Wenn man die Chance hat, goodbye zu sagen
Wenn das Leben aus den Fugen gerät, Lebensplanungen sich unwiederholbar in Luft auflösen, wenn bösartige Zellen den Körper angreifen, sich vermehren und trotz modernster Therapie nicht regulieren lassen, kann man das wirklich annehmen?
Dr. Frank Morath wurde in Schwenningen geboren, ging dort zur Schule, hat in Konstanz Sozialwissenschaft studiert und promoviert. Viel zu früh und in atemberaubender Schnelligkeit mussten er und seine Partnerin die letzte Lebensstation akzeptieren. Bei unserem Gespräch war er seit drei Wochen Gast im Hospiz Via Luce in Schwenningen. Nach der OP mit einer künstlichen Blase genossen beide zwei Jahre Hoffnung. Leider kam die Erkrankung mit diffusen Schmerzen zurück. Es folgten Untersuchungen, wieder eine OP und mitten in der Immuntherapie wurden alle Hoffnungen zerstört. Der Krebs war zurück. »Meine Partnerin und ich hatten immer das Motto: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und plötzlich kreisten unsere Gedanken im Achterbahntempo. Das war frustrierend. Wir mussten nach Arztgesprächen akzeptieren, dass mit meinen vielen Baustellen im Körper ein Leben zu Hause nicht möglich war. Ich war auf professionelle Pflege angewiesen. Selbst ein sehr bemühtes ambulantes Palliativteam kam in meinem Fall an die Grenzen. Mir war klar, ich kann einfach nicht mehr. Natürlich hat der Gedanke an ein Hospiz starke Emotionen ausgelöst, zum Glück hatte ich keine Berührungsängste damit. Jetzt sind wir hier, wo meine Familie und viele Freunde sind.
Für alle und vor allem meine Partnerin war meine plötzliche Lebenssituation eine Vollkatastrophe. Uns wurde klar, dass es jetzt nur noch darum geht, wie wir alle mit der Situation fertig werden.«
Sie haben einen Weg gefunden . . .
Birgit Kumpfmüller reflektiert die letzten Wochen: »Wir haben einen Weg gefunden, wie vor allem Frank und jeder von uns in seiner letzten Lebenszeit zur inneren Ruhe kommen kann. Eigentlich haben wir beide immer schon bewusst im Hier und Jetzt gelebt. Jetzt genießen wir erst recht jeden Tag, der uns bleibt und leben ihn erfüllt. Dafür haben wir Pläne geschmiedet. Eine große Hilfe ist seine Familie, besonders seine Schwester Michaela. Die Mama kocht manchmal Franks Lieblingsspeise und bringt sie hierher. Seine Jungs waren schon zum zweiten Mal im Hospiz und die Freunde geben sich gegenseitig die Türklinke in die Hand. Auch meine Familie ist gekommen. Manche reisen von außerhalb an. Selbst enge Freunde aus Köln waren bei uns. Für Frank ist das eine tolle Wertschätzung und die Gespräche sind sein Motor, nicht aufzugeben. Als Familie konnten wir sogar in einem Extraraum frühstücken. Hier wird alles möglich gemacht, nichts wird zum Problem. Frank und ich genießen zu zweit das Mittagsessen an einem schön gedeckten Tisch. Wenn unsere Zeit hier nicht so einen ernsthaften Hintergrund hätte, würden wir sagen, wir sind in einem unglaublich gastfreundlichen Hotel mit fünf Sternen untergekommen.«

Noah (11 Jahre) und Jaron (14 Jahre) besuchen den Papa
und schmieden Pläne, wie er in ihrer Erinnerung bleibt.
Wenn das Kopfkino läuft und läuft . . .
Der Verlauf unseres Gesprächs wird immer lebendiger und Dr. Morath erzählt von den Gedanken an seine Kinder. »Ich lebe in meiner letzten Station, bin aber noch nicht so weit, dass ich sage, ich kann jetzt sterben. Vor mir stehen noch viele Aufgaben, die ich mit meiner Birgit erledigen möchte. Ich schreibe viele Karten an Menschen, die mein Leben begleitet haben. Der Gedanke, dass ich den Lebensweg meiner Jungs nicht mehr mitgehen kann, macht mich traurig. Sie sind erst 11 und 14 Jahre alt. Als Papa möchte ich beiden etwas fürs Leben mitgeben. Meine Schwester hatte die Idee für einen Podcast, damit die Jungs meine Stimme in Erinnerung behalten können. Mir macht sehr zu schaffen, dass ich nicht mehr erfahre, welche Wege die zwei einschlagen. Wenn sie mich besuchen, sprechen wir nicht davon, dass wir uns vielleicht nicht mehr sehen werden. Wir sagen: Ich habe dich lieb. Ich rede auch nicht von einer Beerdigung, sondern von einem Fest, bei dem ich vielleicht mit Erzählungen im Podcast dabei bin. Daran feile ich noch. Mit meiner Nichte habe ich ein Projekt am Start. Sie zeichnet gern und sehr gut. Vor Jahren habe ich für meine Kinder die Geschichte ›Leo der Löwe‹ geschrieben, die einen Bezug zu unserer früheren Lebenssituation hat. Daraus wird jetzt ein Buch, das ich den Jungs geben möchte.
Mich hat sehr gefreut, als mein Jüngster meinte, dass er einen Rahmen für das Foto mit uns Dreien kauft, um das Bild in seinem Zimmer aufzuhängen. Sehr emotional wurde es, als uns die beiden von ihrem Projekt erzählten. In unserer Kölner Straße haben Sie einen Plan mit einer Laterne. Hintergrund ist, dass ich die beiden alle 14 Tage am Sonntag zur Mama gebracht habe. Dabei hatten wir ein Ritual. Wir verabschiedeten uns an der Laterne. Meine Jungs haben dem Mann, vor dessen Haus sie steht, von ihrem Wunsch erzählt: Sie möchte an der Laterne eine Blume mit einem Zettel und einem Bild von mir anbringen. Und er hat versprochen, dass er die Blume gut versorgen wird.«
Dr. Frank Moraths Lebenspartnerin stellt einen Kasten mit vielen beschriebenen Zetteln auf den Tisch: »Ich finde es schön, wie die Jungs mit uns planen. Und hier in dem Kasten hat Frank auf Zetteln mit dem jeweiligen Datum aufgeschrieben, was er gemeinsam mit den Jungs an den Papa-Wochenenden gemacht hat. Auf dieser Karte steht zum Beispiel: Wir haben das Spiel ›Schule der magischen Tiere‹ und den Film ›Wochenendrebellen‹ angeschaut. Die Jungs haben Nudelauflauf gekocht.«
»Wir haben unseren Weg gefunden
