Magazin | MutMacher
Hiltraud (82) und Helmut (83) Ruhnau

»Mit uns klappt es gut, weil wir die gleichen Interessen haben«

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Vor sechs Jahren waren Hiltraud und Helmut fit und auf der Hochzeit ihrer Enkelin. Aber auch heute geht immer noch was. Bei der Heimolympiade hat sich Helmut gefreut, dass seine Hiltraud einen Pokal gewonnen hat.

Vor vier Jahren fühlten sich beide noch fit, sind in eine kleinere schöne Wohnung gezogen. Das neue Zuhause war ebenerdig und hat bestens gepasst. Doch mit 80 mussten beide ihr Alter akzeptieren und erkennen, dass es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten steht. Nach ihrem Empfinden änderten sich Leben und Alltag unerwartet schnell.

Helmut benötigte nach einem Oberschenkelhalsbruch intensive Pflege. Ein Jahr lang versorgte ihn seine Frau mit Unterstützung eines Pflegedienstes. Dann wurde auch sie krank und er musste ins Pflegeheim. Kein leichter Entschluss. Hiltraud erinnert sich daran: »Als Spätfolge mehrerer Chemos, die vor 40 Jahren begannen, traten bei mir heftige Atemprobleme auf. Ich bin trotzdem froh, dass ich früher der Behandlung zugestimmt habe, sonst würde ich wahrscheinlich nicht mehr leben. Meinem Mann habe ich versprochen, dass ich zu ihm in die AWO in Schwenningen komme, wenn auch ich nicht mehr zu Hause bleiben kann. Durch meine Besuche kannte ich viele Pflegerinnen, und mir gefielen das helle Haus und der schöne Park sofort. Jetzt sind wir beide im Heim am Stadtpark, und so ist es am besten für uns. Morgens gehe ich am Zimmer meines Mannes vorbei und schaue, ob er schon an unserem Zweiertisch auf mich und das Frühstück wartet. Uns wird nicht langweilig, Abwechslung gibt’s genug, unter anderem mit Gymnastik, Musik und Trommeln, Singstunde und ab und zu auch Yoga.«

Zu unserem Gespräch kam Helmut im Rollstuhl ins Zimmer seiner Frau. Die Beine wollen nicht mehr richtig, erzählt er und beginnt seine Geschichte mit den gemeinsamen Anfängen: »Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Durch einen lustigen Zufall lernte ich meine Frau kennen. Zur Silberhochzeit meiner Tante waren deren Nachbarn eingeladen. Und zu denen gehörte meine Frau. Zu unserer Hochzeit waren wir sehr jung, meine Frau 19 und ich 21. Damals mussten die Eltern noch ihr Einverständnis geben. Meiner Frau hatte ich gut zugeredet, zu mir ins Ruhrgebiet zu ziehen. Die knappe Antwort war: Das geht nicht, ich habe eine kranke Mutter. Also gab ich meine Arbeit auf und zog zu ihr ins Schwabenland. Sie ist ein Flüchtlingskind, war zuerst in Niedersachsen und dann mit Mutter und Schwester nach Schwenningen gekommen. Schnell habe ich Arbeit bei der Firma Meder gefunden. Die war richtig gut aufgestellt, 40 Jahre lang war ich dort. Ich habe mich gut eingelebt und wollte nicht in meine alte Heimat zurück, obwohl anfangs der Dialekt für mich nicht einfach war. Arbeitslos war ich im Leben nie. Darüber waren wir beide froh. Wir hatten drei Kinder und meine Frau bekam von Meder Heimarbeit. Sie konnte bei den Kindern bleiben und wir zwei hatten damit ein gutes Einkommen.«

»Zu unseren Lebensstationen gehören drei leidenschaftliche Hobbys

Beide schwärmen von ihrer Zeit als Wanderwart. Fast jedes Wochenende waren sie mit einer Gruppe unterwegs auf Strecken, die sie vorher ausgesucht hatten. Wandern war auch in ihrer Urlaubszeit angesagt, meistens in Österreich und an der Ostsee. Zu den Hobbys gehörte das Tanzen im Lokal Wildpark. Die größte Leidenschaft aber war und ist der Fußball, erst recht wenn sich Helmut heute vor dem Fernseher wie auf Schalke fühlt und seine Lieblingsmannschaft Schalke 04 dem Leder auf der Spur ist: »Mein Bruder und ich waren große Fans und sind immer gemeinsam alle 14 Tage mit der Straßenbahn auf Schalke gefahren. In Bochum mussten wir umsteigen. Kein Heimspiel haben wir verpasst. Heute schaue ich im Fernsehen viel Sport und verpasse meine Mannschaft nie. Ich habe einen Fan-Schal, wie es sich gehört. Das ist meine Passion, einmal Schalke immer Schalke. Meine Frau schaut gern Fußball, nur nicht so fanatisch wie ich. Aber sie kennt alle Regeln und mag ab und zu mal andere Mannschaften lieber. Wir sitzen oft gemeinsam vor dem Fernseher.« Sportsendungen gehören für seine Hiltraud dazu, nur etwas lockerer und ohne Aufregung, wie sie meint: »Ich gucke hin und wieder Frauenfußball an. Wir haben immer gehofft, dass Bayern endlich mal verliert, aber die gewinnen nur. Das ist langweilig. Ich schaue mir auch andere Mannschaften an. Wenn sie gut sind, halte ich zu ihnen. Mein Mann hält in jeder Situation an Schalke fest, selbst wenn die sichtbar schlecht spielen. Als das Stadion neu und der Umbau zu einer modernen Arena fertig war, hatte mein Mann einen großen Wunsch, das einmal sehen zu können. Unsere Tochter und der Schwiegersohn haben uns das gemeinsame Erlebnis ermöglicht. Das war schon unbeschreiblich schön.«

»Unsere Kindheit und Jugend möchten wir nicht missen«

Auf die Frage, ob beide nochmal jung sein möchten, kam ein einstimmiges Nein: »Im Vergleich zu heute möchten wir die Zeit nicht missen. Wir hatten keine Ansprüche, die Eltern konnten uns nur das Nötigste kaufen. Trotzdem war es schön und wir waren zufrieden. Nach der Schule trafen wir uns spontan mit Freunden oder Nachbarkindern auf der Straße. Wir haben uns Spiele ausgedacht und redeten viel miteinander. Erst wenn von den Eltern der Pfiff zum Abendbrot kam, gingen wir nach Hause. Wo sind heute die Kinder, warum schauen sie die meiste Zeit ins Handy, warum wird wenig miteinander gesprochen. Extrem ist es im Wartezimmer. Alle schauen nur auf ihr Handy. Keiner spricht mit anderen, die warten müssen. Schade, dass viel weniger Kommunikation und spontane Kontakte stattfinden. Eltern laufen mit sturem Blick aufs Handy, schieben den Kinderwagen oder Einkaufskorb, in dem ein kleines Kind sitzt und manchmal auch schon in so ein Gerät schaut. Haben die sich nichts mehr zu sagen? Das ist nicht schön. Die Welt ginge nicht unter, wenn es jeden Tag mal eine handylose Zeit gäbe. Aber das bringt wohl die moderne neue Zeit mit sich. Wir zwei sind zufrieden mit unserem Leben und freuen uns, Zeit miteinander zu verbringen. Wir können noch viel mitmachen und kommen kaum zum Zeitungslesen, weil wir hier fast täglich Programm haben und am Nachmittag gehen wir bei schönem Wetter ein, zwei Stunden in unseren Park. Danach gibt’s Kaffee und Kuchen. Ich bin öfter bei meiner Tochter, allerdings allein. Der Weg mit dem Rollstuhl wäre für uns zu anstrengend. Für kürzere Strecken ist zum Glück eine Anfahrhilfe am Rollstuhl, so dass es unsere Tochter etwas leichter beim Schieben hat und wir gemeinsam spazieren gehen können.«

Wir zwei sind zufrieden mit unserem Leben und freuen uns, Zeit miteinander zu verbringen.

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Familie Ruhnau hat noch einen Wunsch: »Wir zwei möchten noch einigermaßen gesund bleiben, die Familie mit Kindern und Enkeln auch. Zeit kann man nicht anhalten. Aber wir möchten noch lange gemeinsam leben.«
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