Magazin | MutMacher
Inge Dreier (86)

Am Samstag gehts zur Wirtschaftskunde

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Inge Dreier kennt in ihrem Garten jede Blume, hütet jede Pflanze und bringt fast alle gut durch den Winter.

Jede Woche treffen sich die Freundinnen – alle zwischen 86 und 90 –
zur Wirtschaftskunde in Villingen. Zu ihnen gehört auch Inge Dreier, die mit viel Liebe in ihrem üppigen Blumenparadies schafft. Aber genauso wertvoll sind ihr die zahlreichen Kontakte, die für einen vollen Terminkalender sorgen.

„Mein Tag geht schon mal gut los. Einer meiner beiden Söhne wohnt mit im Haus und kommt morgens halb sechs zu mir runter. Dann würfeln wir darum, wer am schnellsten die Glückszahl 350 hinbekommt. Es geht nicht um Geld, sondern nur darum, einfach miteinander zu schwätzen und früh am Morgen den Kopf in Bewegung zu bringen. Dann wird gefrühstückt und anschließend lege ich mich zum Zeitunglesen nochmal ins Bett. Das Ritual mache ich seit Jahren. Häufig messe ich dann Blutdruck, der ist meine Schwachstelle. Und regelmäßig schaue ich nach meinen Zuckerwerten. Ich habe alles gut im Griff, nehme meine Medikamente und bin nicht wehleidig. Zur schönen Jahreszeit verbringe ich Stunden in meinem Garten, verschneide Blumen, gieße unzählige Töpfe und pflanze neue Ableger. Unser Garten am Haus ist mein Paradies. Und ich habe einen großen Bekanntenkreis. Abends gehe ich zwischen elf und zwölf ins Bett. Nur mit dem Schlafen klappt es manchmal vorm Fernseher besser. Gehts mir mal nicht so gut, lasse ich alles stehen und liegen und lege mich ein bisschen hin. Am anderen Tag sieht die Welt wieder anders aus. Ich jammere nicht. Mir kommt es darauf an, wie ich von außen wahrgenommen werde und ich achte sehr darauf, dass ich mich nicht alt fühle. Wenn meine Kinder sagen ‚Mama haben wir noch nie jammern hören‘, dann freue ich mich. Klar tut mir auch mal was weh. Aber deswegen renne ich doch nicht zum Doktor.

„Manchmal frage ich mich, wo die Zeit hin ist

Fast mein ganzes Leben lang treffe ich mich einmal in der Woche samstags mit meinen Freundinnen. Früher sind wir gemeinsam durchs Städtle gebummelt. Heute machen wir Wirtschaftskunde in Villingen. Treffpunkt und Uhrzeit sind immer gleich. Wer bis dahin nicht da ist, kommt nicht. Bei uns muss sich aber keiner abmelden. Im Moment sind wir zu sechst. Unsere Eltern kannten sich schon. Inzwischen sind die meisten wie ich verwitwet. Erst am Treffpunkt bereden wir, wohin wir zum Mittagessen gehen. Da werden Vorschläge gemacht und welcher die meisten Stimmen bekommt, in das Restaurant gehen wir. Bei uns wird das problemlos und demokratisch gelöst. Unsere Neunzigjährige ist auch dabei und kommt wie ich auch mit dem Fahrrad. Bisher ist noch nie jemand allein dagestanden. All die Jahre habe ich mir den Samstag nicht nehmen lassen. Früher war mein Mann zu dieser Zeit im Garten, aber mich hat er rennen lassen. Das rechne ich ihm hoch an.

Gestern habe ich mich mit den alten Keglern getroffen. Kegeln können wir nicht mehr, aber wir sehen uns alle vier Wochen. Und jeden Montagabend trifft sich unsere Turnergruppe. Eine Bekannte holt mich ab. So bin ich gut beschäftigt und habe fast einen vollen Kalender. Und wenn ich dann wieder allein zu Hause bin, bin ich das auch gern.
Dieses Jahr haben wir zu viert eine achttägige Busreise nach Spanien mitgemacht. Durch Zufall sind wir mal in die Clique gerutscht, zu der Spanier, Italiener und Deutsche gehören. Pepé ist unser Busfahrer. Er ist Spanier und kennt sich dort bestens aus. Er hat auch das Hotel ausgewählt und wenn mal jemand zum Arzt muss, geht er mit und regelt alles. Wir sind da bestens versorgt, das ist beruhigend. Ich bin zweimal geschwommen, herrlich. Wenn schon denn schon. Und einmal hats mich in voller Montur im flachen Wasser umgehauen. Da war eine Art Strudel und ich konnte mich nicht mehr halten und war pitschnass. Das gehört dazu.
Gearbeitet habe ich viel, über 30 Jahre bei Kienzle in der Montage, habe dann noch fast zehn Jahre Heimarbeit gemacht. Anschließend bekamen wir alle die Kündigung. Weil mir am Schluss ein Vierteljahr fehlte, wurden mir die ganzen Jahre nicht für die Zusatzrente angerechnet. Da hieß es einfach nur: Härtefall. Ich habs überlebt. Nebenbei musste ich mich um meine Mutter und meine blinde Cousine kümmern.
Einer unserer Söhne hatte sich hier mitten in Villingen seinen Traum erfüllt und dieses Haus gekauft. Am Anfang wollte mein Mann nicht mit einziehen. Aber es ging nicht anders, wir wohnten 42 Jahre im vierten Stock. Dort wäre er am liebsten geblieben. Als er fast ganz erblindet war, hats ihm hier doch gefallen, weil wir eine tolle Terrasse vor unserer Wohnung haben und von herrlichen Blumen umgeben sind. Unsere Nachbarn sind viel unterwegs und ich versorge ihr Kätzle Lumpi. Einmal ist sie mir zwischen die Beine gekommen, weil ich schnell zum Telefon rennen wollte. Das Ergebnis war ein Oberschenkelhalsbruch. So gehts einem, wenn man nicht aufpasst. Die Katze kann nichts dafür, es ist alles wieder gut und Lumpi kommt immer noch zu mir. Ich wurde auch schon mal von einem Auto angefahren, weil der Fahrer mich auf dem Fahrrad nicht gesehen hatte. Mit Absicht hat der das nicht gemacht. Inzwischen ist alles wieder gut. Ich fahre heute noch mit dem Rad zur Bank am Riettor oder kurz mal zum Einkaufen. Da bin ich schneller als zu Fuß. Mein Garten ist mein Hobby. Die vielen Blumentöpfe habe ich nie gezählt. Ich kaufe gar nicht viele Blumen, ich bringe fast alles gut über den Winter. Zwei, drei Stunden schaffe ich bei gutem Wetter hier draußen. Man soll am Tag eine halbe Stunde laufen, dass schaffe ich bei der Gartenarbeit. Es ist hier einfach wunderschön, und ich freue mich schon darauf, wenn im Frühjahr alles wieder frisch und grün rauskommt. Fast täglich kommt mein anderer Sohn nach der Arbeit kurz vorbei. Dann schwätzen wir drei miteinander und sie geben mir das Gefühl, immer mitten in meiner wunderbaren Familie mit vier Enkelkindern zu sein. Das ist mein Tagesausklang. Was Glück ist? Gesundheit ist mehr als Glück. Ich habe schon zu meinen Buben gesagt, dass es mir hoffentlich so ergeht wie meinen Eltern. Mein Vater ist am Sekundentod gestorben und Mutter lag morgens tot im Bett. Ich möchte kein Pflegefall werden. Mein Spruch ist: Immer ruhig und gediegen, was nicht fertig wird bleibt liegen.“

"Wenn meine Kinder sagen 'Mama haben wir noch nie jammern hören', dann freue ich mich."

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Der Garten von Inge Dreier hüllt sich jedes Jahr in ein Blütenmeer - da reicht kein grüner Daumen. Sie hat einfach ein grünes Händchen.
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