Magazin | MutMacher
Hanna (85) und Wilhelm Köhler (89)

»Als wir in Rente gingen, hatten wir noch keinen Plan fürs Alter«

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Zum Kaffee laden die Köhlers auch Freunde aus Bühlingen ins Spital in Rottweil ein . . . so wie früher auf ihre Terrasse.

Ihr Heimatort war Weida im Thüringischen. Nach Schulabschluss und erster Ausbildung begann die gemeinsame Zeit 1956. Hanna war Buchhalterin und Wilhelm Bauleiter. Vier Jahre später war Hochzeit. Und jetzt zum Eisernen Jubiläum fragen sie sich, wo die Jahre geblieben sind.

65 Jahre Ehe ist eine Hausnummer. Und womit punktet jeder beim anderen? Hannas Antwort kommt prompt: »Mir gefällt seine Ruhe, die er ausstrahlt. Viele fragten mich, wie ich das ausgehalten habe. Es gibt Tage, an denen wir kaum sprechen. Diese Ruhe brauche ich. Und mir gefällt seine Zuverlässigkeit. Was ich nicht so mag? Also er könnte etwas ordentlicher sein.« Und was schätzt Wilhelm an seiner Hanna? »Es ist schön, dass sie so lebhaft ist und alle unterhält. Ich höre ihr gern zu. Nicht so mag ich, wenn sie wegen meiner Unordnung meckert.« Die zwei hatten viele gemeinsame Ziele. Beide wagten einen völlig neuen Schritt in ihrem Berufsleben. Hanna arbeitete bis zum Schluss in der Erwachsenenbildung. Nach der Wende lag der Schwerpunkt auf dem Thema Behindertenpädagogik. Wilhelm studierte an der Fachschule Greiz, setzte obendrauf sein Diplom zum Bauingenieur und wurde Projektleiter. Die beiden zogen nach Halle und pachteten einen Schrebergarten. Dann kam das Jahr 2000, zeitgleich wurden sie Rentner. Hanna weiß noch genau, was sie damals planten: »Job ade, jetzt wollen wir unseren Garten genießen und viel reisen. Doch dann zog unsere einzige Tochter mit ihrer Familie und ihrer langjährigen Firma nach Hornberg im Westen. Das Angebot wollten sie nicht ausschlagen. Erstmals stand jetzt die Frage im Raum, wer sich später um uns kümmern kann. Die Entfernung von Halle bis zur Tochter war zu groß. Wir entschieden uns, beim nächsten Besuch nach einer Wohnung zu suchen. Wir hatten Anzeigen ausgewählt. Aber oh je, entweder waren die Mieten sehr hoch oder die Wohnungen in einem furchtbaren Zustand. Auf der Rückfahrt nach Halle resignierten wir und meinten beide, das wird nix. Kurz darauf meldete sich unsere Tochter. Sie hatte wieder eine verlockende Anzeige gefunden, las sie vor und wollte wissen, ob sie sich kümmern sollte. Wir gaben sofort das Okay. Die Anzeige war ein Gewinn. Wir zogen nach Bühlingen in eine schöne Einliegerwohnung und hatten einen sehr netten Vermieter. Für uns war das Glück. Von Anfang an hat alles gepasst, auch menschlich. Den Umzug organisierten wir selbst. Es fiel uns nicht schwer, die Wohnung auszuräumen und unser Hab und Gut zu packen. Viele Menschen in Halle haben uns gewarnt, dass wir sicher im Westen nicht warm werden und kaum Kontakt finden. Es war genau anders. Wir hatten nette Menschen um uns und mehr Kontakte als früher. Sehr geholfen haben uns dabei Vereine und Gruppen, in denen wir uns engagiert haben. Mein Mann war im Männergesangverein. Ich ging zur Seniorengymnastik. und wir haben beide die Treffen unserer Jahrgänge besucht. Über 20 schöne Jahre verbrachten wir in Bühlingen. Mein Mann bekam die schlimme Diagnose Parkinson. Doch mir ging es gut und ich konnte mich um ihn kümmern.

»Aus heiterem Himmel fielen wir in ein tiefes Loch . . .

Im September 2024 war plötzlich alles anders. Ich war schon mehrmals gestürzt, aber jetzt kam das Schlimmste. Ich bekam schlecht Luft und lief auf die Terrasse, um kräftig Luft zu schnappen. Plötzlich drehte es mich und ich lag unter einem Gartenstuhl. Nur meinen Rücken habe ich gespürt und nicht bemerkt, dass ich ein offenes Bein hatte. Zwei Tage später fuhr ich mit dem Auto zur Ärztin und klagte über meinen Rücken. Zum Glück sollte ich mich auf die Liege legen, damit sie meine Rippen untersuchen konnte. Plötzlich rief sie: ›Um Gottes Willen, was haben sie denn gemacht?‹ Sie zeigte mir tiefe Löcher in meinem Bein und organisierte eine Wundversorgung. Eine Woche später sollte ich wiederkommen. Mein Schwiegersohn brachte mich in die Praxis, und ich hing am Tresen. Mir ging es nicht gut. Sofort kam ich zur Untersuchung. Es bestand Verdacht auf Herzinfarkt. Mit Blaulicht ging’s in die Notaufnahme. Dort wurde festgestellt, dass ich acht Liter Wasser in der Lunge habe. Ich musste in der Klinik bleiben und machte mir Sorgen um meinen Mann. Am Wochenende haben unsere Kinder ihn zu sich genommen, damit er was Richtiges zum Essen und Trinken bekam und seine Medikamente nimmt. Mein Mann rutschte bei den beiden zusammen und kam ins selbe Krankenhaus. Wir lagen sozusagen Zimmer an Zimmer. Kurz darauf kam Wilhelm in die Geriatrie und von da aus nach Aichhalden zur Kurzzeitpflege. Ihm hatte man bereits gesagt, dass er professionelle Pflege brauche. Ich wurde entlassen und dann meinte das Schicksal es gut mit uns. Mein Mann hatte seinen Hausnotruf zu Hause gelassen, weil er ihn im Moment nicht brauchte. Als ich aus dem Krankenhaus kam, legte ich ihn auf den Nachttisch. Nachts wollte ich aus dem Bett aufstehen, rutschte aber regelrecht aus dem Bett. Mein Glück war der in der Nähe liegende Notruf. Mühsam hangelte ich mich hoch und drückte den Knopf.

Ein stilles Plätzchen: In ihrem Park kann der Weg zu den Bänken unter Schatten spendenden Bäumen mühelos mit Rollator oder Rollstuhl erreicht werden. Ein Gang in die Stadt wäre sehr beschwerlich.

und plötzlich meinte es das Schicksal gut mit uns

Im Nachhinein haben wir das als Glück empfunden. Die Rettung kam, und ich lag wieder im Krankenhaus. Vermutlich war ich in einer Stress-Situation, weil ich mir Sorgen um meinen Mann machte. Das Glück kam zu uns zurück. Wir beide hatten uns fünf Jahre vorher das Spital am Nägelesgraben in Rottweil ausgesucht und uns vorsorglich angemeldet. Unsere Kinder gaben uns den Rat, uns rechtzeitig einen Platz zu suchen, wenn es allein zu Hause nicht mehr geht. Toi, toi, toi, es hat geklappt. Ich kam direkt aus dem Krankenhaus ins Heim und mein Mann nach Ende seiner Kurzzeitpflege einen Tag später. Wir beide waren wieder zusammen. Das gab uns Kraft. Den Umzug haben die Kinder in die Hand genommen. Natürlich ist die Entscheidung sehr schwer zu verdauen. Natürlich geht einem manches verloren, aber wir wissen auch, dass wir jetzt hier rundum versorgt sind. Einige haben uns schon gesagt, dass wir wieder entschieden besser aussehen. Das tat uns gut, wir hatten das gar nicht bemerkt. Man muss einsehen, dass der Körper abbaut. Unser Stress ist weg und wir empfinden die Zeit im Heim als Urlaub.«

 

 

»Man muss einsehen, dass der Körper abbaut.

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»Unser Stress ist weg und wir empfinden die Zeit im Heim als Urlaub.