»Heute bin ich froh, dass ich meine große Bande habe«
Eine bemerkenswerte Lebensgeschichte in Zahlen: Geboren wurden 13 Kinder, 11 leben heute noch in ihrer Nähe, gezählt hat sie 44 Enkel und 45 Urenkel und erinnert sich daran, als der Tisch zu Hause immer leerer wurde. Christa Vorlop erzählt über ihren Lebensinhalt: Die große Familie.
»In meinem Leben war vieles anders als bei anderen. In Unterfranken bin ich bei meiner Oma groß geworden. Als sie starb, kam ich zu meinen Tanten. Trotzdem hatte ich eine schöne Kindheit. Meinen Bruder lernte ich kurz vor dem Tod unserer Mutter kennen. Wir haben heute noch Kontakt. Als Kind hatte ich ein kleines rotes Notfall-Köfferle. Da waren alle wichtigen Sachen drin, die ich brauchte und die meine Oma von mir hatte. Es war Krieg und wir mussten bei Alarm eine Gasmaske mit in den Keller nehmen. Wollten wir zum Klo, mussten wir hinter dem Haus nach draußen. Einmal lief ich einem amerikanischen Soldaten in die Arme und habe furchtbar geschrien. Aber er war lieb, holte eine Blechdose und schenkte mir und den umstehenden Kindern Kekse. In der Schule bekamen wir Essen. Wenn die Amis nicht viel Zeit hatten, gab es nur einen Kaba. Die waren gut zu uns. Aber einen Krieg möchte ich nicht nochmal erleben. Als junge Frau lernte ich meinen Mann kennen. Er war beinamputiert und die meiste Zeit daheim. Mit ihm bin ich nach Villingen gezogen. Ich habe 13 Kinder geboren, 12 davon kamen daheim auf die Welt.

Christa Vorlops 70. Geburtstag inmitten ihrer Kinder: Heiko, Moni, Horst, Ralf, Geli, Wolle, Matze, Evelyn, Patrick, Dani und Chrisi (von rechts nach links).
Warum ich mir früher neun Kinder wünschte, weiß ich nicht mehr. Für mich waren meine Kinder mein Leben. Die Großen passten auf die Kleinen auf und die Kleinen waren sauer, weil sie die Sachen der Großen auftragen mussten. Mir kommen viele Erinnerungen in den Kopf. Essen kochen war kein Problem. Aber bis meine Schulkinder alle ihr Essen hatten, das war ein Theater. Jeder kam zur anderen Zeit nach Hause. Die Töpfe habe ich im Bett warmgehalten. Mit meiner Bande war ich gern auf der Wiese. Dort konnten sie toben und wir machten Blödsinn miteinander. Was im Fernsehen geguckt wurde, bestimmte ich. Und wenn es ein Gewitter gab, mussten alle aufstehen und sich anziehen. Auch wenn sie mich mal ärgerten, habe ich alle gleichbehandelt. Sonst hätte es untereinander Streit gegeben. Von Anfang an versuchte ich das zu vermeiden. Als ich ins Krankenhaus musste, wollten sieben bei mir im Bett schlafen. Ich lag außen, stützte mich mit dem rechten Bein auf dem Boden ab, damit wir nicht alle rausfielen. Geschlafen hat keiner. Oft waren meine Kinder im Villinger Familienfreizeitpark, ein paar auch im Zirkus Montana. Selbst Geburtstage haben wir dort gefeiert und ich habe ab und zu im Park geholfen. Das war eine schöne Zeit. Im Sommer sammelten wir im Wald Blaubeeren für zwei Kuchen. Backen und Kochen wollten die meisten mit mir. Doch mir war es ein Graus, wenn die noch andere Kinder zum Kochen mitbrachten. Oh je… die Küche sah furchtbar aus. Aber das Schlimmste war für mich, mit allen am Nachmittag Hausaufgaben zu machen. Meine Kinder hielten wie Pech und Schwefel zusammen, aber nie gegen mich. Ausgezogen sind sie erst, wenn sie heiraten wollten. Davon wollte ich gar nichts wissen. Für mich war es schlimm, wenn der Tisch immer leerer wurde. Vor einem Jahr bin ich umgezogen. Meine Vermieterin hat immer gesagt, ich solle doch noch ein bissel bei ihr bleiben. Ich habe mich schwer von meiner Wohnung getrennt. Den Umzug fanden die Kinder besser und ich heute auch. Mein Zuhause ist jetzt in Mönchweiler im Casa Vitale, in einer ambulanten Wohngruppe. Fast jeden Tag ist eines meiner Kinder hier. Und einer meiner Enkel, der früher oft bei mir war und damals abends heimlich unter den Wäscheständer krabbelte, um mit Fernsehen zu gucken, der wünschte sich, dass ich 100 Jahre alt werde. Da muss ich mich aber anstrengen.«
»Heute leben noch 11 Kinder und wohnen in meiner Nähe