manche fragen sich sicher, was sie mit 80 noch trainieren sollen …
In der Heidelberger Altersstudie kommt klar zum Ausdruck, dass 80-Jährige und Ältere noch Spaß am Leben haben und sich vor allem vor Abhängigkeit und Stürzen fürchten. In wissenschaftlichen Studien wird nachgewiesen, dass auch weit über 80-jährige Personen noch trainieren und ihre Fähigkeiten verbessern können. Es lohnt sich immer zu beginnen, auch wenn man bislang nicht der ‚Sportler‘ war! Gleichgewicht und Kraft sind zwei der wesentlichen Fähigkeiten, die dem Sturz entgegenwirken und die Selbstständigkeit erhalten. Diese Fähigkeiten kann man bis ins hohe Alter sehr gut trainieren.
Ein wichtiger Aspekt, der mit Stürzen und möglicher Abhängigkeit einhergeht, sind psychische und soziale Gesichtspunkte. Ein Sturz kann einsam machen. Das wirkt sich auf Psyche und Selbstbewusstsein aus und auf den Mut, sich zu bewegen. Ein Teufelskreis, den wir mit unserer Initiative durchbrechen wollen.

Haben Sie ein paar Beispiele, mit denen man im Alltag das Training beginnen kann?
Ja … beginnen Sie mit einem kleinen Test: Stellen Sie sich aufrecht hin, die Füße ganz eng nebeneinander. Können Sie zehn Sekunden lang ruhig stehen? Gelingt Ihnen das auch noch mit geschlossenen Augen? Und wenn das keine Herausforderung für Sie ist, sollten Sie die Füße voreinander stellen, so dass die Ferse des vorderen Fußes die Zehen des hinteren Fußes berühren. Wie geht es Ihnen mit geöffneten und dann geschlossenen Augen? Wenn Ihnen das Schwierigkeiten bereitet, sollten Sie etwas tun.
Kleine Alltagstätigkeiten, die Sie probieren und trainieren sollten, um Ihrem Gehirn Nahrung zu geben und Ihre körperlichen Fähigkeiten zu verbessern: Mit welchem Bein beginnen Sie immer, die Treppe hinauf zu laufen? Versuchen Sie es mal bewusst mit dem anderen Bein. Mit welchem Bein steigen Sie zuerst in die Hose? Versuchen Sie mal das bisher vernachlässigte Bein zu nehmen.
Nutzen Sie die Treppe als Trainingsgerät – sowohl aufwärts als auch abwärts. Das trainiert nicht nur Ihre Kraft, sondern auch Ihre Koordination. Sollten Sie dabei Schmerzen haben, heißt es Muskelkraft aufzubauen und die Technik des Treppensteigens neu zu erlernen.Versuchen Sie bei vielen Dingen des Alltags, die Sie automatisiert tun, den Ablauf zu ändern. Dann tun Sie etwas für Ihre körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. Sie werden merken: Plötzlich geht da wieder was. Diese Programmbildung in Hirn und Rückenmark ist in jedem Alter möglich.

WEITERE INFORMATIONEN
Wo wird die Sturzprophylaxe „Pro Balance“ angeboten? An wen kann ich meine Fragen stellen? Kontaktdaten: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis, Gesundheitsamt/Gesundheitsförderung, Stefanie Kaiser, Telefon: (07721) 913 7165, s.kaiser@lrasbk.de, www.schwarzwald-baar-kreis.de

Dr. Petra Mommert-Jauch: „Stürze brechen nicht nur Knochen, sondern auch das Selbstbewusstsein.“

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Sturzprophylaxe - ein ernstes Thema, dass in der Gruppe trotzdem Spaß macht.